Sophias Verlangen: Eine deutsch-deutsche amerikanische Geschichte [NOOK Book]

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Sophias Verlangen

Eine deutsch-deutsche amerikanische Geschichte

Sophia wird sich als kleines Mädchen, umgeben von Frauen, ihrer selbst bewusst. Ihre Umwelt erlebt sie von dem Augenblick an ganz unmittelbar und wird im Nachkriegsdeutschland unter sowjetischer Besatzung Zeugin von Begebenheiten, über die niemand spricht und die ihr niemand erklärt. Es ist eine unheimliche, düstere Welt, aus der sie, alle Hindernisse beiseite schiebend, ...

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Sophias Verlangen: Eine deutsch-deutsche amerikanische Geschichte

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Sophias Verlangen

Eine deutsch-deutsche amerikanische Geschichte

Sophia wird sich als kleines Mädchen, umgeben von Frauen, ihrer selbst bewusst. Ihre Umwelt erlebt sie von dem Augenblick an ganz unmittelbar und wird im Nachkriegsdeutschland unter sowjetischer Besatzung Zeugin von Begebenheiten, über die niemand spricht und die ihr niemand erklärt. Es ist eine unheimliche, düstere Welt, aus der sie, alle Hindernisse beiseite schiebend, ausbricht. Die Einladung ihrer Lehrerin, den Jungen Pionieren beizutreten, ignoriert sie, ohne sich um irgendwelche Konsequenzen zu kümmern. Hellhörig wird sie, als sie bemerkt, dass die Jungen eine ganz andere Sprache sprechen, mit der sich die Welt für sie von selbst öffnet, die jedoch Mädchen ausschließt und in die enge Welt der Frauen verweist. Bei Freundinnen und Freunden und in der Natur erfährt Sophia ein ihr gemäßeres, freies Leben. Von der Schule und der Gesellschaft fordert sie für sich die gleiche Bildung und die gleichen Möglichkeiten, die bis dahin nur Jungen zustanden, und lernt darauf zu bestehen, ebenso direkt angesprochen zu werden, wie diese, und nicht nur mitgemeint zu sein. Diese Erkenntnisse reifen während der Gymnasialzeit in Westdeutschland, ihren Aufenthalten in England und Wales und schließlich in Kalifornien, wo sie sich ihren Traum erfüllen kann und studiert. Vom Pazifik, dem äußersten Ende der westlichen Kultur aus, begreift sie sich und ihr geteiltes Land neu und beschreitet ganz ungeahnte Wege, was ihr letztlich ein Leben in zwei Welten beschert. Sophias Verlangen ist ein Buch, das aufzeigt, welche Kräfte der Wunsch nach Selbstbehauptung in Mädchen und Frauen freisetzt, die genauso gelernt werden muss wie lesen und schreiben.

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Product Details

  • ISBN-13: 9781475911190
  • Publisher: iUniverse, Incorporated
  • Publication date: 4/26/2012
  • Sold by: Barnes & Noble
  • Format: eBook
  • File size: 373 KB

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Sophias Verlangen

Eine deutsch-deutsche amerikanische Geschichte
By Angela Thompson

iUniverse, Inc.

Copyright © 2012 Angela Thompson
All right reserved.

ISBN: 978-1-4759-1118-3


Chapter One

Mit dem Mietauto in die DDR

Mit ihrem Mietauto, das sie von Los Angeles aus am Frankfurter Flughafen bestellt hatte, fuhr Sophia eines Nachts im Frühsommer 1977 mit abgeblendeten Scheinwerfern durch vollkommen verlassene Straßen eines ihr unbekannten Leipziger Stadtteils, nachdem sie unerlaubterweise, vom Grenzübergang Herleshausen/Wartha kommend, bei Leipzig-West von der Autobahn abgefahren war. Sie suchte eine Adresse, wollte zu einer Familie Nickels, über deren Schicksal und Günter Nickels Inhaftierung sie einige Monate zuvor einen Artikel in der Zeit mit der Überschrift ,,Der Fall Günter Nickels – Neu verurteilt" gelesen hatte. Der Journalist Günter Nickels hatte für sich und seine Familie einen Antrag auf Ausreise gestellt. Daraufhin hatte er Berufsverbot bekommen, der Antrag war abgelehnt worden. Nach wiederholten Anträgen war ihm wegen staatsfeindlicher Äußerungen der Prozess gemacht worden. Der Vorfall berührte Sophia. Hatte sie sich nicht vorgenommen, es besser als ihre Eltern zu machen, denen sie passives Verhalten und geflissentliches Wegschauen während des Naziregimes vorgeworfen hatte? Der Artikel lag tagelang auf ihrem Schreibtisch, bis sie schließlich bei der Redaktion der Zeit um eine Kontaktadresse bat. Die erbetene Auskunft für Norbert Nickels, einem Bruder des Journalisten, hatte sie postwendend erhalten. Sie schrieb sofort an Herrn Nickels, der seit seiner Flucht aus der DDR in Dortmund wohnte, und bekam umgehend einen ausführlichen Bericht sowie mehrere Zeitungsartikel, verbunden mit der Bitte, sich bei amerikanischen Politikern, wenn möglich Demokraten, für die Freilassung seines Bruders, der in akuter Lebensgefahr schwebe, sowie für die Ausreise der Familie einzusetzen und verwies auf die ,,Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" und die Helsinki- Schlussakte, die 1975 von 35 Ländern, zu denen auch die Sowjetunion gehörte, unterzeichnet worden war, und die gleichbedeutend für das Bestreben nach Befreiung von politischer Unterdrückung in Europa stand.

Ihre Aktentasche mit den Unterlagen, die sie nach ihrer Rückkehr aus Leipzig für ihre geschäftlichen Kontakte brauchen würde, hatte Sophia in einem Schließfach am Frankfurter Flughafen deponiert, die Adresse der Nickels hatte sie auswendig gelernt, aber die Straßenschilder an den Eckhäusern waren in der stockdunklen Nachtkaum zu erkennen. Es war Neumond. Die Luft war kühl. Ihr fröstelte, wohl auch aus einer inneren Erregung heraus. Wo war denn nur die Jacke? Und wieso bloß hatte sie in Los Angeles nicht daran gedacht, ihre Reise so zu planen, dass sie bei Vollmond in Leipzig sein würde? Die amerikanischen Kalender verzeichneten das nicht, niemand hatte sie darauf hingewiesen. Oder war es Teil des Plans? Sollte diese schwarze Nacht ein zusätzlicher Schutz sein?

Sie war schon mehrmals mit einem Mietauto in der DDR gewesen, aber bis dahin hatte sie ihr erster Weg immer direkt zu Tante Annelies geführt, die in einer Kleinstadt nicht weit von Dresden lebte, und die sie sozusagen offiziell zu einem Besuch einlud. Am nächsten Morgen würde sie sich auf dem Rathaus polizeilich melden müssen. Die Straße und das Haus kannte sie von ihrer Kindheit her, sie hätte im Schlaf dahin gefunden. Von den Menschen, die sie an diesem Abend besuchen wollte, hätte sie der Tante nichts sagen können, die hätte Sophias Vorhaben niemals verstanden und sich Sorgen gemacht. Sophia wurde mulmig zumute, was war, wenn sie auf diesem illegalen Abstecher von Vopos angehalten würde? Ein Treffen in einem Park oder außerhalb der Stadt hatte Frau Nickels verworfen. Schreiben konnten sie einander nicht, anrufen war schwierig und war die Verbindung endlich hergestellt, musste es schnell gehen, am besten kryptisch, denn irgend jemand hörte immer mit. Deshalb hatte Norbert Nickels das Treffen geplant, denn er hatte weiterhin Kontakt zu Arbeitskollegen in Leipzig, die über Umwege Nachrichten zu seiner Schwägerin trugen. Sophia konnte nur hoffen, dass alle dasselbe verstanden hatten.

Als sie in jener Nacht fast blind durch die Stadt fuhr, zweifelte sie zum ersten Mal an der Weisheit ihres Entschlusses. Hätte sie ihren Besuch nicht doch anders planen und einfach frech tagsüber durch die Stadt fahren sollen? Dann hätte sie zur Not auch eine alte Frau oder Kinder nach dem Weg fragen können. Ganz unverfänglich. Aber war sie nicht befangen, wie alle, die in die DDR reisten? Selbst wenn der Grenzübertritt sich auch dieses Mal auf die Überprüfung ihrer Papiere, die eine halbe Stunde, durch einen Schlitz geschoben hinter der Fensterscheibe einer Baracke verschwanden, und die kurze Inspektion ihres Gepäcks beschränkt hatte? Jedenfalls hatte sie für den Fall, nach dem Weg fragen zu müssen, mehrere Großpackungen Wrigley's Kaugummi eingesteckt.

Sophia war müde vom Flug und der langen Fahrt. Sie fuhr an den Straßenrand, schaltete den Motor ab und stieg aus, um sich zu orientieren. Auf einem weißblau emaillierten Straßenschild über dem Eingang des Hauses, vor dem sie gehalten hatte, sah sie, dass sie nicht nur auf der richtigen Straße, sondern auch vor dem richtigen Haus war, und da stand auch das Namensschild der Nickels neben einer der Klingeln. Erleichtert schloss sie den VW ab und drückte zaghaft auf den Klingelknopf. Ihr Finger zuckte wie elektrisiert, der schrille Klingelton würde das ganze Haus aufwecken! Aber nichts regte sich. Standen jetzt alle hinter ihren Wohnungstüren und horchten? Sollte sie noch einmal klingeln? Da vernahm sie Schritte im dunklen Hausflur. Gleich darauf hörte sie den Schlüssel im Schloss und die Haustür öffnete sich einen Spalt breit.

,,Ich bin Sophia Schwartz", sagte sie leise.

,,Und ich bin Anja Nickels. Kommen Sie, Frau Schwartz", flüsterte eine junge Frau. Lautlos stiegen sie im Dunklen die Treppen hoch. Es war totenstill, nur einige Holzstufen knarrten verräterisch. Im zweiten Stock verschwanden sie hinter der angelehnten Wohnungstür in einem Flur, den nur das trübe Licht erhellte, das durch das Glas in der Wohnzimmertür schimmerte.

,,Möchten Sie ablegen, hier sind Hausschuhe für Sie", sagte Anja. Sophia wusste, dass sie eigentlich ihre Straßenschuhe ausziehen und in irgendwelche ausgetretenen Pantoffeln schlüpfen müsste, tat aber so, als hätte sie das nicht gehört und schritt aufs Wohnzimmer zu.

Anja kam ihr zuvor und öffnete die Tür. ,,Darf ich vorstellen, meine Mutter, Frau Nickels, und meine Zwillingsschwester Anke."

Sie schüttelten einander die Hand. Frau Nickels sagte: ,,Wir befürchteten schon, Sie hätten sich verfahren oder wären an der Grenze aufgehalten worden, oder Sie hätten es sich doch noch anders überlegt."

Aufdem Wohnzimmertisch war ein Abendbrot gedeckt und Sophia verspürte plötzlich großen Hunger.

,,Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten, Apfelsaft oder Tee?" fragte Anke, schloss das Fenster und zog die Gardinen zu.

,,Tee, bitte", antwortete Sophia und schaute auf ihre Armbanduhr. Es war halb elf. Nach einer anfänglichen Unsicherheit kamen sie schnell ins Gespräch. Frau Nickels weinte. Hilflos und erwartungsvoll schauten alle auf Sophia. Die musste noch zu ihrer Tante weiterfahren. Das waren noch einmal drei Stunden. Nach einer knappen Stunde verabschiedete sie sich. Am übernächsten Nachmittag würden sie sich nun doch in einem Park treffen.

Im Auto lehnte Sophia sich zurück und schloss die Augen. Nur für einen Augenblick, sagte sie sich. Da stiegen die Bilder jenes Nachmittags bei Großmutter Isolde wieder auf, als sie noch ganz klein gewesen war. Wie heute abend bei den Nickels, dachte sie. Dieselbe Angst hatte damals im Raum gelegen und sie gefangen gehalten, dieselben gedämpften Stimmen, dieselbe Ratlosigkeit in den Augen der Menschen.

Chapter Two

Das Paradies mit Napfkuchen

Fünf Frauen saßen an jenem trüben, bitterkalten Winternachmittag im Esszimmer um den mit Meißner Porzellan gedeckten Kaffeetisch. Nicht einmal um die Mittagszeit war es richtig hell geworden. Die Außenwände des Eckzimmers strahlten ihre Kälte spürbar in den Raum, gegen die sich die Frauen mit dunklen Wolltüchern schützten, die sie sich zusätzlich über ihre Strickjacken um die Schultern gelegt hatten. Ihre Finger blieben trotzdem klamm, gaben sich steif und erschwerten jede Handarbeit. Zwischen den Doppelfenstern und auf der Schwelle vor der Balkontüre lagen Decken gegen den eisigen Luftzug, der sonst durch die Ritzen drang. Die bis zur Zimmerdecke reichende doppelte Durchgangstüre zum Wohnzimmer war seit Wochen geschlossen, um Kohlen zu sparen. Die Frauen saßen auf der äußersten Stuhlkante, sprachen mit tonlosen Stimmen und senkten ihre Köpfe. Sie waren unter sich, und dennoch war es, als nähmen sie ihre Worte am liebsten sofort wieder zurück, weil sie es insgeheim wohl für möglich hielten, dass eine von ihnen einmal etwas am falschen Ort und zur unrechten Zeit weitertragen und sie aus Versehen verraten könnte.

Das Mädchen Sophia stand auf dem Teppich zwischen Nussbaumbuffet und Esstisch. Es duftete nach frischgebackenem Napfkuchen, den Großmutter Isolde am Vormittag gebacken hatte, und der jetzt in voller runder Pracht auf dem Tisch thronte. Großmutter saß auf einem Sessel vor den Fenstern mit elfenbeinfarbenen Spitzenstores und schweren, weinroten Übergardinen, die den Raum noch dunkler erscheinen ließen. Auf einem Tischchen neben ihr stand ihr Meißner Kaffeegedeck mit der gelben Rose und dem durchbrochenen Kuchenteller. Endlich kam die Mutter mit dem Kaffee. Die Frauen verstummten und blickten erwartungsvoll, während sie das aromatische Getränk in die anmutigen Tassen mit dem geschwungenen Rand und feinem, sich zum Tassenrand hin verzweigenden Griff einschenkte. Der Duft des Bohnenkaffees strömte ins Zimmer und belebte die kleine Gesellschaft.

,,Geen Bliemchengaffee", lobte Trudi, gab ein paar Tropfen Sahne dazu, ließ zwei Zuckerwürfel in die Tasse fallen, rührte alles genüsslich, mit ihrem silbernen Kaffeelöffelchen klappernd, um, trank die Tasse in einem Zug aus, stöhnte vor Vergnügen und hielt sie der Mutter ein zweites Mal entgegen.

,,Aber Gertrud, doch mit Untertasse, ich bitte dich!" Die Mutter konnte es nicht lassen, ihre Cousine bei jeder Gelegenheit zu rügen.

,,Ja, ja, Edeltraut, bei dir geht es immer so fein zu", beschwerte sich Trudi beleidigt, ,,aber hab' du mal meine Sorgen!"

,,Und warum hast du dich an diesen Nichtsnutz Erwin rangeschmissen?", fragte die Mutter missbilligend scharf. ,,Keiner war dir je gut genug, und dann nimmst du vor lauter Torschlusspanik den ersten besten!"

Trudi, wie alle außer der Mutter Gertrud nannten, wimmerte und sackte noch tiefer in sich zusammen, wenn andere ihr Vorwürfe wegen Erwin, ihres Verlobten, machten. Erwin war durch eine Kriegsverletzung arbeitsunfähig. Er hatte ihr Leid getan, als er sie auf der Straße anbettelte, da hatte sie ihn mitgenommen und nun lebten beide von Trudis geringem Einkommen aus der Fabrik. Tagsüber saß er stumpfsinnig auf dem Canapé in der Küche vor einem Krug Dünnbier aus der Kneipe nebenan, das er anschreiben ließ, nachts schlief er seinen Rausch neben ihr aus und merkte nicht, wenn sie noch vor Tagesanbruch zur Arbeit ging.

Nachdem die Mutter die Kerze im Stövchen angezündet, die Kaffeekanne daraufgestellt und eine gefütterte Haube zum Warmhalten darübergestülpt hatte, schnitt sie siebenmal in den Napfkuchen, während die Frauen ihr andächtig, wie bei einer heiligen Handlung, zuschauten, und legte allen ein Stück auf ihre Teller. Da war schon der halbe Kuchen verteilt. Auf einer ovalen Kuchenplatte waren große Stücke Kirschstreuselkuchen aufgeschichtet, von denen sich Trudi gleich eins neben ihr Stück Napfkuchen legte. Alle sahen ihr befremdet zu, als täte sie etwas außerordentlich Unschickliches, woran sie in ihrer Wohlerzogenheit Anstoß nahmen. Dabei hatte Trudi einfach nur Hunger. Ihr erstes Stück Kuchen hatte sie schon verschlungen, als die anderen gerade ihre silbernen Kuchengabeln in die Hand nahmen. Trudi war groß und schlank, aß von allem stets doppelt so viel und bekam immer einen Teller Kuchen oder eine Schüssel Essen mit nach Hause. Nur schade, dass Erwin davon abbekam, reute es die Mutter. Das leere Geschirr brachte Trudi abgewaschen zurück und stellte es in den Küchenschrank. Die Mutter nahm es wieder heraus, um es beim abendlichen Abwasch mit Hingabe zu schrubben.

,,Komm, Sophielein, komm auf meinen Schoß", bat die Mutter nun schon zum wiederholten Male, goss warme Milch in Sophias Tasse und gab zwei Schluck Kaffee dazu, der die Milch beige färbte. Aber das Mädchen reagierte nicht, sondern blickte unbeirrt auf das ineinander verschlungene bunte Muster des Perserteppichs. Je länger sie schaute, umso mehr Blüten, Knospen und Blätter entdeckte sie, die sich für sie in einen blühenden Garten verwandelten. Sie dachte sich Schmetterlinge und Vögel hinzu, meinte sie auch zwischen den prächtigen Blüten und filigranen Ranken zu sehen, und stellte sich vor, mitten in einem solchen Garten zu leben, der sich für sie zum Paradies verwandelte, wie auf den mittelalterlichen Bildern, die die Mutter ihr in einem dicken Buchgezeigt hatte, das so schwer war, dass sie es zum Anschauen aufgeschlagen vor sich auf den Tisch legten, genau wie Großmutter Isoldes alte Bibel mit den Holzschnitten. Sophia setzte sich auf den Teppich, mitten in die Blumenpracht, streichelte über die weiche Wolle und ersann sich Freundinnen, die mit ihr auf dieser friedvollen Wiese saßen. Das sich wiederholende Muster der Teppichumrandung stellte eine schützende Grenze dar, außerhalb derer Gefahren lauerten und Sophia war bedacht darauf, ihre Hände und Füße nicht darüber hinausreichen zu lassen. Was ihr in ihrer Unschuld noch offenstand, nämlich sich das Himmelreich auszumalen, und zwar unter den erstaunlichsten Umständen und wann immer ihr danach zumute war, und eine freundliche Gegend zu betreten, war den Erwachsenen in der realen Welt und der Hölle, die sie sich geschaffen hatten, schon lange verwehrt.

,,Was machst du denn, Sophielein?", hörte sie die Mutter, stellte sich aber weiterhin taub, denn sie meinte, eine liebliche Melodie im Garten zu vernehmen, bis sie gewahr wurde, dass leise Musik im Radio spielte, welches die Großmutter angeschaltet hatte, um sich von den Gesprächen der anderen abzulenken und sich nicht den Genuss von Dingen verderben zu lassen, die sie nicht ändern konnte. ,,Machtlos sind wir, einfach machtlos", meinte sie oft zutiefst überzeugt.

Die Musik half Sophia beim Träumen. Sie wiegte ihren Körper zum Klang der Melodien, bis die sonore Stimme des Radioansagers sie in die Wirklichkeit zurückholte. Die Gesichter der Frauen erschienen nur noch als undefinierbare helle Flächen im fahlen Licht des Spätnachmittags. Da erhobsich die Mutter, zog die Samtvorhänge zu, versicherte sich, dassdie beiden Teile weit genug übereinander lagen, damit kein Lichtstrahl nach draußen entweichen würde, erst dann knipste sie die Stehlampe und die beiden Wandleuchten über dem Buffet an und entzündete zwei Kerzen auf dem Tisch, deren warmer Schein das Porzellan weich schimmern ließ. Den sonnigen Fleck, den die Stehlampe auf dem Perserteppich warf, deutete Sophia als ein aufgegangenes Himmelsgestirn.

Im milden Licht wurde sich das Mädchen auf eine ganz wundersame Weise ihrer selbst bewusst. Sophia horchte in sich hinein. Ich bin ich, durchfuhr es sie, ohne dass sie das so genau hätte benennen können. Sie kam sich so leicht vor. Es war ein jähes Erwachen, eine erregende, vollkommen irdische und zugleich schwindelnde Erfahrung durchflutete sie. Ein Jauchzen drang in ihr hoch und ließ ihren Körper leicht zittern. Dieses Inseldasein, wo sie sich selbst genug war, dieses lichte Wissen um sich, versetzte sie in einen Zustand von Glückseligkeit. Sie stand mit beiden Beinen fest auf dem Blumenteppich und wusste, dass sie nicht auf das achtete, was die Mutter ihr sagte. Erst als sie sich ihrer selbst sicher war, schaute sie auf, blickte die Frauen eine nach der anderen forschend an und spürte deren unterschwellige Angst, die ihr signalisierte, dass sie nicht zu ihnen gehörte. Und weil dieses Begebnis ihrem Wesen so vollkommen entsprach, erkannte sie es später als ein Schlüsselerlebnis. Mitten in ihrem Paradies stehend, war dieses Sichselbstbewusstwerden zugleich der Anfang des Ungehorsams. Von da an würde sie wissentlich ,,nein" sagen und ihren Willen behaupten, auch auf die Gefahr hin, bestraft zu werden. Oder war es vielmehr die Freiheit, selbst denken und nein sagen zu können, die ihr den Augenblick zum Paradies machte?

(Continues...)



Excerpted from Sophias Verlangen by Angela Thompson Copyright © 2012 by Angela Thompson. Excerpted by permission of iUniverse, Inc.. All rights reserved. No part of this excerpt may be reproduced or reprinted without permission in writing from the publisher.
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Table of Contents

Contents

Kapitel 1. Mit dem Mietauto in die DDR....................1
Kapitel 2. Das Paradies mit Napfkuchen....................5
Kapitel 3. Morddrohung auf dem Marktplatz und Umsturz....................14
Kapitel 4. Zweiteilung der Welt mit Friedenstauben....................35
Kapitel 5. Architektur und Sozialismus....................47
Kapitel 6. Eine Frau wie Marie....................55
Kapitel 7. Adam und Eva und wo ist Felix Vater?....................65
Kapitel 8. Der Westen lockt mit Bananen und Freiheit....................75
Kapitel 9. Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium im katholischen Westen....................82
Kapitel 10. Die Venus des Giorgione....................93
Kapitel 11. Deutschstunde und Demokratie....................112
Kapitel 12. Ein Arzt vergreift sich....................130
Kapitel 14. Eine Weltreise nach England....................145
Kapitel 15. Europa und der Kampf ums Abitur....................162
Kapitel 16. Die Sprache der Frauen....................181
Kapitel 17. Ein Amerikaner im Zug....................204
Kapitel 18. Autofahrt durch Franken mit Liebeserklärung....................219
Kapitel 19. In der neuen Welt....................229
Kapitel 20. Spaziergang am Pazifik....................242
Kapitel 21. Jüdische Verwandte....................257
Kapitel 22. Erfüllte Sehnsucht....................272
Kapitel 23. Ein Wochenende im Schnee....................310
Kapitel 24. Michelangelo, Veronica und Bernstein....................328
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