Finster ist die Nacht: Kriminalroman

Finster ist die Nacht: Kriminalroman

by Karin Salvalaggio, Sophie Zeitz

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Overview

Detective Macy Greeley ist nachts unterwegs im einsamen Montana. Plötzlich läuft ihr ein Mann direkt ins Auto und sie verliert die Kontrolle darüber. Verletzt und im Wrack festgeklemmt kann sie nur hilflos mit ansehen, wie ein Motorradfahrer bremst und den Mann vor ihren Augen erschießt. Das Opfer ist Philip Long, ein bekannter Radiomoderator. Trotz ihrer Blessuren arbeitet Macy verbissen daran, den kaltblütigen Mord zu klären. Wer kann ein Interesse daran haben, den beliebten Moderator zu töten? Bei den Ermittlungen trifft sie Emma, die Tochter des Opfers. Nach vielen Jahren ist sie zum ersten Mal in die ungeliebte Heimat zurückgekehrt. Emma kennt das größte Geheimnis ihres Vaters: Akribisch notierte er sich jeden Fehltritt, jede düstere Wahrheit der verschwiegenen Dorfgemeinschaft. In den falschen Händen würde das Buch viele Menschen ins Gefängnis bringen ...

Product Details

ISBN-13: 9783843716352
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 08/11/2017
Series: Ein Macy-Greeley-Krimi , #3
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 384
File size: 3 MB

About the Author

Karin Salvalaggio wurde in den USA geboren und ist in Alaska, Florida, Kalifornien und im Iran aufgewachsen. Seit zwanzig Jahren lebt und schreibt sie in London. Sie hat zwei Kinder und einen Schnauzer namens Seamus. Sophie Zeitz studierte in München Amerikanistik und Literaturübersetzung. Sie übersetzt Krimis, Jugendbücher und Klassiker, u.a. John Green und Joseph Conrad, und lebt in Berlin.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Die Stimme aus dem Polizeifunk klang irritiert.

»Philip Long ist nicht hier. Sie müssen ihn woanders hingebracht haben.«

Detective Macy Greeley hielt in einer Hand das Lenkrad, in der anderen das Funkgerät. »Vielleicht hat er sich befreit. Ihr müsst den Umkreis sichern und eine Suche starten. Irgendeine Ahnung, wo der Hauseigentümer ist?«

»Wir sind dran.«

»Ich bin kurz vor der Abzweigung. In fünf Minuten bin ich da.«

Am Horizont verschwamm das rote, weiße und blaue Flackern von Notarztwagen und Polizeiautos mit dem schwarzen Himmel. Macys Scheibenwischer schafften es kaum von einer zur anderen Seite, bevor sie wieder blind fuhr. Die Sicht auf die Strecke kam in Momentaufnahmen – eine Baumgruppe, ein einsamer Briefkasten, ein Farmhaus, ein Obststand am Straßenrand. Ein heftiger Windstoß schob sie auf die Gegenfahrbahn, und für einen kurzen Moment kam sie auf dem nassen Asphalt ins Schleudern. Es war spät im Frühling, aber in den Bergen der Whitefish Range fiel immer noch Schnee. Der Sommer schien in weiter Ferne.

Philip Longs Anruf hatte Macy vor einer halben Stunde geweckt. Sie hatte in der Einsatzzentrale auf dem Polizeirevier von Walleye Junction vor sich hin gedöst, wo die Behörden die eingehenden Anrufe auf Longs Festnetz überwachten. Vor drei Tagen war Philip Long an einer Tankstelle bei vorgehaltener Pistole entführt worden, und die Kidnapper hatten sich bis heute nicht gemeldet. Bisher gab es nur das Video einer Überwachungskamera, auf dem zu sehen war, wie zwei bewaffnete maskierte Personen ihn zu erschießen drohten, falls er sich weigerte, in einen dunkelblauen Lieferwagen zu steigen. Als Philip Long heute Nacht versuchte, seine Frau anzurufen, hatte Macy den Anruf entgegengenommen.

Macy erkannte seine Stimme sofort. Soweit sie wusste, war er der einzige Engländer, der in Montana eine Radiosendung hatte. Und wie es schien, besaß er die Gabe, die Menschen zum Zuhören zu bringen. Während des kurzen Telefongesprächs ging Macy jedes seiner Worte durch Mark und Bein.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich habe, sagte er.

Können Sie uns sagen, wo Sie sind?

Ich saß im Dunkeln, seit sie mich entführt haben. Ich habe wirklich keine Ahnung.

Sehen Sie sich um. Beschreiben Sie, was Sie sehen.

Es ist ein Wohnhaus. Vielleicht zwei Etagen mit Keller. Ich weiß nicht, wann sie zurückkommen. Ich muss hier weg.

Wie viele Entführer sind es?

Da sind Scheinwerfer zwischen den Bäumen. Jemand kommt die Auffahrt herauf.

Macy sah auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war fast drei Uhr morgens. Seit dem Gespräch war eine halbe Stunde vergangen. Falls sie ihn nicht fanden, würde es jemand anders tun. Macy warf einen Blick auf das Navi. Die Polizei hatte Longs Anruf zu einer Adresse am Rand von Walleye Junction zurückverfolgt. Der erste Teil der Truppe war schon vor Ort.

Sie sah keine Spur von der Abzweigung, die sie nehmen musste. Über ihr zerrte der Wind an den dunklen Baumkronen und drückte die Äste so tief herunter, dass sie am Autodach kratzten. Der Abflussgraben, der an der Route 93 entlanglief, war überflutet. Schwarzes Wasser schwappte auf die Straße. Dann endlich entdeckte sie etwas, das wie eine Ausfahrt aussah, und blinkte.

Sie wurde langsamer, und im selben Moment sprang von rechts eine Person aus den Bäumen. Macy bremste scharf, riss das Lenkrad herum, und der Wagen geriet ins Schleudern. Ein bleiches Gesicht. Ein überraschter Blick. Dann flog Philip Long über die Windschutzscheibe und verschwand über das Dach, bevor sich der Wagen überschlug. Glas splitterte. Die Karosserie gab nach. Nach zweieinhalb Überschlägen blieb der SUVkopfüber auf dem Randstreifen liegen, das Heck über dem Abflussgraben balancierend.

Macys Schrei ging in einem Getöse von kreischendem Metall, Schmerz und Panik unter. Sie drehte den Kopf, um zu begreifen, was passiert war. Fest angeschnallt hing sie kopfüber vom Fahrersitz des SUV, die Hände gegen das Wagendach gestemmt. Ihr linkes Handgelenk schmerzte. Sie hielt es sich vor die Brust und blinzelte durch die Reste der Windschutzscheibe. Die Frontscheinwerfer beleuchteten eine regennasse Spur der Verwüstung, die der Wagen hinterlassen hatte, als er sich überschlug – Trümmerteile, Glassplitter, ein Notebook, eine leere DietCoke-Dose, Macys Holster mit der Pistole, Philip Long. Sie versuchte, sich zu bewegen, aber der Gurt war zu eng. Sie rüttelte am Gurtschloss. Es gab nicht nach. Mit den Beinen als Hebel stemmte sie sich nach oben in den Sitz und versuchte es noch einmal. Metall schleifte über Asphalt, als der Wagen ein Stück weiter in den Graben rutschte. Macy baumelte im Gurt, als das Dach unter ihr nachgab.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße.«

Der starke Wind trieb ihr den Regen ins Gesicht. Sie drückte sich die Fingerspitzen an die Augen und versuchte nachzudenken. Sie musste Ruhe bewahren. Hilfe war in der Nähe. Sie würden sie rechtzeitig hier rausholen.

Draußen tat sich etwas. Sie sah ungläubig auf. Philip Long lebte. Er kam schwankend auf die Beine und stand barfuß auf der leeren Straße. Das nasse graue Haar klebte ihm am Kopf. Er trat einen vorsichtigen Schritt auf sie zu, dann blieb er stehen. Im Hintergrund erfüllte das laute Röhren eines Motors die Nacht. Ein Fahrzeug näherte sich. Der einzelne Scheinwerfer traf Long genau zwischen den Augen. Er hob die Hand und wich zurück.

Macy schaltete das Innenlicht an und durchsuchte die Trümmer im Wagen. Das Kabel des Polizeifunkgeräts hatte sich unter dem Beifahrersitz verhakt. Sie konnte ihr Handy nicht finden.

Das Motorrad hielt außerhalb ihres Gesichtsfelds. Abgase wehten ihr ins Gesicht. Sie versuchte sich umzudrehen, um besser sehen zu können, aber sie konnte nur die schweren schwarzen Stiefel des Fahrers erkennen. Der Motor knatterte weiter, während der Fahrer die Straße überquerte. Die Scheinwerfer des SUVbeleuchteten ihn von hinten. Der Regen strömte über seinen Helm und die eng anliegende Montur. Die Gestalt bückte sich nach Macys Waffe, dann ging sie auf die Stelle zu, wo Philip Long mit erhobenen Händen auf der Straße stand. Long rief etwas, aber die Worte wurden vom Wind und dem prasselnden Regen verschluckt.

Macys Gurt schnappte auf, und sie landete hart auf dem Wagendach. Alle Knochen taten ihr weh und fühlten sich schwer an. Sie rollte sich auf die Seite und kroch auf Händen und Knien durch die Trümmer. Als sie es halb aus dem Fenster geschafft hatte, fiel der erste von zwei Schüssen.

Bäuchlings robbte sie durch den feuchten Kies und die knirschenden Glasscherben. Sie riskierte einen letzten Blick. Philip Long lag mit offenen Augen und leicht geöffneten Lippen auf der Seite. Als der Mann sich zu ihrem Wagen umdrehte, glitt Macy in den Abflussgraben. Das Wasser war eiskalt. Sie tauchte unter und ließ sich von der schwarzen Strömung mitreißen.

CHAPTER 2

Es war fast sechs Uhr morgens, und die Lampe über dem Küchentisch war das einzige Licht im Haus, doch nun schälte sich langsam der Garten draußen aus dem Dunkeln. Nach mehreren Tagen heftigem Regen war für die kommende Woche klarer Himmel angesagt. Macy legte die Hände auf den kühlen Granit der Arbeitsplatte und wartete, bis das Zittern aufhörte. In den vier Tagen seit dem Unfall hatte sie mehrere Alpträume gehabt. Der letzte hatte als getreue Wiedergabe der Nacht begonnen, in der Philip Long zu Tode gekommen war. Sie war in der reißenden Strömung des Abflusskanals untergegangen, und als sie aufwachte, war sie fest überzeugt, sie wäre tot.

Macy hielt die Hände ins Licht. Sie hatte Kratzer und Prellungen am ganzen Körper, doch ihre Hände erzählten die Geschichte am besten. Ihre Fingernägel waren abgebrochen, die Fingerspitzen aufgeschürft von den verzweifelten Versuchen, aus dem Kanal zu klettern. Doch die Wände waren zu steil, das Wasser zu schnell. Hätte sie die verknoteten Wurzeln einer Schwarzpappel nicht zu fassen bekommen, hätte Macy die Nacht vielleicht nicht überlebt. Aber sie hatte sich an den Wurzeln festhalten und auf den Randstreifen der Route 93 hieven können. In der Ferne hatte sie die Lichter der Rettungswagen gesehen. Obwohl sie vor Kälte fast ohnmächtig war, war sie auf die Lichter zugehumpelt. Sie erinnerte sich nur noch verschwommen, wie jemand sie in eine Decke gehüllt hatte. Macy blinzelte die Tränen weg und dachte an das, was sicher war: Es war sechs Uhr morgens, sie stand in der Küche ihrer Mutter in Helena, und sie war am Leben.

Macy kehrte an den Tisch zurück. Tatortfotos, Landkarten und Notizen bildeten ein ordentliches Raster. Sekundenlang betrachtete sie das Foto von Philip Long. Er war zweiundsechzig und besser in Form als viele, die halb so alt waren wie er. In der Biographie auf seiner Website stand, dass er bei gutem Wetter täglich acht Kilometer joggte. Im Winter machte er Langlauf. Macy hatte im Krankenhaus die meisten seiner jüngeren Artikel gelesen und stundenlang seine Radio-Talkshow gehört. Er hatte eine unbändige Begeisterung für das Leben gehabt. Es war schwer, ihn mit dem Mann zusammenzubringen, den sie in jener Nacht auf der Straße gesehen hatte. In ihrem Kopf stand Philip Long für immer taumelnd da, in Todesangst, mit aufgerissenem Mund. Je länger sie darüber nachdachte, desto überzeugter war sie, dass er ihr etwas sagen wollte. In ihren Alpträumen starrte sie die Bewegungen seiner Lippen an, doch es war immer nur das Trommeln des Regens und das Röhren des Motorrads, was sie hörte.

Philip Long hatte einunddreißig Verletzungen erlitten, von Prellungen über gebrochene Rippen bis zum Schädelbruch. Es war unmöglich, festzustellen, welche Verletzungen von dem Unfall und welche von einer Auseinandersetzung mit den Kidnappern stammten. Abgesehen von einem zertrümmerten Sofatisch und einer kaputten Lampe gab es in dem Haus keine Hinweise auf einen Kampf. Soweit es die Polizei sah, war Philip Long allein gewesen, als ihm die Flucht aus der 400Quadratmeter-Villa an der Edgewood Road gelang.

Macy blätterte durch die Informationen, die ihnen über den Eigentümer des Hauses vorlagen. Ron Forester war ein im Flathead Valley ansässiger Steuerberater, der zurzeit eine Haftstrafe wegen sexueller Nötigung absaß. Er behauptete, die Entführer hätten sein Haus ohne sein Wissen benutzt. Als Macy im Krankenhaus lag, hatte sie die Videoaufnahme seiner Vernehmung gesehen. Er hatte die Hände gehoben und seine Unschuld beteuert.

Ich habe nichts damit zu tun.

Macy sah sich noch einmal die Festnetzverbindungen des Anwesens an der Edgewood Road an. Bis auf Philip Longs Anruf in der Mordnacht hatte es in den letzten drei Monaten keine ausgehenden Gespräche gegeben. Dazu passten auch die Aufzeichnungen der Strom- und Heizungszähler. Wenige Tage vor Philip Longs Entführung war der Verbrauch in die Höhe gegangen. Das Grundstück lag rund 800Meter von der Route 93 entfernt. Es gab keine Nachbarn, und bisher konnte Macy auch keine Verbindung zwischen Philip Long und dem Eigentümer entdecken. Sie blätterte noch einmal die Aufzeichnungen durch. Ein örtlicher Sicherheitsdienst namens Mountain Security wartete die Alarmanlage. Laut den Kontoauszügen wurde der Dienst auch regelmäßig bezahlt. Wer immer eingebrochen war, musste den Code der Alarmanlage kennen. Macy nahm ein Foto von Ron Forester in die Hand. Der Mann war ein verurteilter Krimineller. Sie hatte keinen Grund zu glauben, was er sagte.

»Nichts damit zu tun. Dass ich nicht lache.«

Dann ging Macy die Fotos aus dem Innern der Villa durch. Die Entführer hatten die Hintertür aufgebrochen und einen Lagerraum im Keller ausgeräumt, wo sie Philip Long einsperrten. Man hatte Schachteln eines chinesischen Takeaways im Kühlschrank gefunden, eine Kanne mit warmem Kaffee und Geschirr, das in der Spüle einweichte. Bis jetzt hatte man zwei Paar unidentifizierte Fingerabdrücke sichergestellt.

Ein riesiger Schwarm Blauhäher sprenkelte den Morgenhimmel und ließ sich in der Krone einer Birke am Ende des Gartens nieder. Macy warf einen Blick auf die Uhr, die über dem Küchentisch hing, und seufzte. In einer Stunde kam eine Kollegin von der Highway Patrol, um sie abzuholen. Macy hatte protestiert und beteuert, sie könne selbst zurück ins Flathead Valley fahren, aber ihr Vorgesetzter hatte darauf bestanden, dass sie sich entweder fahren ließ oder weitere Tage aussetzte. Macy hatte nachgegeben. Wenn sie Philip Long aus ihren Träumen verbannen wollte, dann musste sie herausfinden, was auf jenem einsamen Abschnitt der Route 93passiert war. Und zuerst musste sie sich das Haus ansehen, in dem er festgehalten wurde. Fotos reichten nicht aus.

Auf der Treppe waren leise Schritte zu hören, und Macy drehte sich um, als ihre Mutter Ellen in Bademantel und Hausschuhen herunterkam. Sie war nicht allein. Luke, ein von Natur aus vorsichtiges Kind, hielt sich an der Hand seiner Großmutter fest. Er war fast zweieinhalb und groß für sein Alter. Mit seinem zerzausten schwarzen Haar und der Höckernase war er das Ebenbild seines Vaters, des früheren Chiefs der State Police, doch wenn seine grünen Augen aufleuchteten, war er ein waschechter Greeley.

»Mommy!« Er breitete die Ärmchen aus und lief auf sie zu.

Macy lächelte den Schmerz weg, als sie sich bückte, um ihn hochzuheben. Der Gurt hatte Hämatome auf ihrer Brust hinterlassen, und ihr linkes Handgelenk war verstaucht. Ellen legte ihrer Tochter die Hand auf die Schulter.

»Wegen mir musst du dich nicht zusammenreißen. Ich weiß, dass dir alles wehtut. Hast du Ibuprofen genommen, als du heute Morgen aufgestanden bist?«

Ächzend setzte Macy Luke in den Hochstuhl.

»Ja, aber anscheinend zu wenig.«

»Du brauchst Zeit, das weißt du selbst. Wenigstens ist nichts gebrochen, und du bist bald wieder fit.«

Macy schnitt für Luke Grimassen. Er kicherte und griff nach ihrer Nase.

»Ich wünschte, ich hätte deine Zuversicht«, sagte Macy.

»Du bist stärker, als du denkst, Macy. Aber ich bin froh, dass sie dir einen Fahrer schicken. Du solltest auf keinen Fall Hunderte von Kilometern allein am Steuer sitzen.«

»Gina Cunningham von der Highway Patrol ist seit siebzehn Jahren im Dienst. Wahrscheinlich hört sie es nicht gern, wenn du sie als Fahrer bezeichnest.«

Ellen lachte. »Ich merke es mir für den Fall, dass ich sie kennenlerne.«

Macy hielt die Kaffeekanne hoch. »Ich habe frischen Kaffee gekocht. Möchtest du welchen?«

»Danke, das wäre fein.« Ellen ging durch die Zimmer im Erdgeschoss und machte überall Licht. »Warum sitzt du immer im Dunkeln? Das ist doch gruselig. Apropos, sind das Tatortfotos auf dem Küchentisch?«

»Tut mir leid. Ich räume sie gleich weg.«

Ellen warf einen kurzen Blick auf die Fotos. »Wenn ich mir diese Bilder ansehen müsste, würde ich im ganzen Haus Licht machen.«

»Ich versuche nebenbei, die Erde zu retten.« Macy öffnete den Kühlschrank. »Ich mache Rührei. Möchtest du welches?«

»Nein, danke. Ich esse nur eine Schale Cornflakes.« Ellen lächelte. »Dein neuer Haarschnitt gefällt mir. Er steht dir ausgezeichnet.«

Macy strich sich das Haar nach vorn, so dass es ihr Gesicht umrahmte. »Ich finde es irgendwie zu kurz. Ich fühle mich so nackt.«

»Sei nicht albern, Liebes. Es ist schulterlang. Außerdem hast du sowieso meistens einen Pferdeschwanz, wie vorher auch.« Ellen zupfte einen Fussel von Macys dunkelblauem Blazer. »Du siehst gut aus. Endlich hast du wieder ein bisschen Farbe im Gesicht.« Sie berührte Macys Wange. »Du hast sogar ein paar Sommersprossen. Es muss Frühling sein.«

Macy wandte sich vom ruhigen Blick ihrer Mutter ab. Ellen entging nichts, und Macy wollte nicht, dass sie sah, wie zerrissen sie sich fühlte. Man hatte ihr angeboten, eine verletzungsbedingte Auszeit zu nehmen. Damit hätte sie mehr Zeit mit Luke zu Hause gehabt. Es war Macys Entscheidung, ins Flathead Valley zurückzukehren, um die Ermittlungen zu Philip Longs Entführung und Ermordung weiter zu leiten. Wenn sie einen Fall einmal aufgenommen hatte, brachte sie ihn auch zu Ende. Sie speicherte jede Information, jedes Foto im Kopf, verfolgte jede Spur, bis der Fall gelöst war. Zu Philip Longs Lebzeiten hatte sie versagt. Jetzt würde sie wenigstens seinen Tod aufklären.

Macy beugte sich vor, um Luke auf gleicher Höhe anzusehen. Zu ihrem Glück war ihr Sohn weniger scharfsichtig als ihre Mutter, aber sie wusste, eines Tages würde sie ihm viel erklären müssen. Die meisten Mütter waren zum Abendessen zu Hause und hatten die Wochenenden frei. Bei Macy war es anders. Es war nicht das erste Mal, dass sie mehrere Tage hintereinander beruflich unterwegs war. In vielen Polizeidienststellen in der Provinz gab es keine Kriminalbeamten, und als Sonderermittlerin der Landespolizei wurde Macy immer dahin geschickt, wo sie gebraucht wurde.

Sie beschloss, das Thema zu wechseln, und zeigte auf die Yogamatte, die aufgerollt neben der Sporttasche ihrer Mutter an der Küchentür stand.

(Continues…)



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