Das Strahlen des Himmels

Das Strahlen des Himmels

by Sarah Sundin, Julian Müller

NOOK Book1., Auflage (eBook - 1., Auflage)

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Product Details

ISBN-13: 9783868278927
Publisher: Francke-Buchhandlung
Publication date: 07/01/2014
Sold by: CIANDO
Format: NOOK Book
File size: 962 KB

About the Author

Sarah Sundin ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Kalifornien. Wenn sie nicht gerade schreibt, engagiert sich die studierte Pharmazeutin in ihrer Gemeinde in der Sonntagsschularbeit und leitet Bibelgruppen für Frauen.

Read an Excerpt

Kapitel 1 Antioch, Kalifornien Mittwoch, 1. März 1944 Helen Carlisle lief die G Street hinunter und gab sich Mühe, bekümmert auszusehen. Es gab Tage, an denen ihr diese zur Schau gestellte Trauer leichter fiel, aber das war sie ihrem Sohn nun einmal schuldig. Sie hievte den zweijährigen Jay-Jay auf ihrer Hüfte etwas höher und sog die frische Brise ein, die von der Bucht von San Francisco ins Sacramento River Delta wehte. Die Luft war vom Regen gereinigt und roch nach frischem Gras. Mit einem Hüftstoß öffnete sie die Tür zu Dellas Boutique und ließ ihre Notizbücher auf den Tisch am Eingang fallen. Aus einem schwarzen Bilderrahmen lächelte Jim Carlisle sie an – groß, schlank und in der schicken blauen Uniform der Navy. Der Held der Kleinstadt. Ob er diese Uniform getragen hatte, als sein Zerstörer vor Guadalcanal von einem japanischen Torpedo getroffen worden war? Helen küsste ihre Fingerspitzen und drückte sie auf das kalte Glas über Jims Gesicht. Dann ließ sie den Blick durch das Geschäft schweifen, aber ihre Schwiegereltern waren nirgendwo zu sehen. Als aus dem Hinterzimmer Schritte erklangen und der Vorhang schwungvoll zur Seite geworfen wurde, wiederholte sie die Prozedur schnell und hob das Bild dann für ihren Sohn hoch. „Gib Daddy einen Kuss.“ Jay-Jay patschte sich das Händchen auf den Mund, woraufhin irgendetwas knirschte, und gab den Kuss an den Vater weiter, an den er sich nicht erinnern konnte. Es knirschte? Jay-Jays eines Bäckchen sah voller aus als sonst. „Schätzchen, was hast du da im Mund?“ Der Kleine schüttelte die blonden Locken und presste die Lippen aufeinander. „Lass Mama mal sehen.“ Helen hockte sich hin, setzte sich den Jungen auf den Schoß und versuchte, seinen Mund zu öffnen. Jay-Jay heulte auf und schlug mit seinen Ärmchen nach ihr. „Bitte, Jay-Jay!“ Ihr wurde übel. Auf seiner Zunge lagen schleimig-graue Stücke. Dabei hatte sie ihn nur einen Augenblick abgesetzt, einen kurzen Augenblick, während sie das Plakat mit dem aktuellen Spendenbarometer ins Schaufenster der Rotkreuzfiliale gehängt hatte. „Was machst du da mit meinem Enkel?“ Della Carlisles Stimme klang hart und unnachgiebig. „Er. er hat eine Schnecke im Mund.“ Helen zog ein Taschentuch aus ihrem Kleid, holte die Überreste vorsichtig heraus und versuchte, sich nicht an den scharfen Zähnchen zu verletzen. „Eine Schnecke? Um Himmels willen! Hat dir deine Mommy nichts zu essen gegeben?“ „Doch, natürlich. Schnittchen mit Schinken, einen Apfel und Milch.“ Jay-Jay wand sich aus ihren Armen. „Gamma!“ Mrs Carlisle hob ihn hoch. „Komm, wir gucken mal, ob deine Grandma etwas hat, was kleinen Jungs wirklich schmeckt.“ Helen seufzte und stand auf. Mrs Carlisle hatte ein einzigartiges Geschick dazu, immer genau dann anwesend zu sein, wenn Helen ein Fehler unterlief. Sie knüllte das Taschentuch vorsichtig zusammen und nahm sich vor, es nach ihrer Schicht auszuwaschen. „Da ist ja mein Goldjunge.“ James Carlisle kam mit dem gleichen schwungvollen Schritt aus dem Lager, den sein Sohn einst gehabt hatte. In einer fließenden Bewegung schnappte er sich Jay-Jay aus Mrs Carlisles Armen und nahm ihn Huckepack. „‚Hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er. Fällt er in die Hecken, isst der Kleine Schnecken!‘ Ist doch nicht schlimm. Dreck reinigt den Magen.“ Mrs Carlisle zog sich ins Lager zurück. Jay-Jay juchzte vor Freude, als sein Großvater mit ihm um einen Kleiderständer galoppierte. Helen freute sich über die Zuneigung, die zwischen dem alten Mann und seinem Namensvetter bestand. „Mrs Carlisle kann gerne nach Hause gehen, wenn sie möchte. Ich bin bis um eins hier.“ „Bis um drei.“ Sofort dachte Helen an die Notizbücher am Eingang, in denen sie unter anderem ihren heutigen Tagesplan schriftlich festgehalten hatte. „Ich kann leider nur eine Stunde bleiben. Ich muss mit Mrs Novak das Frühlingsteekränzchen besprechen, die Spende fürs Rote Kreuz einzahlen und die Strickmuster zu Dorothy bringen, damit sie Socken für die Soldaten stricken kann. Um halb vier kommen dann die Rotkreuzkinder.“ James Carlisle lachte auf. „Und ich muss die Mieten eintreiben und zur Vorstandssitzung in der Bank. Um drei. Familie geht vor.“ Er schnaubte und trabte weiter. Wie könnte sie sich ihm widersetzen? Ihr Haus gehörte ihrem Schwiegervater und er ließ sie mietfrei wohnen, solange sie stundenweise im Geschäft aushalf. Außerdem kam sie für wenig Geld an gute Garderobe. Helen zog die Kassenschublade auf und stellte derweil im Kopf ihren Tagesplan um. Mrs Novak und Dorothy würde sie dann wohl heute Abend aufsuchen müssen. Das Frühlingskränzchen musste schließlich geplant werden. Jay-Jays Locken hüpften bei jedem Schritt seines Großvaters. Das taten sie auch immer, wenn Helen mit ihm tanzte. Aber heute Abend würden das Tänzchen und die Gutenachtgeschichte wohl ausfallen müssen. „Mama, Mama!“ Jay-Jays fröhliches Lachen vermischte sich mit dem Klang der Türglocke. „Habe ich doch richtig gesehen.“ Victor Llewellyn trat mit kurzen, präzisen Schritten an die Theke. Immerhin war dank der Navy seine gebeugte Haltung verschwunden. „Hallo Vic. Hab gehört, dass du in der Stadt bist.“ Sie reichte ihm freundschaftlich die Hand über die Theke. Er griff danach, beugte sich vor und küsste Helen auf die Wange. „Wie geht es meiner Zukünftigen?“ „Woher soll ich das wissen? Ich kenne sie ja nicht.“ Hilfe! Fing er jetzt wieder damit an? Sie wollte diese unschöne Episode aus der Highschool nicht noch einmal wiederholen. „Ich habe gehört, die Navy hat dich nach Port Chicago versetzt.“ „Das Büro des Militärstaatsanwalts hat mich zum Verbindungsoffizier ernannt. Nicht gerade die beste Stellung, aber für den Anfang.“ „Dort wird Munition verladen, oder?“ „Ja. Und meine Aufgabe ist es, Spannungen unter den Männern abzubauen. Die sind nämlich alle schwarz und die Offiziere sind alle weiß. Ich habe schon viele Beschwerden bekommen, und das zu Recht: fehlende Pausen, schlechte Arbeitsbedingungen, unfaire Arbeitsplatzverteilung. Da muss ein Collegeabsolvent Munition verladen, stell dir vor. Wäre er weiß, wäre er Offizier. Tja. Das ist unsere Navy.“ Helen lächelte Vic verständnisvoll an. Seine Haare und Augen waren braun wie Jod. „Aber eigentlich ist es langweilig.“ Er verschränkte die Arme. „Könnte zur Abwechslung mal ’nen kleinen Mord vertragen“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Helen lachte. College, Jurastudium, Navy. Vic war selbstbewusster geworden. „Oder eine Sekretärin.“ „Ach?“ „Ich bin autorisiert worden, eine Zivilistin anzustellen. Interesse?“ „Oh ja. Ich bin hier ja auch nur beim Roten Kreuz, dem Women’s Club, dem Frauenkreis und dem Jugendrotkreuz und schmeiße nebenher den Haushalt. Ich habe jede Menge Zeit.“ „Schade.“ Vic wurde ernst. „Hat Mr Carlisle dir gesagt, dass ich mit ihm gesprochen habe?“ „Gesprochen? Worüber?“ Helens Blick wanderte zu dem silberblonden Schopf ihres Schwiegervaters zwischen den Kleiderständern hinüber. Mr Carlisle kam ohne Jay-Jay auf sie zu. „Hast du sie gefragt?“ „Noch nicht. Hast du ihr nicht Bescheid gesagt?“ „Ich dachte, du.“ „Mir was gesagt?“, ging Helen unwirsch dazwischen. Die beiden Männer sahen sich an. Vic nickte Mr Carlisle zu. „Du solltest es ihr sagen.“ Mr Carlisle schob das Kinn vor und sah Helen an. „Also schön. Es ist Zeit, dass du an deine Zukunft denkst. Um Jay-Jays willen. Natürlich wirst du nie aufhören, um Jim zu trauern.“ Helen vernahm ihr Stichwort, zog den Kopf ein, sortierte die Pennys in der Kassenschublade und ließ ihre Augen feucht werden. „Natürlich wirst du das nie tun“, wiederholte Mr Carlisle mit fester Stimme. „Aber das ist nun über ein Jahr her. Du musst an den Jungen denken. Er braucht einen Mann im Haus. Es wird langsam Zeit, dass du wieder ausgehst.“ Helens Blick schnellte zu ihrem Schwiegervater hoch. Glaubte er etwa, dass sie als zweiundzwanzigjährige Frau dafür noch eine Erlaubnis brauchte? Aber dann rauschte eine eigenartige Gefühlswelle über sie hinweg: Freude über die Freiheit und Angst vor dem Ungewissen. „Tut mir leid, Helen.“ Auf Vics Stirn formte sich ein V, passend zu seinem Namen. „Ich wollte dir eigentlich Zeit geben, darüber nachzudenken.“ „Ist schon okay.“ Wieso hatte sie das nur gesagt? Natürlich brauchte sie Zeit. „Wie wäre es mit Freitagabend?“ Helen stürzte zum Ständer mit den neuen Frühlingskleidern. Ihr linker Fuß, der polioruinierte Schwächling, hing herab und sie wandte ihre Balletttechniken an, um ihn zum Gehorchen zu bringen. „Ich. ich kann nicht, Vic. Ich kann nicht.“ Er nickte, als würde er es verstehen, kaute aber schmollend auf seiner Lippe. wie damals, als sie sich für Jim entschieden hatte. Mrs Carlisle kam emsig aus dem Lager. „Helen, guck mal, was ich letztens. oh! Lieutenant Llewellyn, was für eine nette Überraschung.“ „Danke, Mrs Carlisle. Ich wollte Helen einen Besuch abstatten.“ „Ich sollte ein Stoffmuster für Ihre Mutter fertig machen. Das können Sie ihr doch geben, oder? Ach.“ Sie sah auf den Gegenstand in ihrer Hand und dann in Richtung Lager. „Hach.“ „Ich kann warten.“ Vic zog seine blaue Uniformjacke zurecht. „Was haben Sie denn da?“ „Das ist für Jay-Jays Daddy-Buch.“ Mrs Carlisle strich liebevoll darüber. „Ich. ich habe gestern Jimmys Zimmer aufgeräumt. Und das steckte hinter der Schublade im Schreibtisch. Ihr wisst doch, wie impulsiv Jimmy sein konnte. Er hat es wohl vergessen, jedenfalls hat er es mir nie zum Annähen gegeben.“ „So?“ Helen tat es ihrer Schwiegermutter gleich und ließ ihre Stimme beben. Mrs Carlisle reichte Helen den Stoffstreifen. „Sein Pfadfinderabzeichen. Für Camping, Lagerfeuer oder so.“ Auf dem runden Stoffabzeichen formten sich gelbe, orangefarbene und rote Fäden zu einer Flamme. Helens Hand schloss sich um die glatte Narbe in ihrer Handfläche und Tränen schossen ihr in die Augen. „Der Junge war so ein eifriger Pfadfinder, immer aktiv, immer unterwegs. du hast doch ein Foto von Jimmy in seiner Pfadfinderkluft im Album, oder?“ Helen nickte. Warum halfen die Tränen nicht gegen den Schmerz? Arbeit – sie musste arbeiten. Das war die einzige Abhilfe gegen Schwäche, gegen Schmerz. „Ich. ich muss.“ „Ich gehe dann mal“, meinte Vic. „Port Chicago ist ja nicht weit weg. Wir sehen uns.“ Helen richtete ihren verschwommenen Blick auf sein resigniertes Gesicht. Ob eine neue Beziehung helfen würde? Sie war durchaus bereit das herauszufinden – aber nicht mit Vic. „Bis dann.“ * * * Luftwaffenstützpunkt Pyote Pyote, Texas Lt. Raymond Novak sah aus dem rechten Cockpitfenster der Fliegenden Festung und betrachtete den schlanken Aluminiumflügel, der die Luft zerschnitt. „Feuer an Motor drei.“ „Was?“ Lieutenant Flynn beugte sich vor, um an Ray auf dem Kopilotensitz vorbeizusehen. „Feuer? Ich sehe nichts.“ „Ist ja auch ein Übungsflug.“ Flynn schlug mit dem Hinterkopf gegen das Polster. „Ach kommen Sie, den Teil habe ich doch längst bestanden. Das hier ist eine Bombardierung aus großer Höhe. Rauf, die blaue Bohne abwerfen und wieder heim.“ Die blau angemalte Übungsbombe hatte gewaltige Sand- und Staubfontänen aufgewirbelt, aber Ray war noch nicht fertig. Er lächelte seinen Schüler an. „Sie haben wohl einen Spaziergang erwartet? Keine Flak, keine Jäger, keine Probleme?“ Flynns Augenlider flackerten. „Wir sind in Texas.“ „Ja, und Motor drei geht gerade in Flammen auf.“ Flynn fluchte in seine Gasmaske hinein. „Ich weiß, wie man mit Feuer umgeht.“ „Gut. Dann wird ja alles glattgehen heute.“ Er verbannte jeglichen Humor aus seiner Stimme. „Sie sind bald im echten Feuergefecht. Mein Job ist es, Sie darauf vorzubereiten.“ Trotz der vier dröhnenden Motoren war Flynns Kommentar nicht zu überhören: „Und der Blinde führt den Lahmen.“ Rays Griff um das Steuerrad wurde fester. Ein Feigling. Dafür hielt ihn Flynn und alle anderen taten das auch. Er hätte gleich aufs Predigerseminar gehen sollen. Die silbernen Schwingen waren ohne Gefechtsabzeichen nichts mehr wert. Vier Jahre lang hatte Ray seinen Traum, Pastor zu werden, auf Eis gelegt. Er hatte die Uniform der Army Air Force angezogen, Hunderte von Piloten ausgebildet und zugesehen, wie Ausbilderkollegen in einem Feuerball explodierten. Aber er galt als Feigling, weil er nicht an der Front war. Schwachsinn! Und doch: Wie konnte er Männer für Situationen schulen, in denen er selbst nie gewesen war? Wie viele hatte er aufs Töten und auf ihren eigenen Tod vorbereitet? Ray seufzte. Auf jeden Mann im Gefecht kamen Dutzende, die hinter den Kulissen aktiv waren. Waren sie etwa weniger wichtig? Waren sie Feiglinge? Nein! Also war er auch keiner. Er versuchte das nagende Gefühl abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. „Feuer in Motor drei, Flynn. Der Flügel ist in Gefahr. Was tun Sie?“ * * * „Rühren, Lieutenant Novak.“ „Ja, Sir.“ Ray setzte sich vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten, Colonel Beckett, auf einen Stuhl. Der Kommandeur zupfte an seiner olivbraunen Uniformjacke und schloss damit zumindest zeitweise die Beulen zwischen den Knöpfen. Er räusperte sich und schob ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch zurecht. Ray öffnete den Reißverschluss seiner Fliegerjacke und betrachtete den Offizier, dessen ausgedünntes schwarzes Haar, die schlaffen Wangen, seine ausdruckslose Miene. Warum hatte er ihn herbeizitiert? Wollte er seine Meinung über Flynn hören? Die anderen Ausbilder hatten wohl die Geduld mit ihm verloren. Colonel Beckett setzte ein künstliches Lächeln auf, das seine Augen nicht erreichte. „Ich habe gute Neuigkeiten für Sie.“ Gute Neuigkeiten? Nicht mit dem Gesicht. Dr. Jamison hatte so geguckt, als er Ray eröffnet hatte, er brauche künftig nicht mehr zum Sport gehen – weil sein Bein gebrochen sei. Dolores Eaton hatte so geguckt, als sie ihm gesagt hatte, er müsse ihren extravaganten Geschmack künftig nicht mehr finanzieren – weil sie die Verlobung löse. Ray strich über seine Hosenbeine und legte die Hände auf seine Knie. „Neuigkeiten?“ „Sie wissen doch, wie es mittlerweile in der oberen Etage aussieht. Sie sind schießlich schon eine ganze Weile als Fluglehrer dabei, oder?“ „Ja, Sir. Über vier Jahre.“ „Vier Jahre. Vier Jahre.“ Colonel Becketts wurstige Finger blätterten durch die Akten. „Richtig. Fortgeschrittenentraining auf dem Kelly Field, Umgewöhnung auf die B-17 und jetzt hier im Ersatztruppenzentrum. Sie müssen doch darauf brennen, endlich hier rauszukommen.“ Raus? Bis der Krieg vorbei war, gab es nur drei Wege nach draußen: unehrenhafte Entlassung, Ausmusterung aus medizinischen Gründen und Tod. So sehr er das Soldatenleben auch hasste, vor diesem Hintergrund wollte Ray lieber bis zum Ende dabeibleiben. Der Colonel schob den Papierstapel zusammen. „Tausende von Piloten sind nach ihrer Einsatzrunde an der Front nach Hause zurückgekehrt. Wir wollen ihre wertvollen Erfahrungen nutzen.“ „Ja, Sir. Manche von ihnen werden hervorragende Fluglehrer sein.“ Und andere überhaupt nicht. „Freut mich, dass Sie das auch so sehen.“ Das künstliche Lächeln kehrte zurück. „Dann verstehen Sie sicher, dass es ab sofort Voraussetzung für alle Pilotenausbilder ist, Gefechtserfahrung zu haben.“ Ray knüllte den Wollstoff seiner Hose über den Knien zusammen. „Alle?“ „Sie sind doch aus Kalifornien. Antioch – das musste ich erst einmal auf der Karte suchen. Ich habe einen Traumjob für Sie im Luftwaffendepot von Sacramento. Ihren neuen Kommandeur habe ich schon überzeugt, dass Sie am Wochenende Freigang bekommen. Wie gefällt Ihnen das? Essen zu Hause, fischen, das Mädchen von nebenan?“ Das Mädchen von nebenan war neun. „Und was genau würde ich da machen. im Luftwaffendepot?“ „Versorgungsoffizier. Besser geht’s nicht. Keine gefährlichen Flüge, keine aufmüpfigen.“ „Kein Fliegen mehr? Sir, ich liebe das Fliegen. Ich bin gerne Ausbilder. Von Versorgung habe ich doch keine Ahnung.“ „Das lernen Sie schon. Wird Ihnen alles beigebracht. Ist ein Traumjob.“ „Versorgungsoffizier?“ Eine Lagerhalle mit Kisten, Formulare in dreifacher Ausfertigung, ein riesiger Papierberg – was konnte schlimmer sein? Beckett steckte Rays Akte in einen Ordner. „Seien wir doch mal realistisch. Sie können nur als Ausbilder weitermachen, wenn Sie eine Runde Einsätze an der Front fliegen. Und Sie sind wie alt? Einunddreißig? Da wollen Sie doch nicht mehr in den Krieg ziehen.“ „Nein, Sir“, erwiderte Ray durch die zusammengebissenen Zähne. Der Luftkampf an der Front wäre tatsächlich noch schlimmer als eine Lagerhalle. „Die Ausbilderposten sind als Belohnung für die Helden gedacht. Aber es können nun mal nicht alle von uns Helden sein.“ „Nein, Sir.“ Ray war den Stich ins Herz gewohnt. Er war der Einzige der drei Novaks, der kein Held war. Jack, sein jüngerer Bruder, hatte während des Angriffs auf Pearl Harbor mit einer Fliegenden Festung Widerstand geleistet und flog nun für die 8. US-Luftflotte in England. Walt, der Jüngste, hatte seinen Arm im Luftkampf gegen die Nazis verloren. Und Ray? Ray versteckte sich auf einem Ausbildersessel. Nein, in einer Lagerhalle. Colonel Beckett legte Rays Akte in eine Schreibtischecke. Sein Schicksal war besiegelt. Ray stand auf, machte auf dem Absatz kehrt und ging nach draußen. Er zog sein kleines Ledernotizbuch aus der Brusttasche und schrieb „Niemals lächeln, wenn du schlechte Nachrichten überbringst“ hinein. Vielleicht konnte er diese Geschichte irgendwann in einer seiner Predigten verwenden. Er sah zum Himmel, von dem man ihn soeben heruntergeschossen hatte – ohne Fallschirm. Feine Federwolken zogen Bremsstreifen über das klare Blau. „Herr, hilf mir, irgendetwas Gutes daran zu entdecken.“ Er brauchte irgendeinen Silberstreifen am Horizont. Aber im Augenblick sah die Realität grau und trüb aus.

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