Der Hass auf den Westen: Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren

Der Hass auf den Westen: Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren

by Jean Ziegler
     
 
»Jean Ziegler wird mit diesem Preis für sein Engagement für die am stärksten ausgebeuteten Menschen auf diesem Planeten geehrt.« Die Begründung für die Verleihung des Literaturpreises für Menschenrechte für »Der Hass auf den Westen«

Er gilt als scharfzüngiger Globalisierungskritiker, als

Overview

»Jean Ziegler wird mit diesem Preis für sein Engagement für die am stärksten ausgebeuteten Menschen auf diesem Planeten geehrt.« Die Begründung für die Verleihung des Literaturpreises für Menschenrechte für »Der Hass auf den Westen«

Er gilt als scharfzüngiger Globalisierungskritiker, als »Stimme der Armen und Schrecken der Mächtigen« (so der Stern): Jean Ziegler ist einer der letzten zornigen Linken, der unermüdlich Elend, Unterdrückung, Menschenverachtung und die Arroganz der Reichen als Resultat eines global agierenden Kapitalismus und einer »mörderischen Weltordnung« anprangert. In seinem neuen Buch, für das er Ende 2008 mit dem Literaturpreis für Menschenrechte ausgezeichnet wurde, diagnostiziert er wachsenden Hass der Armen und Entrechteten auf den Westen. Dessen Nährboden sind gegenseitiges Unverständnis sowie das Bewusstsein jahrhundertelanger Verachtung und Unterdrückung – mit weit reichenden Folgen für globale Friedenspolitik.

Jean Ziegler ist Mitglied des UN-Menschenrechtsrates und einer der international bekanntesten Globalisierungskritiker.


Product Details

ISBN-13:
9783641036966
Publisher:
C. Bertelsmann Verlag
Publication date:
11/20/2009
Sold by:
Barnes & Noble
Format:
NOOK Book
Pages:
288
File size:
423 KB

Read an Excerpt

Märzschauer peitschten die hundertjährigen Bäume des Chemin de l'Ermitage in Genf. Eine feine Schicht von nassem Schnee bedeckte das leuchtende Rot der Magnoliensträucher, das Rosa der japanischen Kirschbäume und die goldenen Zweige der Forsythien.
Kurz vor Mitternacht, es herrschte Eiseskälte.
Ich ging neben einer eleganten Frau in einem weißen und ockerfarbenen Sari, über dem sie einen Wollmantel trug. Es war Sarala Fernando, Botschafterin von Sri Lanka bei den Vereinten Nationen in Genf.
Wir kamen von einem Dinner, das Paul Kavanagh, der irische Botschafter, in seinem Amtssitz für europäische, asiatische und afrikanische Diplomaten gegeben hatte. Den ganzen Abend lang hatten wir darüber diskutiert, welche Maßnahmen ergriffen werden könnten, um dem schrecklichen Völkermord Einhalt zu gebieten, den der sudanesische Diktator General Omar Bachir schon seit Januar 2003 in den Gebirgsmassiven und Savannen von Darfur verübt.
Die Männer, Frauen und Kinder der Massalit, Fur und Zaghawa sterben zu Tausenden unter den Bomben der Antonows und den Lanzenstößen der Dschandschawid, der arabischen Reitermilizen. Wie die apokalyptischen Reiter fallen diese Mörder über die afrikanischen Dörfer her, vergewaltigen und verstümmeln die Frauen und jungen Mädchen, schneiden ihnen die Kehle durch, werfen die Kinder lebendig in die Flammen der brennenden Hütten, massakrieren Männer, Jugendliche und Greise.
Die Dschandschawid töten auf Befehl der Generale, die in Khartum an der Macht sind und die ihrerseits von den »Vordenkern« der Islamischen Heilsfront ferngesteuert werden.
Wir schreiben den 20. März 2007.
Vier Tage zuvor hatte die Nobelpreisträgerin Jody Williams als Präsidentin der Untersuchungskommission für Darfur im Saal XIV des Genfer Völkerbundpalastes ihren Bericht dem UN-Menschenrechtsrat vorgetragen.
Die unstreitige, belegbare Bilanz des Völkermords: in vier Jahren mehr als zweihunderttausend Tote, hunderttausende verstümmelte Menschen und über zwei Millionen Flüchtlinge oder Vertriebene.

Auf dem von Paul Kavanagh und seiner Gattin organisierten Dinner sollte eine Kompromissresolution aufgesetzt werden, die man noch in derselben Woche den Vertretern der siebenundvierzig Mitgliedstaaten des Rates übergeben wollte.
Seit 2007 spielt der Menschenrechtsrat auf internationaler Ebene eine entscheidende Rolle. Nach der Generalversammlung und dem Sicherheitsrat ist er die drittwichtigste Instanz der UNO. Im Gegensatz zum Sicherheitsrat kennt der Menschenrechtsrat kein Vetorecht. Die Großmächte sind dort dem Gesetz der Mehrheit unterworfen, die ihrerseits von einem Bündnis zwischen den Mitgliedstaaten der OIC (Organisation der Islamischen Konferenz) und den Staaten der Blockfreien Bewegung NAM beherrscht wird. Die wiederauferstandene Bewegung von Bandung nennt sich NAM (Non Aligned Movement; dt.: blockfrei). Der alte Name wurde beibehalten, obschon es den zweiten Block, den kommunistischen, seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 nicht mehr gibt.
Mehr und mehr — und das gilt insbesondere für den Fall Darfur — übernimmt der Menschenrechtsrat die Rolle eines Anti-Sicherheitsrats.
Die Resolution sah vor, vom Tschad aus humanitäre Korridore zu öffnen, um Lebensmittel, Wasser und Medikamente für die Opfer herbeizuschaffen, sowie den Luftraum von Darfur für alle nicht von der UNO genehmigten Flüge zu sperren.
In dem eisigen Wind kommt Sarala Fernando nur mühsam voran. Sie ist eine Frau reiferen Alters mit schönen schwarzen Augen und großem Scharfsinn, die unter den in Genf akkreditierten asiatischen Diplomaten ein hohes Maß an Einfluss und Ansehen genießt.
Plötzlich bleibt sie mitten auf dem Weg stehen. »Why are they attacking us all the time?... We are civilized... But sometimes it is very difficult to control ourselves, not to speak out...« (»Warum greifen sie uns ständig an? ... Wir sind doch zivilisierte Menschen . Aber manchmal haben wir große Mühe, uns zu beherrschen, unsere Meinung nicht klar und deutlich zu sagen ...«).
Nur mühsam zügelte Sarala Fernando ihren Zorn. Der Vorschlag, der von den Vertretern der Europäischen Union vorgebracht worden war — in einer scharfen Resolution das islamistische Regime des Sudans zu verurteilen —, empörte sie. Am Tisch des irischen Botschafters hatte sie geschwiegen. Aber jetzt explodierte sie.
»And the Germans, what did they do not so long ago?« (»Und was
haben die Deutschen vor noch gar nicht so langer Zeit getan?«). Die Anspielung galt dem deutschen Botschafter Michael Steiner, der damals, im März 2007, gerade den Vorsitz in der Gruppe der Botschafter der Europäischen Union innehatte.
»Und die Engländer? Erinnern Sie sich, was sie mit den indischen Webern gemacht haben? Um die indische Textilindustrie zu zerstören und ihr eigenes Monopol durchzusetzen, haben sie den Webern — Männern, Frauen und Kindern — die Finger gebrochen ... Und bei uns in Sri Lanka haben die Engländer, als sie kamen, hunderttausende Hektar bestellten Lands, auf dem unsere Bauern arbeiteten und lebten, zu waste lands — herrenlosem Ödland — erklärt. Die Bauern wurden verjagt. Hunderttausende von Dorfbewohnern sind verhungert. Auf den Massengräbern, die mit den Leichen unserer Bauern gefüllt waren, haben die Engländer ihre Teeplantagen angelegt.«
In der eisigen Nacht erkannte ich überrascht, dass diese Intellektuelle buddhistischer Herkunft, die zweifellos gebildet und eingehend über die Gräueltaten von Darfur informiert war, jede Kritik westlicher Vertreter an der Diktatur Omar Bachirs als einen unerträglichen Angriff auf die Völker der südlichen Hemisphäre empfand.
Sarala Fernando ist natürlich nicht blind für die Leiden der Menschen in den drei westsudanesischen Provinzen. Wie jeder fühlende Mensch ist sie entsetzt über das Wüten der Dschandschawid — die Massenvergewaltigungen afrikanischer Frauen, die Verstümmelungen der Kinder und die Massaker an den Vätern vor den Augen der versammelten Familien.
Trotzdem lehnt sie jede Form der Zusammenarbeit mit den europäischen Mitgliedstaaten des Rats für Menschenrechte ab.
Diese Ablehnung hat Konsequenzen. Um die Verwundeten zu evakuieren, die Toten würdig zu bestatten und die noch lebende Bevölkerung zu schützen, muss ein bestimmter UN-Mechanismus ins Werk gesetzt werden, der nur mit der Unterstützung der wichtigsten Staaten — also auch derjenigen des Südens — funktionieren kann. Dieser Mechanismus heißt Responsibility toprotect (»Schutzverantwortung«).
Am 6. Oktober 2006 hatte der Sicherheitsrat eine Resolution verabschiedet, der zufolge zwanzigtausend Blauhelme entsandt werden sollten, um den Genozid an der afrikanischen Bevölkerung Darfurs zu beenden. Doch die Umsetzung dieser Resolution war aufgrund der Responsibility to protect nur mit der Unterstützung der wichtigsten Staaten möglich. Die Weigerung, mit den westlichen Staaten zusammenzuarbeiten, bedeutete in diesem Fall, dass man den Völkermördern freie Hand ließ.
Sarala Fernando ist ein Musterbeispiel für die hochrangigen Diplomaten der südlichen Hemisphäre.


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