Hart auf hart : Menschen in Extremsituationen oder was mit uns passiert, wenn wir in Panik geraten [NOOK Book]

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Nichts für schwache Nerven!

»Fliehe oder kämpfe!« Diese zwei Möglichkeiten bleiben den Menschen in den haarsträubenden und wahren Geschichten dieses Buches. Der Journalist Jeff Wise untersucht das menschliche Verhalten in Extremsituationen und begibt sich auf die Spuren einer der stärksten, primitivsten und rätselhaftesten Emotionen, – der Angst. Wie reagieren wir bei Gefahr? Was passiert in unserem Gehirn und in unserem Körper? Können wir ...
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Hart auf hart : Menschen in Extremsituationen oder was mit uns passiert, wenn wir in Panik geraten

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Nichts für schwache Nerven!

»Fliehe oder kämpfe!« Diese zwei Möglichkeiten bleiben den Menschen in den haarsträubenden und wahren Geschichten dieses Buches. Der Journalist Jeff Wise untersucht das menschliche Verhalten in Extremsituationen und begibt sich auf die Spuren einer der stärksten, primitivsten und rätselhaftesten Emotionen, – der Angst. Wie reagieren wir bei Gefahr? Was passiert in unserem Gehirn und in unserem Körper? Können wir Angst auch positiv nutzen? Direkt an der Front moderner Hirnforschung wartet Wise mit überraschenden und faszinierenden Einsichten auf, indem er Fakten und Geschichten geschickt miteinander kombiniert.

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Product Details

  • ISBN-13: 9783641046170
  • Publisher: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
  • Publication date: 11/29/2010
  • Language: German
  • Sold by: Barnes & Noble
  • Format: eBook
  • File size: 472 KB

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Das Geheimnis der Angst
Am 3. Juni 1970, kurz vor zwölf Uhr mittags, legte ein englischer Pilot namens Neil Williams die Gurte in seiner blau-weißen Zlin Akrobat an, einer robusten, aber doch wendigen einmotorigen Kunstflugmaschine, die aus tschechoslowakischer Produktion stammte. Die Weltmeisterschaften im Kunstflug standen bevor und Williams wollte noch einmal die Manöverabfolge üben, die er vorführen wollte.
Mit seinen hohlen Wangen, den tief liegenden Augen und den dunklen, aus der hohen Stirn gekämmten Haaren sah Williams genauso aus, wie ein Filmregisseur einen waghalsigen Piloten besetzen würde. Und in seinem Fall stimmte das Aussehen auch mit dem Wesen überein: Williams war ein altgedienter Flieger, mit großer und vielseitiger Erfahrung auf dem Buckel. Im Laufe seiner Fliegerkarriere hatte er über hundertfünfzig verschiedene Flugzeugtypen geflogen und mehr als sechstausend Flugstunden gesammelt. Als ehemaliger Testpilot der Royal Air Force und viermaliger Gewinner der britischen Kunstflugmeisterschaften galt er bereits im Alter von 36 Jahren als einer der größten Allroundpiloten, die Großbritannien jemals hervorgebracht hatte. Aber noch nie waren seine Fähigkeiten so auf die Probe gestellt worden, wie es jetzt gleich der Fall sein sollte. Über den Luftstützpunkt der Royal Air Force in Hullavington in England drifteten Schönwetterwolken hinweg, als Williams sein Flugzeug auf der Startbahn ausrichtete, beschleunigte und röhrend abhob. Ein sanfter Wind wehte, und als Williams höher stieg, registrierte er zufrieden, dass keine Turbulenzen auszumachen waren. Das bedeutete, dass er seine Manöver umso präziser ausführen konnte.
Er flog seine komplette Sequenz zweimal ohne jeden Zwischenfall, brachte die Zlin wieder in die Horizontale und begann mit dem dritten und letzten Durchgang. Nach ein paar
Minuten in der Luft war er bereits der Erschöpfung nahe. Wettkampfkunstflug ist außerordentlich anstrengend und erfordert in mentaler Hinsicht höchste Aufmerksamkeit für jedes Detail, die Fähigkeit, schnell und dreidimensional zu denken, und das Vermögen, auch dann die Fassung zu behalten, wenn das Flugzeug während schneller Manöverabfolgen auf dem Kopf steht, nach hinten fällt oder sich wie ein Kreisel dreht. Physisch erfordert diese Sportart optimale körperliche Kondition und Fitness, weil die abrupten Richtungswechsel des Flugzeugs den Piloten mal auf die eine, mal auf die andere Seite des Cockpits pressen, mit Zentrifugalkräften, die teilweise mit dem Neunfachen seines Eigengewichts auf den Körper einwirken und ihn im nächsten Moment dann wieder kopfüber in seinen Fluggurten hängen lassen. Schon nach einer vierminütigen Kunstflugübung sind die Piloten meist völlig erschöpft und schweißgebadet.
Mitten im dritten Durchlauf flog Williams gerade einen Looping, bei dem sein Flugzeug einen großen vertikalen Kreis in die Luft zeichnete. Als es den obersten Punkt erreichte, saß Williams kopfüber in seinem Sitz, das gewürfelte Farmland von Südwestengland über seinem Kopf, der wolkengesprenkelte Himmel unter seinem Sitz. Die Maschine schwenkte vom höchsten Punkt in den Abwärtsbogen und der Horizont versank unter seiner Windschutzscheibe, bis Williams nur noch den Boden vor sich sah. Er flog immer steiler abwärts, bis er schließlich senkrecht nach unten blickte. Als er gerade in 1500 Fuß Höhe auf die Erde zuschoss, zog Williams den Steuerknüppel nach oben, um die Zlin wieder in den Horizontalflug zu bringen. Er spannte die Bauchmuskeln an, um sich auf die g-Kraft (die Belastung eines Körpers durch Beschleunigung) vorzubereiten, die gleich auf ihn wirken würde, wenn die Schwerkraft zusammen mit der Zentrifugalkraft des Bogens, den das Flugzeug flog, ihn mit dem Fünffachen seines Normalgewichts in den Sitz pressen würden. Nur durch kräftiges Anspannen seiner Bein- und Bauchmuskeln konnte er verhindern, dass das Blut völlig aus seinem Kopf wich und er ohnmächtig wurde.
Das Flugzeug schwenkte in 1000 Fuß Höhe gerade wieder in
die Horizontallage, da geschah es ...
PENG!
Ein Ruck ging durch die Zlin. Sie rollte sich auf die linke Seite - bis auf den linken Flügel, der eigenartig in Horizontallage blieb. William erfasste sofort intuitiv, was passiert war. Durch die einwirkende Kraft beim Hochziehen musste der tragende Holm im Innern des Flügels gebrochen sein, der diesem seine Stabilität gab. Wenn das der Fall war, würde der gesamte Flügel demnächst abfallen. Williams drückte den Steuerknüppel ganz nach rechts, aber das Flugzeug kippte weiter nach links. Die Erde war jetzt nur noch knapp 300 Fuß unter ihm und kam rasend schnell näher.
Für die meisten Piloten hätte dies das sichere Ende bedeutet. Doch Williams hatte in den wenigen Sekunden, die ihm noch blieben, bevor das Flugzeug sich in die Erde bohren würde, die rettende Idee. Er erinnerte sich an die Geschichte von einem bulgarischen Piloten, dem vor Jahren in einem ähnlichen Zlin-Modell ebenfalls ein Unglück passiert war. Die Umstände in diesem Fall waren zwar anders gewesen - der Bulgare war gerade auf dem Kopf geflogen, als ein Bolzen in einem der Flügel brach und das Flugzeug sich daraufhin unerwartet auf die linke Seite legte. Aber ein Detail an dieser Geschichte schien Williams auffällig. Sobald das Flugzeug des Bulgaren wieder richtig herum flog, klappte der Flügel wieder in die Ausgangsposition zurück. Vielleicht war seine Situation ja vergleichbar, wenn auch umgekehrt. Wenn er das Flugzeug vom Normalflug wieder in Rückenlage brachte, würde der Flügel vielleicht auch wieder in die richtige Lage zurückklappen.
Schneller als andere Leute überhaupt einen Gedanken zu Ende denken können, drückte Williams den Steuerknüppel hart nach links, bis die Zlin auf dem Rücken flog. Dann drückte er den Knüppel nach vorn. Sein Gesicht schwoll an und wurde rot, während Schwer- und Zentrifugalkraft das Blut von seinem Körper in den Kopf schießen ließen. WOMM!
Mit einem willkommenen dumpfen Schlag klappte der Flügel wieder an seinen Platz. Doch jetzt befand sich die Maschine schon beinahe in den Baumwipfeln und für einen Moment dachte Williams, dass er abstürzen würde. Doch da fing das Flugzeug wieder an zu steigen.
In den Gurten hängend trieb er die angeschlagene Maschine einen kostbaren Höhenmeter nach dem anderen gen Himmel. Er hatte nicht viel Zeit: Er wusste, dass der Motor der Maschine nicht länger als acht Minuten im Rückenflug laufen würde. Schnell wägte er seine Chancen ab: So ohne Fallschirm sah die Lage schlecht aus. Sollte er versuchen, kopfüber in den Bäumen zu landen? Einen See suchen, in dem er notwassern konnte? Genau in diesem Moment fing der Motor an zu stottern und starb ab - ein weiteres potenziell tödliches Desaster. Blitzschnell ließ Williams seinen Blick durch das Cockpit schweifen und entdeckte das Problem sofort.
Bei der heftigen Erschütterung am Anfang war er versehentlich an den Benzinhahn gekommen und hatte damit die Benzinversorgung des Motors unterbrochen. Er drehte ihn zurück auf die »On«-Position. Der Motor hustete ein paarmal und erwachte wieder zum Leben.
Williams ging die Zeit aus. Er kam zu dem Schluss, dass seine größte Chance zu überleben eine Bruchlandung auf dem Flugplatz wäre. Also steuerte er die Zlin heimwärts und leitete kopfüber den Landeanflug ein. Als das Ende der Landebahn über seinem Kopf erschien, drückte er den Steuerknüppel hart nach rechts und rollte das Flugzeug in Normallage. Wieder klappte der linke Flügel nach oben und das Flugzeug schlingerte zur Seite, prallte auf die Landebahn und schlitterte weiter. Williams kauerte sich zusammen, bis es zum Stillstand kam. Dann durchstieß er das kaputte Kabinendach und kletterte hinaus. Das Flugzeug war ein Wrack, aber er hatte ohne den geringsten Kratzer überlebt.
Dass Williams es schaffte, den katastrophalen Bruch des Flugzeugflügels in so geringer Höhe zu überleben, grenzt an ein Wunder. Flugtechnisch gesehen war die Frage, wie er in der Luft bleiben konnte, ganz einfach eine Sache der Physik. Aber die psychologische Seite dessen, was da passiert war, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nach normalem Ermessen hätte Williams an diesem Tag sterben müssen. Unter solch extremem Druck, den tödlichen Absturz quasi vor Augen, hätte der Ansturm der Hormone so intensiv sein müssen, sein neuronaler Schaltkreis der Angst so überaktiviert, dass er eigentlich kaum fähig gewesen sein dürfte zu reagieren, geschweige denn, im Bruchteil einer Sekunde eine kreative Lösung zu entwickeln. Etwas Außergewöhnliches musste also in seinem Gehirn vorgegangen sein. Irgendein Mechanismus in seiner psychologischen Ausstattung musste ihn irgendwie vor der Panik bewahrt und ihm sogar eine Extradosis an Geistesgegenwart verliehen haben, mit deren Hilfe er die Krise überstand. Was immer es war, es ist auf jeden Fall ein seltenes Talent. Selten, aber nicht einzigartig. Die Geschichte menschlicher Errungenschaften ist durchsetzt mit den Geschichten von Menschen, die tödliche Gefahren überlebten, weil sie geistesgegenwärtig reagierten. Aber wie schaffen diese Leute das? Was macht sie anders? Und, was am wichtigsten ist: Was können wir anderen von ihnen lernen? Ich fing an, mich für das Thema extremer Angst zu interessieren, als meine Karriere als Zeitschriftenjournalist immer mehr in Richtung Abenteuerreisen steuerte. Ein adrenalintreibender Auftrag führte zu dem nächsten, und die Unternehmungen wurden immer gefährlicher und extremer. Ein Artikel über Helikopter-Fischen in British Columbia führte mich in ein Heli- Angelcamp in Alaska, was mich wiederum zu einer Story über Buschpiloten in Alaska brachte, die dafür verantwortlich war, dass ich meinen Flugschein machte. Dann machte ich auch noch den Segelflugschein und schrieb eine Story über das Motordrachenfliegen über der Wüste von New Mexico, die wiederum zu einer anderen über Kunstfliegen in einem Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg führte. Dazwischen schwamm ich Wildwasserflüsse hinab, schlief in Schneehöhlen, fuhr in selbst gefertigten U-Booten und seilte mich von Klippen ab. Je mehr ich meine Bereitschaft kundtat, mich extremen Abenteuern zu stellen, desto mehr Redakteure wollten mich für solche Stories gewinnen.
Als mein Beruf mich zunehmend häufiger in haarsträubende Situationen führte, stieß ich immer öfter an meine Grenzen. Bis mich eines Tages ein Auftrag zu einem Bungeejumping- Unternehmen in der Nähe von Nanaimo in British Columbia führte, das sich The Bungy Zone nennt. Die Absprungstelle lag auf einer Brücke in 45 Meter Höhe über einer schattigen Felsenschlucht. Ich sah zu, wie ein begeisterter Draufgänger mit ausgebreiteten Armen in den Abgrund sprang. Dann war ich an der Reihe. Und obwohl ich genau wusste, dass mir körperlich nichts geschehen würde, hatte ich das sichere Gefühl, nicht in diese Leere springen zu können, ohne dass in meinem Kopf irgendetwas ausrasten würde. Aber da ich schließlich einen Job zu erledigen hatte, ging ich auf die Brücke. Das Gefühl von Angst nahm zu, als ich zur Sprungplattform vorging, und verstärkte sich noch weiter, als ich dort saß und mir ein Helfer das Bungee-Seil an den Knöcheln befestigte. Der drohende Kontrollverlust kam mir so real und so erschreckend vor, dass er in diesem Moment sogar erschreckender war als der physische Akt des Springens. Mir wurde klar, dass ich mich mehr davor fürchtete, was in meinem Kopf passieren würde, als davor, was mit meinem Körper geschehen würde. Ich hatte das erdrückende Gefühl, dass eine sonderbare und extreme Form des Wahnsinns sich meines Verstands bemächtigen wollte, und fragte mich, was in meinem Gehirn dieses Gefühl hervorrief. In der Folge fing ich an, mich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Angstreaktion zu beschäftigen, und fand heraus, dass dieses Forschungsgebiet gerade ein goldenes Zeitalter betreten hatte. Neue Technologien waren auf den Plan getreten, welche die Funktionsweise des Gehirns in nie gesehenem Detail enthüllten. Eine der wichtigsten ist die funktionale Magnetresonanz-Tomographie oder fMRT, die es den Forschern erlaubt, mentale Aktivität direkt sichtbar zu machen, während sie tief im Gehirn stattfindet.
Wie sich herausstellte, ist die Angst die menschliche Emotion, zu der am meisten geforscht wurde. Auch weil sie im Vergleich zu anderen Gefühlen am besten für die Untersuchung geeignet ist. Vom Konzept her ist sie leicht zu fassen: ein System, das Gefahr entdeckt und so darauf reagiert, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Organismus maximiert wird. So alt, wie die Angst ihrem Ursprung nach ist, ist sie in unserem täglichen Leben noch allgegenwärtig und kann außerdem bei Versuchspersonen wie -tieren im Labor leicht erzeugt werden.
Angst kann sich auf viele Arten manifestieren, aber alle beruhen auf demselben neurologischen System, einer Reihe von Verarbeitungszentren, die von ganz einfachen Strukturen, die schon vor Hunderten von Millionen Jahren entstanden, bis hin zu hoch entwickelten Gehirnregionen reichen, die sich erst in jüngster Zeit bildeten. Alle diese Zentren arbeiten zusammen und koordinieren unsere Angstreaktion.
Weil viele der Gehirnregionen tief unter der Oberfläche des Bewusstseins arbeiten, bleiben die Vorgänge darin verborgen, geheimnisvoll und sind häufig überraschend. Angst kann ohne Vorwarnung auftreten, springt uns gleichsam aus dem Nichts an und raubt uns den Verstand. Der Versuch, sie zu kontrollieren, bringt oft das Gegenteil: Je mehr wir versuchen, die Angst zu unterdrücken, desto schlimmer wird sie. Das Verständnis davon, wie Angst im Gehirn erzeugt wird, ist nicht nur für Menschen wichtig, die regelmäßig ihr Leben riskieren, sondern für uns alle. Wir müssen im Laufe unseres Lebens mit unterschiedlichen, Angst machenden Situationen fertig werden, ob uns nun ein Meeting mit einem erbosten Kunden bevorsteht, wir uns auf Skiern vor einer steilen Abfahrt wiederfinden oder unsere Freundin fragen wollen, ob sie uns heiratet. Egal, wie Sie Ihr Leben leben, es wird immer Zeiten geben, in denen Ihnen das Herz bis zum Hals klopft, Ihr Mund trocken ist und Ihre Hände zittern.
In einer idealen Welt würde unser Nervensystem immer dann, wenn wir unter Druck stehen, mit perfekter Effizienz reagieren, es würde sofort in den höchsten Gang schalten, wenn Gefahr im Anzug ist, und dafür den Rest der Zeit im Ruhezustand verbringen. Aber so funktioniert es leider nicht. Oft ist die Reaktion, die von unseren Angstzentren ausgelöst wird, genauso gefährlich wie die Bedrohung, die sie ursprünglich ausgelöst hat, wenn nicht sogar noch gefährlicher. Wenn uns die Angst im Griff hat, können wir uns völlig ausgeliefert fühlen. Soldaten werfen ganz buchstäblich die Flinte ins Korn und rennen weg. Piloten verlieren die Kontrolle und lassen ihre Flugzeuge abstürzen. In solchen Fällen fühlt es sich an, als wären wir von irgendeiner unerbittlichen fremden Macht besessen. Und tatsächlich ist das Wort »Panik« von dem griechischen Gott Pan abgeleitet, von dem die alten Griechen glaubten, er würde Reisende an einsamen Orten überraschen, so dass sie in blindem Schrecken davonlaufen. Den Menschen der Antike schien die Besessenheit durch eine böswillige Gottheit die einzig plausible Erklärung für ein solches Verhalten. Hoffentlich müssen nur wenige von uns solch extreme Angst aushalten. Aber auch leichter Stress kann unsere Leistung bereits negativ beeinflussen, wie jeder sofort bezeugen kann, der einmal schwitzend und stotternd in einem Bewerbungsgespräch saß. Wenn wir von Angst besessen sind, müssen wir im Allgemeinen gleich mit zwei Problemen fertig werden: mit der Sache, wegen der wir uns fürchten, und mit der Angst, die damit einhergeht.
Anders betrachtet: Wenn wir lernen könnten, mit unserer Angst umzugehen, gäbe es sofort nur noch halb so viele Dinge, deretwegen wir uns Sorgen machen müssen.
Und jetzt die gute Nachricht: Genau das können wir tun. Wenn wir erst verstehen, wie unsere Angstreaktion funktioniert, können wir effektiver damit umgehen. Und genau das will ich mit diesem Buch: Ihnen helfen, Ihre Reaktion auf Druck besser zu steuern, indem Sie das zugrundeliegende Wie und Warum besser verstehen.
Zuerst beschäftigen wir uns also damit, wie Verstand und Körper auf Angst machende Situationen reagieren, und was davon hilfreich und was weniger hilfreich ist. Danach werden wir uns drei Hauptkategorien von Situationen mit hohem Stressfaktor genauer ansehen. Dann untersuchen wir die wichtigsten uns zugänglichen Strategien zur Bewältigung solcher Situationen. Zum Schluss wird das Ganze durch ein tieferes Verständnis von der Rolle, die Angst in unserem Leben spielt, abgerundet. Angst ist nicht nur schlecht. Genauso wie sie die schrecklichste Erfahrung überhaupt sein kann, kann sie auch bewirken, dass wir uns so beglückend lebendig fühlen wie niemals zuvor. Gezielte Vorbereitung bringt wesentlich mehr als nur auf das Beste zu hoffen. Wenn wir die neuesten wissenschaftlichen
Forschungsergebnisse mit altbewährten Techniken kombinieren, können wir trainieren, unter Druck nicht nur zu bestehen, sondern über uns hinauszuwachsen.
Erster Teil:
Parallelverstand Angst
Dies sind die wichtigsten Gehirnregionen, die an der Angstreaktion beteiligt sind. Der Kampf um Selbstkontrolle wird zwischen dem präfrontalen Cortex und der Amygdala ausgefochten. Zeichnung von Sandra Garcia
Erster Teil: Parallelverstand Angst
Was die Angst aus uns macht
Das Flugzeug befindet sich in 3700 Meter Höhe, als die Tür aufgeschoben wird. Sofort ist die Kabine erfüllt von eisiger Luft und dem Geräusch des tosenden Winds. Draußen kann man den nördlichen und den südlichen Ausläufer von Long Island sehen, gebadet in das klare blaue Licht eines Herbstnachmittags. Zuerst kriecht ein Mann in einer roten Sprungkombi bis zur Türschwelle und stürzt sich hinunter, dicht gefolgt von einer Frau in Gelb und einem weiteren Mann in Blau. Jedes Mal, wenn sich eine Person von der Schwelle fallen lässt, macht das Flugzeugheck einen Satz nach oben.
Jetzt bin ich mit Duncan, meinem Tandemmaster, allein hier in der leeren Flugzeugkabine, in der es nicht einmal Sitze gibt. »Okay«, sagt er. »Auf geht's zur Tür!« Mir schnürt sich die Kehle zu.
Er rutscht nach vorn und ich muss mit, da wir fest aneinander- gebunden sind, seine Brust an meinem Rücken, seine Hüften an meinem Hintern. Ich bin wie betäubt, spüre ein beklemmendes Gefühl in der Brust, mein Mund ist trocken. Ich wünschte, ich wäre weiß Gott wo, nur nicht hier. Mein Verstand arbeitet fieberhaft, während ich um Selbstkontrolle ringe. Ich muss an dieses alte Klischee vom Fallschirmspringen denken, an den vor Angst versteinerten Neuling, der sich mit weiß hervortretenden Fingerknöcheln an die Türschwelle klammert. Wird es mir genauso ergehen? Wird mich die Angst besiegen? Oder schaffe ich es, die Nerven zu behalten?
Ich fühle mich schwach, kaum fähig, mein eigenes Gewicht zu bewegen. Als wir die Tür erreichen, liegt ganz Long Island vor meinen Augen, die Wälder gesprenkelt mit dem Orange und Rot des Frühherbsts. Im Süden verschwimmt der Atlantik mit dem blasseren Blau des Himmels am Horizont. Alles sieht so frisch, so kristallklar aus, und die Schönheit dieses Anblicks würde mir sicher den Atem rauben, wenn ich nicht mit etwas anderem beschäftigt wäre. Der Wind heult, als wir unsere Füße über den Rand schieben. Unter uns ist jetzt nichts mehr außer Luft, Tausende von Metern leerer Luft. Ich denke: Was zum Teufel tue ich hier?
Die Antwort ist einfach. Ich habe mich freiwillig gemeldet, an einem Experiment über das Wesen der Angst teilzunehmen. Eine Entscheidung, die ich in diesem Moment zutiefst bereue. Duncan checkt ein letztes Mal die Ausrüstung. Das an meiner Taille befestigte elektronische Aufzeichnungsgerät ist angeschaltet, um die Daten von der Sensorweste um meinen Oberkörper zu speichern. Hinter mir ertönt Duncans Stimme und ich höre die Wörter, die das endgültige Signal zum Abstoßen vom Flugzeug bedeuten, wie er mir am Boden erklärt hat: »Rea- dy - set - go!« Oh mein Gott.
Im Flugzeug, auf dem Weg zu meinem ersten Fallschirmsprung, habe ich es wieder einmal gründlich begriffen: Wenn die Angst uns im Griff hat, arbeitet unser Verstand anders. Körper und Gehirn reagieren einfach nicht so, wie wir es erwarten. Aufgaben, die in einem Zustand der Ruhe ganz einfach durchgeführt werden können, werden zu extremen Herausforderungen oder sogar unmöglich, wenn das Adrenalin durch unseren Körper strömt. Umgekehrt kann es auch sein, dass wir an der Herausforderung wachsen und eine viel bessere Leistung erbringen, als wir jemals zu hoffen gewagt haben. Und es ist vollkommen unmöglich, vorher zu wissen, welchen Weg wir einschlagen werden.

Was die Angst aus uns macht
Die Frage, wer angesichts der Angst besteht und wer nicht, ist eine Unwägbarkeit, mit der sich die Menschen seit Urzeiten beschäftigten.

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