Die Behandlung: Der 2. Fall für Jack Caffery - Roman [NOOK Book]

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Ein schockierendes Verbrechen stellt die Londoner Polizei vor ein Rätsel: Ein Fremder hat die Familie Peach in ihrem eigenen Haus überfallen. Unaussprechliches muss sich zugetragen haben, bevor er wieder verschwand, nicht ohne den kleinen Sohn der Peaches mit sich genommen zu haben. Doch die schwer verletzten Eltern können der Polizei keine Angaben zu den Geschehnissen machen. Oder wollen es nicht. Und schon bald macht in der Gegend das Wort ...
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Die Behandlung: Der 2. Fall für Jack Caffery - Roman

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Overview

Ein schockierendes Verbrechen stellt die Londoner Polizei vor ein Rätsel: Ein Fremder hat die Familie Peach in ihrem eigenen Haus überfallen. Unaussprechliches muss sich zugetragen haben, bevor er wieder verschwand, nicht ohne den kleinen Sohn der Peaches mit sich genommen zu haben. Doch die schwer verletzten Eltern können der Polizei keine Angaben zu den Geschehnissen machen. Oder wollen es nicht. Und schon bald macht in der Gegend das Wort von einem unheimlichen "Troll" die Runde, der kleine Kinder töten soll.

Bei Detective Inspector Jack Caffery ruft der Fall Erinnerungen an das Verschwinden seines eigenen Bruders wach, der als Kind möglicherweise ebenfalls einem Verbrechen zum Opfer fiel. Nie vernarbte Wunden reißen wieder auf, als immer mehr Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar werden. Die Ermittlungen werden für Caffery zunehmend zu einem emotionalen Kraftakt - und dabei hat der Albtraum gerade erst begonnen...


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Product Details

  • ISBN-13: 9783894805807
  • Publisher: Bantam Press
  • Publication date: 7/2/2002
  • Language: German
  • Sold by: Barnes & Noble
  • Format: eBook
  • Pages: 512
  • File size: 2 MB

Read an Excerpt

Als alles vorbei war, musste sich Detective Inspector Jack Caffery
von der Mordkommission Südlondon eingestehen, dass ihn an jenem wolkenverhangenen
Juliabend in Brixton am meisten die Krähen aus der Fassung gebracht
hatten.

Sie waren schon da, als er aus dem Haus der Familie Peach trat - gut
zwanzig Vögel, die ihn vom Rasen des Nachbargartens aus zu beobachten
schienen und sich weder um die Polizeiabsperrung scherten noch um
die Neugierigen oder die Beamten von der Spurensicherung. Einige der
Krähen hatten den Schnabel geöffnet, während andere nach Luft zu schnappen
schienen. Sie starrten ihn an, als wüssten sie, was in dem Haus passiert
war. Als machten sie sich insgeheim darüber lustig, wie sehr ihn der
Anblick schockiert hatte, der sich ihm am Tatort geboten hatte, und
als spotteten sie über seine unprofessionelle Reaktion, darüber, dass
er die ganze Geschichte viel zu persönlich nahm.

Erst später gestand er sich ein, dass das Verhalten der Krähen völlig
normal gewesen war, dass sie keinesfalls seine Gedanken gelesen oder
gewusst haben konnten, was der Familie Peach Schreckliches zugestoßen
war. Doch in diesem Moment ließ ihn bereits der Anblick der schwarzen
Vögel erschaudern. Am Ende des Gartenweges blieb er stehen, streifte
den Schutzanzug ab und reichte ihn einem Kriminaltechniker. Dann schlüpfte
er in die Schuhe, die er jenseits des Absperrbands aus Plastik hatte
stehen lassen, und ging auf die Vögel zu. Sie schlugen mit ihren blauschwarzen
Flügeln, flatterten hoch und setzten sich ein Stück entfernt in einen
Baum.

Der Brockwell Park im Süden Londons ist ein aus Baumgruppen und Wiesenflächen
bestehendes, riesiges Dreieck, dessen Spitze bis zum Bahnhof Herne
Hill reicht. Wie ein Riegel schiebt sich die knapp zwei Kilometer
lange Grünfläche durch die Stadtlandschaft. Westlich des Parks liegt
Brixton, wo die Gemeindearbeiter am frühen Morgen manchmal Sand auf
die Straße streuen, um das nachts vergossene Blut zu bedecken. Im
Osten grenzt der Park an den Stadtteil Dulwich mit seinen blumengeschmückten
Altenresidenzen und neoklassizistischen gläsernen Kuppeldächern. Donegal
Crescent, wie die Adresse des Tatorts lautete, lag umittelbar am Rand
dieses Parks. Am Anfang der ruhigen, kleinen Straße lag eine mit Brettern
vernagelte Kneipe, an ihrem Ende ein indischer Lebensmittelladen.
Ansonsten war sie von Reihenhäusern des sozialen Wohnungsbaus aus
den Fünfzigerjahren gesäumt. In den Vorgärten wuchsen weder Bäume
noch Blumen, und die Fenster und Türen waren braun gestrichen. Nach
vorne gingen die Häuser auf eine ungepflegte, hufeisenförmige Grasfläche
hinaus, wo sich gegen Abend Kinder auf ihren Fahrrädern austobten.
Caffery konnte sich gut vorstellen, dass sich die Peaches hier ziemlich
sicher gefühlt hatten.

Er stand mit hochgekrempelten Ärmeln vor dem Haus und war froh, endlich
wieder an der frischen Luft zu sein. Er drehte sich eine Zigarette
und schlenderte dann zu einigen Beamten hinüber, die neben dem Einsatzwagen
der Spurensicherung standen. Als er näher kam, brachen die Männer
ihr Gespräch ab. Er wusste genau, was sie dachten. Obwohl Caffery
erst Mitte dreißig und durchaus kein hohes Tier war, eilte ihm in
Südlondon ein gewisser Ruf voraus. Ja, die Police Review hatte ihn
sogar einmal als einen »unserer jung-dynamischen Aufsteiger« bezeichnet.
Er wusste also, dass er in Polizeikreisen hohes Ansehen genoss, und
fand diese Vorstellung eher komisch. Wenn die wüssten, dachte er nur
und hoffte, dass keiner der Beamten seine zitternden Hände bemerken
würde.

»Und?« Er zündete die Zigarette an und starrte auf eine versiegelte
Plastiktüte, die ein junger Kriminaltechniker in der Hand hielt. »Was
gefunden?«

»Wir haben das hier drüben im Park entdeckt, vielleicht zwanzig Meter
hinter dem Haus der Familie Peach.«

Caffery betrachtete den Inhalt der Tüte, einen Kinderturnschuh von
Nike, der kaum größer war als seine Handfläche. »Wer hat den gefunden?«

»Die Hunde, Sir.«

»Und?«

»Kurz darauf haben sie leider die Spur verloren. Zuerst waren sie ganz
wild, kaum zu halten.« Ein Sergeant, der das blaue Hemd der Hundeführerstaffel
trug, stand auf den Zehenspitzen und wies über die Dächer zu der Stelle,
wo in der Ferne die Bäume des Parks dunkel in den Himmel ragten. »Zuerst
sind sie die ganze Zeit dem Weg am westlichen Rand des Parks gefolgt,
aber nach ungefähr einem Kilometer war plötzlich Schluss.« Er blickte
skeptisch zum Abendhimmel auf. »Und jetzt wird es auch noch dunkel.«

»Ja, leider. Am besten, wir fordern Suchhubschrauber an.« Caffery gab
dem jungen Mann den Turnschuh zurück. »Verwahren Sie das Ding in einer
luftdichten, sterilen Tüte.«

»Wie bitte?«

»Haben Sie etwa nicht gesehen, dass Blut daran klebt?«

Die Scheinwerfer des Helikopters flammten auf und tauchten das Haus
der Familie Peach und die Bäume unten im Park in gleißendes Licht.
Im Vorgarten untersuchten Beamte der Spurensicherung in blauen Gummianzügen
Zentimeter für Zentimeter den Rasen auf Spuren. Und jenseits des Absperrbandes
standen die schockierten Nachbarn in kleinen Gruppen rauchend und
flüsternd beisammen und umdrängten sogleich neugierig jeden Kripobeamten,
der ihnen zu nahe kam. Auch die Presse war schon da und wartete ungeduldig
auf Neuigkeiten.

Caffery stand neben dem Wagen der Einsatzleitung und blickte nachdenklich
auf das Haus, ein zweistöckiges Reihenhaus mit grobem Kieselputz.
Die Fensterrahmen waren aus Aluminium, über der Haustür sah man einen
feuchten Fleck, und oben auf dem Dach war eine Satellitenschüssel
installiert. In den Fenstern hingen weiße Gardinen, dahinter zugezogene
dunkle Vorhänge.

Caffery hatte die Familie Peach - beziehungsweise das, was von ihr
noch übrig war - zwar erst hinterher zu Gesicht bekommen, aber die
Leute kamen ihm dennoch bekannt vor. Beziehungsweise nicht sie selbst,
sondern der Typ, den sie verkörperten. Die Eltern, Alek und Carmel,
gehörten nicht unbedingt zu jenen Opfern, die automatisch das Mitgefühl
der Ermittler weckten: Beide waren Alkoholiker, beide waren arbeitslos,
und Carmel Peach hatte sogar die Sanitäter beschimpft, als man sie
zum Rettungswagen gebracht hatte. Den neunjährigen Rory, den einzigen
Sohn des Paares, hatte Caffery allerdings nicht gesehen. Als er am
Tatort eingetroffen war, hatten die Beamten des zuständigen Reviers
schon das halbe Haus auseinander genommen und bereits in sämtlichen
Schränken, auf dem Dachboden, ja sogar hinter der Wandvertäfelung
nach dem Jungen gesucht. In der Küche hatte man einen Blutspritzer
auf der Fußleiste entdeckt und in der Tür, die nach hinten in den
Garten hinausführte, eine zertrümmerte Scheibe. Gemeinsam mit einem
anderen Beamten war Caffery zu einem mit Brettern vernagelten Nachbarhaus
gegangen, hatte sich die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt
und war dann auf dem Bauch durch ein Loch in der Hintertür in das
Haus hineingekrochen. Entdeckt hatten die beiden allerdings nur die
üblichen Obdachlosen-Hinterlassenschaften. Ansonsten kein Lebenszeichen.
Auch von Rory Peach keine Spur. Alles in allem sprachen die Fakten
eine sehr deutliche Sprache, und für Caffery beschworen sie zudem
Ereignisse aus seiner Vergangenheit herauf, Erinnerungen, gegen die
er sich nicht wehren konnte. Hör endlich auf mit dem Schwachsinn,
Jack. Pass auf, dass du nicht noch mal völlig ausrastest.

»Jack?« Wie aus heiterem Himmel stand plötzlich seine Chefin, Chief
Inspector Danniella Souness, neben ihm. »Alles in Ordnung?«

Er sah sie an. »Danni, mein Gott, gut, dass Sie da sind.«

»Was ist hier eigentlich los? Sie sehen ja verboten aus.«

»Danke, Danni.« Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht und streckte
seine Glieder. »Ich bin ja auch schon seit Mitternacht in Bereitschaft.«

»Und was genau ist hier los?« Sie zeigte auf das Haus. »Hab ich recht
verstanden - ein kleiner Junge wird vermisst? Rory?«

»Ja. Eine ganz üble Geschichte. Der Junge ist erst neun Jahre alt.«

Souness atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf. Sie war stämmig
gebaut und nur eins sechzig groß, doch in ihrem Männeranzug und den
schweren Stiefeln brachte sie glatt siebzig Kilo auf die Waage. In
diesem Aufzug, mit ihrem kurz geschorenen Haar und ihrer blassen Haut
sah sie eher wie ein jugendlicher Straftäter bei seinem ersten Gerichtstermin
aus als eine vierzigjährige Chefinspektorin. Doch das täuschte. Sie
nahm ihren Job ausgesprochen ernst. »Und was sagen die Kollegen von
der Kripo?«

»Die haben sich hier noch nicht blicken lassen.«

»Typisch - die faulen Säcke.«

»Die Jungs vom zuständigen Revier haben schon die ganze Bude auseinander
genommen, aber bisher nichts gefunden. Ich hab Suchtrupps und Hundestaffeln
in den Park geschickt und Suchhubschrauber angefordert.«

»Und woher wissen Sie, dass der Kleine sich im Park befindet?«

»Die Häuser hier stehen alle direkt am Rand des Parks.« Er wies auf
die Bäume, die hinter den Dächern aufragten. »Außerdem gibt es einen
Zeugen, der gesehen hat, wie irgendetwas das Haus Nummer dreißig durch
die Hintertür verlassen hat und dann zwischen den Bäumen verschwunden
ist. Im Übrigen war die Hintertür nicht abgeschlossen, und dann gibt
es noch ein Loch im Zaun. Außerdem haben unsere Jungs am Rand des
Parks einen Schuh gefunden.«

»Okay, okay. Klingt plausibel.« Souness verschränkte die Arme vor der
Brust und beobachtete aufmerksam die Kriminaltechniker, die Fotografen
und die Beamten des zuständigen Reviers, die geschäftig herumliefen.
Im Eingang des Hauses überprüfte gerade ein Kameramann seinen Batteriegürtel
und verstaute dann seine schwere Betacam vorsichtig in einer Kiste.
»Sieht fast so aus, als würde hier irgendein verdammter Film gedreht.«

»Die Kollegen von der Spurensicherung wollen die ganze Nacht durcharbeiten.«

»Und was ist mit dem Rettungswagen? Die Idioten hätten mich vorhin
fast über den Haufen gefahren.«

»Ach so, das war die Mutter. Man hat sie zusammen mit dem Vater ins
King's Hospital verfrachtet. Sie kommt auf jeden Fall durch, aber
den Mann hat's böse erwischt. Hat offenbar einen Schlag auf den Hinterkopf
bekommen, der arme Kerl«, sagte Caffery und legte sich die Hand in
den Nacken. Dann sah er sich um, neigte sich ein wenig zu ihr vor
und sagte leise: »Danni, es gibt da ein paar Fakten, von denen die
Schmierblätter auf keinen Fall Wind bekommen dürfen.«

»Zum Beispiel?«

»Wir haben es hier nicht mit einem Streit um das Sorgerecht zu tun.
Der entführte Junge ist das Kind beider Eltern, es gibt also sonst
niemanden, der Anspruch auf den kleinen Rory erheben würde.«

»Also Erpressung?«

»Nein, auch das nicht.« Die finanziellen Verhältnisse der Familie Peach
waren nun wahrlich nicht dazu angetan, einem potenziellen Erpresser
Hoffnungen zu machen. »Wenn ich Ihnen erzähle, was in dem Haus sonst
noch so alles passiert ist, werden Sie sofort kapieren, wieso wir
die Schmuddelpresse da raushalten müssen.«

»Also, was ist denn nun wirklich passiert?«

Caffery wies mit dem Kopf auf die Journalisten und die Nachbarn. »Am
besten, wir verziehen uns in den Wagen dort drüben.« Er legte Souness
die Hand auf den Rücken. »Ich möchte auf keinen Fall, dass uns jemand
belauscht.«

»Also gut.« Souness kroch in den Wagen der Spurensicherung, und Caffery
schob sich hinterher. Innen hingen Spaten, Schneidewerkzeuge und sonstige
Hilfsmittel an den Wänden, und in der Ecke summte ein Kühlschrank,
der offenbar zur Aufbewahrung verderblicher Beweisstücke diente. Er
schloss die Tür und schob Souness mit dem Fuß einen Hocker zu. Als
sie sich gesetzt hatte, nahm er ihr gegenüber Platz, stützte die Hände
auf die Knie und sah sie aufmerksam an.

»Ja, und?«

»Ziemlich beunruhigend, die ganze Geschichte.«

»Was heißt das?«

»Der Täter muss sich längere Zeit in dem Haus aufgehalten haben.«

Souness legte die Stirn in Falten und schüttelte konsterniert den Kopf.
Offenbar hatte sie das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte.
»Er hat sich längere Zeit in dem Haus aufgehalten?«

»Genau. Und zwar rund drei Tage. Er hat die Leute gefesselt und ihnen
weder etwas zu essen noch zu trinken gegeben. Detective Sergeant Quinn
behauptet sogar, dass spätestens innerhalb der nächsten zwölf Stunden
einer von ihnen gestorben wäre.« Er hob die Augenbrauen. »Das Schlimmste
ist allerdings der Gestank.«

Souness verdrehte die Augen. »Klingt verlockend.«

»Und dann ist da noch dieses Geschmiere an der Wand.«

»Herrgott.« Souness lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durch
ihr Borstenhaar. »Klingt ganz schön pervers.«

Er nickte. »Ja. Aber der Kerl kann noch nicht weit sein. Wir haben
den ganzen Park abgeriegelt, den kriegen wir.«

Er wollte schon wieder aus dem Wagen steigen. »Jack?«, hielt Souness
ihn zurück. »Da ist doch noch etwas.«

Er stand einen Augenblick schweigend da und rieb sich mit der Hand
den Nacken. Fast kam es ihm vor, als ob sie mit ihren wachen Augen
direkt in seinen Kopf geschaut hätte. Sie mochten einander, ohne genau
sagen zu können, worauf ihre wechselseitige Sympathie beruhte. Jedenfalls
arbeiteten sie gerne zusammen. Trotzdem gab es da ein paar Dinge,
über die er auch mit ihr lieber nicht sprach.

»Nein, nein, Danni«, murmelte er schließlich und brachte umständlich
seinen Schlips in Ordnung. Er wollte lieber gar nicht wissen, wie
weit sie ahnte, was in ihm vorging. »Am besten, wir gehen jetzt los
und schauen uns mal etwas im Park um.«

Draußen war inzwischen die Nacht hereingebrochen. Über dem Brockwell
Park stand tief und rot der Mond am Himmel.

Vom hinteren Ende des Donegal Crescent aus schien es, als würde sich
der Brockwell Park kilometerweit erstrecken und den gesamten Horizont
ausfüllen. Seine Hügel waren fast kahl, bis auf ein paar schäbige,
unbelaubte Bäume auf der Kammlinie und eine Gruppe immergrüner Exoten
auf dem höchsten Punkt. Am Westhang hingegen drängten sich auf einer
mehrere Fußballfelder großen Fläche zahllose Bäume dicht aneinander:
Bambus, Silberbirken und Kastanien. Die Bäume gruppierten sich um
vier stinkende Weiher und sogen sogar die Feuchtigkeit aus dem Boden
ringsum. Man konnte sich hier beinahe wie im Dschungel fühlen, und
im Sommer schien es manchmal, als ob die Weiher dampften.

Nur ein paar Minuten, bevor die Polizei gegen 20 Uhr 30 den Park abriegelte,
ging an diesem Abend unweit der Tümpel ein einzelner Mann spazieren,
dessen Miene seine innere Anspannung verriet. Roland Klare war ein
einsamer Mann, der fast das Leben eines Einsiedlers führte, mit merkwürdigen
Gewohnheiten und Phasen völliger Lethargie. Nur hier und da überkam
ihn plötzlich eine unbegreifliche Sammelwut. Klare war gewissermaßen
das menschliche Gegenstück eines Aaskäfers und konnte einfach alles
gebrauchen. Den Park kannte er wie seine Westentasche, und er kam
des Öfteren hierher, um Abfalleimer zu durchstöbern oder unter Parkbänken
nach interessanten Fundstücken Ausschau zu halten. Die Menschen mieden
ihn. Schon der penetrante Gestank, den er verströmte - eine Mischung
aus ranzigem Schweiß und Urin -, hielt die Leute von ihm fern.

Jetzt stand er, die Hände in den Taschen, unter den Bäumen und starrte
auf einen Gegenstand vor seinen Füßen. Er hob das Objekt auf, betrachtete
es aufmerksam und hielt es ganz nahe vor sein Gesicht, da es inzwischen
fast völlig dunkel geworden war. Eine Pentax-Kamera - gute Marke,
auch wenn das Gerät schon reichlich mitgenommen aussah. Roland Klare
interessierte sich für Kameras. Zwischen all dem Müll, den er zusammengetragen
hatte, verwahrte er irgendwo in seiner Wohnung drei kaputte Kameras
und sogar diverse Bestandteile einer Dunkelkammer. Er steckte die
Pentax rasch in die Tasche. Dann wühlte er in der Hoffnung auf weitere
Fundstücke noch ein wenig mit den Füßen im Laub. Erst am Morgen hatte
es kräftig geregnet, doch die gnadenlose Nachmittagssonne hatte das
lange Gras bereits wieder getrocknet. Knapp einen Meter entfernt lag
ein Paar rosa Gummihandschuhe, die Klare zusammen mit der Kamera in
seiner Tasche verschwinden ließ. Als er nichts mehr fand, setzte er
schließlich seinen Weg in der Dämmerung fort. Unter einer Straßenlaterne
inspizierte er die Gummihandschuhe und fand, dass es sich nicht lohnte,
sie zu behalten. Zu abgetragen. Also warf er sie in der Railton Road
in einen Mülleimer. Aber die Kamera? Nein, eine solche Kamera, von
der trennte man sich nicht so leicht wieder.

Es war ein ruhiger Abend für India 99, den zweimotorigen Squirrel-Hubschrauber
vom Luftstützpunkt Lippits Hill. Die Sonne war bereits untergegangen,
und die Hitze und die niedrig hängende Wolkendecke machten der Mannschaft
zu schaffen, also flogen die Männer möglichst rasch die zwölf Standardziele
ab, die zu ihrer Runde gehörten - Heathrow, den Millennium Dome, Canary
Wharf, etliche Kraftwerke, darunter auch das in Battersea. Sie wollten
gerade einen weiter gehenden Kontrollflug unternehmen, als sich die
Zentrale meldete. »Hallo, India Lima an India neun neun.«

Der Kommandant hielt sich das Mikrofon vor den Mund. »Was ist los,
India Lima?«

»Wo sind Sie?«










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