Das einfache Leben: Roman

Das einfache Leben: Roman

by Marie Brunntaler

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Product Details

ISBN-13: 9783961615070
Publisher: Eisele Verlag
Publication date: 05/11/2018
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 250
File size: 5 MB

About the Author

Marie Brunntaler wurde in Menzenschwand im Südschwarzwald geboren und verbrachte ihre Kindheit als Bauernmädchen. Gegen Ende der Wirtschaftswunderzeit absolvierte sie ein Biologiestudium und engagierte sich während der Ölkrise 1973 für ökologisches Umdenken im Energiebereich. Sie arbeitete als Sachbearbeiterin für Landschaftsplanung in Heidelberg und Bonn, wo sie Willy Brandt nach dessen Rücktritt als Bundeskanzler persönlich kennenlernte. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in der Nähe der Schweizer Grenze. "Das einfache Leben" ist ihr erster Roman.

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CHAPTER 1

SEPTEMBER 1990

Elisabeth stieß die Fensterflügel weit auf. Hier war ihr Land, ihr Hügel, es war das schwere Grün des Spätsommers, der sich störrisch an die Natur klammerte und dem Herbst noch nicht weichen wollte. Elisabeths Land war der Dachsberg, ihre Heimat die Höhe des Südschwarzwaldes. Vom Rhein aus war sie die ganze Strecke hochgefahren bis auf tausend Meter, den weitesten Weg ihres Lebens, den schmerzlichsten.

Das Haus strahlte Verwahrlosung aus. Es beschämte Elisabeth, wie dreckig es war, nicht im Sinn von Reinlichkeit, sondern in der Art, wie Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit an diesem Ort ihr Werk getan hatten. Bis zu seinem Tod hatte der Vater hier gelebt, an diesem Fenster hatte er gesessen. Den großen Kachelofen hatte er nicht mehr geheizt, nur noch den Küchenherd. Jeden Tag hatte er sich darauf das Bier gewärmt, weil sein Magen kaltes Bier nicht vertrug.

Elisabeth ließ die klare Luft herein, die weiche Luft des Sonnenuntergangs. Sie war müde von der langen Reise, von der Qual der Entscheidung, dem wochenlangen Ringen, bevor sie den Weg hierher gefunden hatte, und doch gab es kein Ausruhen für sie. Gleich wollte sie damit beginnen, alles schön und einladend zu machen, denn das alte Haus sollte Besuch bekommen.

Noch schien die Sonne auf den Kohlbrennerhof, aber bald würde sie hinter dem Kirschbaum verschwinden, wenig später hinter dem Tannenwald, der den Dachsberg nach Westen begrenzte. Danach würde es rasch kühl werden, der lebendige Tag binnen Minuten in die Kälte der Nacht umschlagen. Bis dahin musste der Ofen brennen. Von der Küche aus öffnete Elisabeth die Klappe des Kachelofens, der nebenan in der Stube stand. Er war die Majestät des Hauses, sein Herz, er war über zweihundert Jahre alt. Als Kind hatte Elisabeth beim Reinigen des Ofens eine alte Kachel entdeckt, in die der Ofensetzer die Jahreszahl eingraviert hatte, 1796. Als dieser Ofen gebaut worden war, kämpfte Napoleon gerade im Italienfeldzug. Seitdem hatte der Ofen Tag für Tag und Nacht für Nacht gebrannt und die Menschen des Hofes gewärmt. Als kleines Mädchen hatte Elisabeth auf der Ofenbank aus Speckstein geschlafen. In kalten Nächten war die ganze Familie an den Ofen gerückt, die Kleinsten hatten sich oben draufgelegt, dort schlief man wunderbar.

Elisabeth zerriss einen alten Karton, der in der Küchenecke lag, und ging in den Stall. Wo früher Kühe und Schweine standen, hatte der Vater, seit er die Landwirtschaft aufgegeben hatte, sein Brennholz gelagert. Versonnen sah sich Elisabeth zwischen den raumhohen Stapeln um. Es war noch genügend Holz da, um über den Winter zu kommen. Die massiven Scheite, einen Meter lang, lagerten im Schweinekoben, die Äste der Nadelhölzer an der Wand daneben, das waren die Bengele. Elisabeth nahm einen Arm voll Bengele und etwas Kleinholz und brachte alles in die Küche. Sie schichtete die Äste im Ofen übereinander, packte den Karton dazwischen, feuerte ein Stück Zeitung an und schob es hinein.

Der Ofen zog. Nach Jahrzehnten, in denen er kalt geblieben war, zog er immer noch, qualmte nicht, stank nicht, der heiße Rauch fraß sich in die Höhe. Schon glomm es, schon zischte und knackte es, das uralte Holz schien sich regelrecht zu freuen, in den Flammen zu zerspringen und zu verglühen. Elisabeth ging noch einmal hinüber und kam mit fünf schweren Scheiten wieder. An einem kalten Tag im Winter hatten sie manchmal das Holz einer kleinen Tanne im Kachelofen verheizt, um das Haus warm zu halten. Elisabeth schloss die Klappe und drosselte die Luftzufuhr. Nun konnte sich das Feuer langsam entfalten.

Nachdem sie mit dem Besen das Gröbste gefegt hatte, holte sie den Staubsauger. Er war bei weitem nicht das Älteste in diesem Haus, trotzdem wirkte er wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit, ein Miele mit hohem Stiel, dessen Körper einem Schlitten glich. Elisabeth begann mit der Arbeit im Oberstock. Man putzte ein Haus immer von oben nach unten, das hatte die Mutter ihr beigebracht. Das Elternschlafzimmer war mit Birkenholz getäfelt, für einen Bauernhof bedeutete das Reichtum. An solchen Kleinigkeiten sah man, dass die Kohlbrenners einmal die Herren auf dem Dachsberg gewesen waren.

Das Mädchenzimmer, hier waren Elisabeth und ihre Schwester aufgewachsen. Vom Boden bis zur Decke erhob sich die Bücherwand, die Elisabeth immer noch einen Schauder des Erhabenen einjagte. Dem Vater waren Bücher gleichgültig gewesen, die Mutter hatte in jeder freien Minute gelesen. Elisabeth stellte den Staubsauger beiseite und zog Gullivers Reisen aus dem Regal. Sie fand die Stelle, wo sie vor über dreißig Jahren etwas an den Rand gekritzelt hatte.

Die unaufhaltsame Zeit, die Umstände, die Vergangenheit, Erinnerungen durchpulsten sie plötzlich, der Krieg, der Tod der Mutter, alles stand lebendig vor ihr, mächtig und beängstigend, auch schön, durchweht von Sommerwinden, der Geruch von frischem Heu, die schreienden Kühe, die gemolken werden wollten, der Blitz im Birnbaum, die alte Kathi, die beim Beten in der Kapelle erfroren war, alles, alles war wieder da und stärker, größer, unausweichlicher, weil ein halbes Leben dazwischen lag, Elisabeths Leben.

»Leben«, flüsterte sie und schlug Gullivers Reisen zu. Hier und heute die alten Fenster aufzustoßen und die Wärme hereinzulassen, das war kein Weg zurück, es war ein Blick in die Zukunft.

Elisabeth arbeitete sich Zimmer für Zimmer vor, putzte die Werkstatt des Vaters, das Bad mit der gusseisernen Wanne, das knarrende Treppenhaus, Vorratskammer und Küche, Arbeitszimmer und Stube. Obwohl ihr heiß geworden war, lehnte sie sich zwischendurch an die dunkelgrünen Fliesen des Kachelofens. Wie schnell er warm wurde, wie selbstverständlich er Behaglichkeit verströmte. Später, wenn die Nacht hereinbrach, würden die Kacheln so heiß sein, dass man sie kaum noch berühren konnte.

CHAPTER 2

DER ALTE FEIND

Am nächsten Tag wurde es so sonnig, dass Elisabeth die Arbeit in ihrem leichten Sommerkleid verrichtete. Es war ein Stadtkleid, das sie in Bonn getragen hatte, wenn sie mit Dietrich am Rhein spazieren ging. Für ihn trug sie es auch heute, weil sie im Geist bei ihm sein wollte. Aber Elisabeth merkte rasch, dass dieses Kleid nicht in die Landschaft passte. Es war zu verspielt, zu luftig, es hatte dem Wetter hier, das in Minuten umschlagen und grimmig werden konnte, nichts entgegenzusetzen. Elisabeth wollte das Kleid ausziehen und im Schrank nach alten Sachen suchen.

Gerade als sie hineinging, tauchte Alexander Behringer auf der Hügelkuppe auf. Er stieg über den Draht, der die Behringerwiese von der Kohlbrennerwiese trennte. Der Draht führte Strom, Elisabeth hatte seine Kühe drüben auf der Weide schon gesehen, schöne braunweiße Kühe, die so lange draußen bleiben würden, bis mit dem ersten Frost die Zeit der Sommerweide vorbei war. Sie hätte nun rasch hineinlaufen und sich umziehen können, doch das wäre ihr wie eine Flucht erschienen. Vor den Behringers lief Elisabeth nicht davon. So wie sie war, blieb sie im Hauseingang stehen.

Alexander Behringer war zwei Jahre älter als sie. Ein schwarzhaariger Kerl, das Grau an den Schläfen stand ihm, er war braungebrannt und trug zur Arbeitshose nur sein Unterhemd. Die raue Gegend, die schwere Arbeit, hier oben sahen die Menschen oft älter aus. Alexander widerlegte das. Er hatte bald Geburtstag, fiel ihr ein, Skorpion, während Elisabeth im Krebs geboren war. Dann würde hier also bald der fünfzigste Geburtstag des Königs vom Dachsberg gefeiert werden, dachte sie, während er den Hügel herunterkam. Bestimmt würde er alles aufbieten, um seine Königswürde weithin sichtbar zu machen.

Jahrzehnte hatten sie einander nicht gesehen, und ausgerechnet heute musste sie ihm in diesem Kleid begegnen. Elisabeth war schwerer geworden, das Kleid saß nicht mehr so leicht wie früher. Für Dietrich hatte sie es angezogen, weil ihre Beine darin zur Geltung kamen. Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt, hatte er gesungen. Für Dietrich hatte sie schön sein wollen, vor Alexander schämte sie sich.

»Grüß dich, Kohlbrennerin.« Er trat unter den alten Apfelbaum, der sich vor dem Westwind in all den Jahrzehnten immer tiefer gebeugt hatte.

»Grüß dich, Alex.« Um ihre Aufmachung zu verbergen, setzte sie sich an den ausgebleichten Gartentisch.

Er stemmte den Arm in die Hüfte. »Die feine Dame aus der Stadt gibt uns die Ehre.«

»Das war ich nie.«

»Da habe ich etwas anderes gehört.«

»Was man auf dem Dachsberg schon so hört.« Sie wollte lächeln, die Sonne blendete sie, es wurde ein Blinzeln daraus.

»Du kennst immerhin unseren früheren Bundeskanzler.«

»Ich war eine kleine Sekretärin.« Elisabeth hatte schwarze Johannisbeeren geerntet und zog den Topf heran. »Ich habe den Kanzler nur ein paar Mal gesehen.«

»Immerhin. Bei uns hier oben kriegt man bestenfalls den Bürgermeister zu sehen.« Er hatte gute Falten gekriegt, wie das bei den Männern eben war.

»Wer ist denn zurzeit Bürgermeister vom Dachsberg?«

»Er steht vor dir.« Alexander lächelte sein verschmitztes Lächeln, das er schon als Junge gehabt hatte. Seit frühester Kindheit war er Elisabeths Quälgeist gewesen. Weil er älter und stärker war, hatte sie sich gegen ihn kaum wehren können. Er hatte ihr Schlangen ins Bett gesetzt, Harz in die Haare geschmiert und sie im Kleiderschrank eingesperrt, bis Elisabeth so panisch geworden war, dass sie die Schranktür gewaltsam aufgetreten hatte. Das Schloss war nie repariert worden. Alex und Elisabeth hatten einander mit kindlicher Inbrunst gehasst. Vor ihrer Schwester Adele hatte er allerdings immer eine unerklärliche Scheu gehabt.

»Respekt, Herr Bürgermeister.« Als er sich neben sie auf die Bank setzte, rückte Elisabeth ein wenig zur Seite. Sie schämte sich für ihre weißen Schenkel. Während der Monate vor Dietrichs Tod war sie kaum an die Sonne gegangen. Wie eine bleiche Lilie kam sie sich neben dem wettergegerbten Alex vor.

»Wie lange bleibst du?« Er aß von den Johannisbeeren.

Die Frage machte sie ratlos. Die erste Nacht im Elternhaus war unheimlich gewesen. Der Wind, der einen Ast gegen die Hauswand schlug, die knarrenden Dielen, als Elisabeth aufs Klo gegangen war, der kalte Mond, der das Anwesen in sein totes Licht tauchte, und ihr eigenes ängstliches einsames Herz. Nie während der Kindheit hatte sie sich auf dem Dachsberg gefürchtet, heute Nacht aber war sie hinuntergegangen, hatte das Tor zweimal zugesperrt und den Riegel vor die Stalltür gelegt.

Der Abschied von Dietrich fühlte sich hier anders an als in Bonn. Elisabeths Trauer war auf seltsame Weise zu Stein geworden, sie fand keinen anderen Ausdruck dafür. Dietrich war tot, und sie hatte nicht an seinem Grab geweint. Nicht einmal die letzte Ehre hatte sie ihm erweisen dürfen, während die anderen, denen er nicht so viel bedeutete, eine Schaufel Erde auf seinen Sarg geworfen hatten. Er war zu prominent, als dass seine Geliebte auf dem Begräbnis erwünscht gewesen wäre. Weit im Hintergrund hatte Elisabeth auf dem Friedhof gestanden, rund um sie marmorne Engel mit den Inschriften, dass einer auf ewig unvergessen sei. Sie würde Dietrich nie vergessen, ihr halbes Leben hatte sie mit ihm verbracht. Seine Frau war sie gewesen, immer nur im Verborgenen, stets auf Abruf. Die andere, seine Gattin, hatte die Hände der Trauergäste geschüttelt. Als der Männerchor So nimm denn meine Hände angestimmt hatte, war Elisabeth gegangen. Es war Liebe, was half es denn? Die Liebe ihres Lebens. Nach seinem Tod hatte sie nicht gewusst, wohin mit sich. In Bonn, diesem aufgeblasenen Provinznest, wollte sie nicht länger leben.

»Wie lange? Das kann ich noch nicht sagen«, antwortete sie und begann die Johannisbeeren von den Stielen zu streifen.

»Ich dachte, du kommst nur her, um das Haus zu verkaufen.«

»Wer behauptet das?«

»Niemand. Aber wäre es nicht höchste Zeit, die Bruchbude loszuwerden? Noch einen Winter übersteht der Hof bestimmt nicht.«

Sie zeigte nach oben. »Schau dir den Dachfirst an. Zweihundert Jahre alt und immer noch gerade wie ein Lineal.«

»Überall nagt der Wurm, von unten drängt das Wasser hoch. In den Balken sitzt der Schwamm.«

»Das ist mein Zuhause«, antwortete Elisabeth mit wachsender Ratlosigkeit.

»Was willst du denn sonst hier oben, wenn du nicht verkaufen möchtest?«

Es gab Menschen auf dem Dachsberg, denen Elisabeth sich anvertraut und gesagt hätte, dass sie allein war und richtungslos, dass sie die Einsamkeit fürchtete und die provinzielle Bundeshauptstadt hasste. Doch Alexander würde sie das nicht sagen, nicht Behringer, dem alten Feind.

»Adele kommt mich bald besuchen«, antwortete sie stattdessen.

»Die feine Adele in dieser Bruchbude?« Er lachte ein Lachen, das nur in seinen Bernsteinaugen lag. »Keine Nacht steht die Prinzessin hier oben durch. Das Wetter hält sich nicht mehr lange, und wenn die Herbststürme kommen, bläst es bei euch durch jede Ritze.« Er machte eine Geste, als ob das Kohlbrennerhaus davonfliegen würde.

Sie sah den kantigen Kerl an, den arroganten König vom Dachsberg. Seine Art machte Elisabeth immer noch wütend. Zuerst waren die Behringers auf dem Dachsberg gewesen, die Viehbauern, sie bewirtschafteten die Hügel und die freien Flächen zwischen den Wäldern. Das Gras wuchs in den Sommermonaten reich und üppig, das Heu der ersten Maht reichte für das Vieh den ganzen Winter über. Das Heu der zweiten Maht verkaufte Behringer ins Tal. Zweimal die Woche hielt der Tankwagen vor seinem Haus und brachte Behringers Milch in die Molkerei.

Die Kohlbrenners waren erst nach den Behringers auf den Dachsberg gekommen, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie hatten die Wälder, die den kleinen Höfen angegliedert gewesen waren, nach und nach aufgekauft. Irgendwann hatten alle Wälder den Kohlbrenners und alle Wiesen den Behringers gehört. Seitdem gab es zwei Ansprüche, zwei Gesetze, zwei Welten hier oben, die des Waldes und die der Wiesen.

Bald nachdem Elisabeth und Adele den Dachsberg in den sechziger Jahren verlassen hatten, war ihr Vater, der alte Kohlbrenner, vom Schlag gestreift worden. Alexanders Vater, der alte Behringer, hatte triumphiert. Seitdem beanspruchten die Behringers die Königswürde für sich.

»Du bist allein gekommen?«

»Ja, allein.«

»Kein Mann?«

Sie sah ihn an. Bei einer Frau ihres Alters war die Frage verständlich. Auf dem Dachsberg war man nicht allein, man lebte nicht jahrelang als Geliebte von irgendjemandem. Hier gab es entweder Paare oder Witwen.

»Nein, kein Mann.« Elisabeth fühlte, dass Dietrichs Tod für sie noch keine Wirklichkeit besaß. Sie betrachtete ihre Finger, die dunkelrot vom Saft der Beeren waren. »Und du? Du hast Familie, nehme ich an.«

»So ist es.«

»Wie viele Kinder?«

»Zwei. Nadine und Gregor.«

»Und deine Frau?«

»Der geht es gut.«

»Wann lerne ich sie kennen?«

»Sie kommt bald zurück.«

»Wo ist sie denn?«

»Sie macht eine Fortbildung in Stuttgart.«

Plötzlich stand Alex auf. Sein Blick wanderte nach Norden. Elisabeth wusste, wohin er schaute. Im Norden, hinter den dunklen Tannen, lag der Schandfleck, die Ödnis, die Sünde, die dem Dachsberg angetan worden war.

»Bist du gekommen, um wiedergutzumachen, was deine Familie verbrochen hat?«

Elisabeth weigerte sich, hinzusehen. »Willst du etwas trinken, Alex?«

Ein anderer als er hätte sich nun ereifert und von einer Schuld gesprochen, die nie verjährte. Aber Behringer war zur Begrüßung gekommen, nicht als Ankläger.

»Hast du was zu trinken da?«

»Birnenmost.«

»Der von damals? Der muss längst schlecht geworden sein.«

»Ich habe ihn gestern gekostet. Trink ein Glas mit mir.«

»Ich muss weiter.«

»Dann bis zum nächsten Mal, Herr Bürgermeister.«

Während Behringer das Grundstück auf dem gleichen Weg verließ, schob Elisabeth ein paar Johannisbeeren in den Mund. Sie war hungrig, hatte aber nichts im Haus. Sie hätte ins Auto steigen und zum Supermarkt fahren können. Unschlüssig saß sie in der Septembersonne, als ihr Blick auf den Erdkeller fiel. Der Abgang war mit Gerümpel verrammelt. Elisabeth stand auf und hob den ersten Balken hoch, dann ein paar Bretter, leere Milchkannen, zerbrochene Sensen, Strohbündel, Bierkisten in großer Zahl. Alles hob sie beiseite, bis die Treppe frei war. Sie stieg hinunter, schob den verrosteten Riegel zurück und stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür. Seit Jahren hatte sie niemand geöffnet, knarrend gab sie nach.

(Continues…)


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