Geisterfahrt: Thriller

Geisterfahrt: Thriller

by Tim Erzberg

NOOK Book(eBook)

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Overview

Es hätte ein schöner Tag werden sollen: Anna Krüger und ihre Kollegen von der Helgoländer Polizei sind nach Hamburg gefahren, um das Dienstjubiläum ihres Chefs zu feiern. Auf dem »Hamburger Dom« ist auch dessen neunjährige Tochter Pauline mit dabei. Auf dem Weg in den bunten und hektischen Trubel des Volksfestes macht Anna Krüger eine Entdeckung, deren Tragweite sie sich nicht hätte ausmalen können. Und so wird binnen weniger Stunden der Terror nach Hamburg kommen, ein kleines Mädchen verschwinden und ein Mensch sterben.

»Dramatisch und spannend.« Morgenpost am Sonntag

»Ein grundsolider Kriminalroman mit Hamburg-Flair« Hamburger Abendblatt

Product Details

ISBN-13: 9783959678384
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 06/03/2019
Series: Anna Krüger , #3
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 416
File size: 2 MB

Read an Excerpt

CHAPTER 1

EINS

Hamburg, Dom: 3. August, 20:30 Uhr

Eck hatte sich immer leicht damit getan, nachts um die Häuser zu ziehen und tagsüber zu schlafen. Sein Revier war der Kiez, da ging das. Da war Leben bis morgens um sechs – und die Nachtschwärmer hatten das Geld lockerer als die Idioten, die tagsüber in der Stadt herumliefen. Die aufgeblasenen Geizkragen und Moralapostel. Eck kannte sie alle. Er war selber einer von ihnen gewesen. Vor Ewigkeiten. Manchmal träumte er noch davon. Wenn er zu viel getrunken hatte, heulte er auch schon mal über sein verlorenes Leben. Aber an einem normalen Tag, das hieß: in einer normalen Nacht mit nur kleinem Hunger und kleinem Rausch, da konnte Eck sich gut durchs Leben treiben lassen und spürte fast nicht, wie es verging. Surfen nannte er das. Surfen. Hatte er früher mal gemacht. Vor einer Ewigkeit. Hatte sich ähnlich angefühlt. Man blendete alles andere aus.

Aber zum Surfen brauchst du Stoff. Ganz ohne ist kein Surfen. Ganz ohne ist Krieg. Krieg in den Eingeweiden. Krieg im Bauch. So wie heute. Irgendwie hatte er kein Glück gehabt. War erst unten am Hafen gewesen, um sich irgendwo ein Fischbrötchen zu schnorren. Als Unterlage. Dann rauf durchs Portugiesenviertel, wo man vor dem Lokal lungerte, bis einem der Wirt eine halb leere Flasche Roten schenkte, damit man endlich verschwand. Eck war in letzter Zeit wohl zu oft dort gewesen. Diesmal hatten sie ihm bloß einen Tritt geschenkt und mit der Polizei gedroht. Was natürlich keine Drohung war. Die machten sich nicht die Hände mit einem Penner schmutzig, der sich friedlich verhielt. Blieben auf Abstand, weil sie Angst hatten, sie könnten sich Läuse holen oder Flöhe. Oder was richtig Fieses. Eck hätte gelacht. Ging aber nicht, weil er diesen verdammten Druck in der Brust spürte. Dabei war Sommer. Sonst kannte er das nur vom Winter. Aber nach dem letzten war's nicht wieder weggegangen. Eher stärker geworden. Vor allem, wenn er nüchtern war. Was er Scheiße noch mal nicht gerne war.

Nach acht Uhr abends – er blickte immer mal wieder zur Uhr am U-Bahnhof St. Pauli hin – und immer noch keine Aussicht auf Stoff. An einem der Stände hatten ein paar Kunden ihre Becher stehen lassen. Eck sah sich um und trottete hinüber. Wäre beinahe überfahren worden von einem Porsche. Er spuckte hinterher, dachte dann aber, dass es vielleicht nicht mal schlecht gewesen wäre. Schneller Tod. Und ein Bonzenarsch, der auf Grundeis ging, weil er einen Obdachlosen niedergemäht hatte. Eck musste lachen. Dann musste er husten. Scheiße. Der Kioskbesitzer hatte ihn entdeckt. »Verpiss dich!«

»Schon gut, Mann«, murmelte Eck und bog ab, ein Stück weit rein auf das Heiligengeistfeld. Da, wo sie anfingen, sich durch die Nacht treiben zu lassen und ihr Geld zu verjubeln, und sich volllaufen ließen und den Mädels auf die Möpse glotzten. Hatte er früher alles auch getan. Vor einer Ewigkeit.

»Pass auf, wo du hintrittst, Alter!«, fuhr ihn ein Jugendlicher an. Ausländer. Türke wahrscheinlich, irgend so was. Oder Araber.

»Sorry, Mann«, murmelte Eck und wankte leicht zur Seite.

»Alles okay?« Der Junge hob seine Geldbörse auf, die ihm bei Ecks Rempler runtergefallen war. »Geht's dir nicht gut?«

»Alles okay, Mann. Bin bloß 'n Penner.«

»Scheiße, Alter.« Er kramte irgendwas in seiner Jacke. »Hey. Hier.« Und steckte Eck etwas in die Tasche. Dann war er weg.

Geld! Ein Zehner! Offenbar war heute Ecks Glückstag.

* * *

Die anderen waren schon vorgegangen. Pauls Tochter wollte unbedingt mit ihrem Papa Autoscooter fahren. Wenn sie ihnen nachsah, fand Anna, sie hätten eine gute Familie abgegeben: Paul, die Kleine – und Saskia. Waren sie natürlich nicht. Und würden sie sicher auch nie werden. Saskia war überhaupt nicht Pauls Typ. Optisch vielleicht. Optisch standen wahrscheinlich alle Männer auf Saskia. Sie war blond, schlank, mit Kurven an den richtigen Stellen. Normalerweise sah man die kaum – ein Vorteil der Dienstkleidung. Obwohl Anna sie im Verdacht hatte, ihre Sachen in der Schneiderei auf Körper getrimmt haben zu lassen. Genau genommen war sie ein verdammter feuchter Traum der Kerle. Vor allem so in Jeans und mit der engen schwarzen Lederjacke, mit dem Pferdeschwanz und dem Make-up ... Es war gar keine Frage, dass die Männer ihr nachguckten. Und Saskia wusste das. Klar, Paul guckte auch. Aber der hatte sie immerhin schon kennengelernt und wusste, dass sie ein Biest war. Zuerst würde sie Anna wegbeißen, dann Paul. Wenn sie nicht vorher wieder weg war. Denn aus ihrer Verachtung für die Insel hatte sie vom ersten Moment an kein Geheimnis gemacht. Anna fragte sich, ob Saskias Versetzung nach Helgoland eine Art Strafexpedition war. Die hätte sich nicht auf den frei gewordenen Posten melden müssen. Ob sie was mit einem Kollegen in Flensburg gehabt hatte?

Jedenfalls war es ihre Idee gewesen, zu Pauls Dienstjubiläum einen Ausflug auf den Dom nach Hamburg zu machen. Das passte natürlich zu ihr. Laut, grell, jede Menge Action. Anders als auf Helgoland jedenfalls. Wo für diese Nacht die beiden Springer für die Hauptsaison die Stellung hielten.

Es war nicht so, dass Anna Krüger die neue Kollegin abgelehnt hätte. Aber sie hatte von der ersten Minute an gespürt, dass Saskia auf Zickenkrieg angelegt war. Und das tat ihr nicht gut.

Während sie noch den dreien hinterhersah, wie sie Richtung Autoscooter abzogen, wühlte sie in ihrer Tasche nach dem Röhrchen mit den Tabletten. Das neue Präparat gegen ihre Migräne war ein großer Fortschritt, auch wenn es den Schmerz nicht ganz abstellte. Stalin. Ihr teuflischer Begleiter. Jederzeit bereit, sie zu foltern, immerhin legte er neuerdings längere Phasen ein, in denen er sie in Sicherheit wiegte. Ein Schläfer in ihrem Kopf. Anna sah sich um und ging zum nächsten Kiosk hinüber, um sich eine Flasche Wasser zu kaufen.

Ein Penner stolperte ihr über die Füße, als ihn der Kioskbetreiber wegscheuchte. Arme Sau, dachte Anna. Offensichtlich hatte er nachsehen wollen, ob noch Reste in den Bechern waren. Sie war froh, dass es auf Helgoland kein Obdachlosenproblem gab. Eine Aufgabe weniger. »Ein Wasser, bitte.«

Sie warf zwei Tabletten ein, obwohl ihr die Ärztin nur eine empfohlen hatte, und spülte sie mit dem Wasser runter. Sie sollte aufpassen. Im letzten Jahr hatte sie sich mit zu vielen Medikamenten ernsthaft in Schwierigkeiten gebracht. Und das war nicht das erste Mal gewesen. Paul und die anderen waren im Getümmel verschwunden. Schon hier, ganz am Rand des Doms war der Lärm bizarr. Anna blickte zu den Kollegen hinüber, die einen der Eingänge kontrollierten. Bis jetzt gab es keine Taschenkontrollen. Personenkontrollen nur, wenn jemand sich besonders auffällig benahm. Aber die Nervosität war groß. Die Kollegen – zwei Männer, eine Frau – standen lässig herum und lachten. Alles ruhig, dachte Anna. Sie stellte die Flasche auf die Theke und warf sich ins Getümmel. Verdammt voll, dachte sie. Hier sind allein fünfzigmal so viele Menschen unterwegs, wie auf ganz Helgoland leben. Nun gut, der Dom war immerhin beinahe so groß wie ihre geliebte, verhasste Insel. Sie wünschte, sie wäre jetzt dort gewesen. Aber schließlich konnte sie Paul nicht allein sein Dienstjubiläum feiern lassen. Allein mit Saskia.

»Entschuldigung! Sie haben was verloren!«, hörte sie hinter sich eine Stimme. Als sie sich umdrehte, stand da ein Familienvater mit Frau und zwei halbwüchsigen Töchtern und hielt ihr etwas hin.

»Oh.« Anna griff danach. Ein Ausweis. Nicht ihrer. »Das ist nicht meiner«, sagte sie. »Aber ich gebe ihn den Kollegen ... den Polizisten dort.« Sie machte eine Geste Richtung Eingang. Der Mann nickte und winkte ihr auf Wiedersehen.

Anna schlenderte hinüber zu den drei Uniformierten, zückte ihren Dienstausweis, den sie auch bei sich trug, wenn sie in Zivil gekleidet war, und sagte: »Moin.«

»Moin moin, Kollegin«, erwiderte einer von ihnen.

»Hat mir eben jemand gegeben, weil er ihn gefunden hat.« Anna reichte dem Polizisten den Ausweis. Der warf einen Blick darauf und runzelte die Stirn. »Marco Kovac. Prüfst du mal?« Er reichte ihn seiner Kollegin weiter, die damit zum Einsatzwagen ging.

»Und?«, fragte Anna. »Alles ruhig heute Abend?«

»Wird genauso ein langweiliger Abend werden wie sonst auch.«

»Da solltet ihr mal einen Abend bei uns Dienst schieben«, lachte Anna.

»Und bei euch wäre wo genau?«

»Helgoland.«

»Okay. Dagegen ist das hier wahrscheinlich wie Hexensabbat.«

»Stefan?« Die Kollegin, die mit dem Ausweis zum Wagen gegangen war, kam zurück.

»Hm?«

»Ich glaube, wir haben ein Problem.«

»Treffer?«

»Kann man sagen.«

»Drogen wahrscheinlich«, schlug der Polizist vor, der mit Anna gesprochen hatte. Doch seine Kollegin schüttelte den Kopf. »Ist nicht unsere Kleinkriminellenfahndungsliste.«

»Sondern?«

»LKA.«

* * *

Stefan Sattler war seit siebzehn Jahren auf dem Kiez. Er hatte alles erlebt. Drogentote, Messerstechereien, Rockerkriege, die ganze Palette. Seit einigen Jahren war das Milieu anders geworden: weniger Prostitution, dafür härtere Maschen. Das machten die Osteuropäer, die Rumänen, Bulgaren und Moldawier, die ihre Nutten noch brutaler ausbeuteten als die alte Garde der Luden. Die kannten auch keinen Respekt mehr vor der Polizei und hatten nicht einmal Interesse an einem guten Nebeneinander, so wie das früher mal gewesen war. Nein, der Kiez war brutaler geworden, auch wenn er mittlerweile aussah wie ein Familienfreizeitpark, weil zwar hier und da noch Sex draufstand, aber fast nirgends mehr Sex drin war. Nur in zwei, drei Nebenstraßen.

Die Einsätze auf dem Dom mochte Stefan Sattler an sich ganz gerne. Außer Alkohol und ab und zu mal einem Dealer gab es hier keine großen Probleme. Die Hamburger waren da eigentlich immer ganz unaufgeregt, die Touristen meistens respektvoll. Viele Iraner und Araber liefen auf dem Dom herum. Stefan Sattler konnte das gut verstehen. Immerhin gab's bei denen zu Hause ja nicht so viel Vergnügen. Scheiße war allerdings, wenn einer von denen auf der Fahndungsliste des Landeskriminalamts stand. Er wählte die Einsatzzentrale an: »Moin. Stefan hier. Wir sind hier planmäßig auf dem Dom. Identitätsabgleich hat einen Treffer mit LKA ergeben.«

»Okay«, sagte der Kollege nur. »Habt ihr den Verdächtigen in Gewahrsam?«

»Leider nein. Wir haben nur seinen Ausweis gefunden.«

»Auf dem Dom?«

»Auf dem Dom«, bestätigte Stefan Sattler und bemerkte, wie er schon die ganze Zeit, seit der Entdeckung der Kollegin, mit dem Blick die Menschenmenge durchpflügte, die unablässig auf das Heiligengeistfeld strömte. Das Problem war: Der Typ war ja offenbar schon drin.

»Ich bekomme es in dem Moment auf den Schirm«, sagte der Kollege von der Einsatzzentrale. Gut, die Kollegen waren immerhin fix. Jetzt würde die ganze Maschinerie anlaufen. »Was machen wir?«

»Wir klären das mit dem KDD und melden uns, Kollege Sattler«, sagte der Mann von der Einsatzzentrale. Dann legte er auf, um noch in derselben Sekunde die Nummer des Kriminaldauerdienstes zu wählen.

»Schmiedeke hier. Wir haben einen Treffer auf dem Heiligengeistfeld. Der Verdächtige ist vermutlich auf dem Dom und steht auf der LKA-Liste. Sein Ausweis wurde gefunden. Marco Kovac, 24 Jahre, geboren in Sarajewo.«

»Aufenthaltsstatus?«, fragte der Kollege von der Kripo. Es gab in diesen Fällen niemanden, der sich mit Small Talk aufhielt. Jeder wusste, dass im Falle einer Meldung jeder Beteiligte vom ersten Augenblick an unter Strom stand.

»Keiner. Der Mann ist Deutscher.«

»Deutscher? Und was liegt vor?«

»Gefährder. Mitglied in einer radikalislamischen Gemeinde, mehrere fragwürdige Reisen ins türkisch-syrische Grenzgebiet ... So was. Wir haben gerade mit der Auswertung begonnen.«

»Strafrechtliche Vorgeschichte?«

»Nur zwei Verurteilungen nach Jugendstrafrecht wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung ...«

»Messerstecher?«

»Baseballschläger.«

»Na toll.«

»Außerdem zwei Festnahmen wegen Verdachts auf Drogenhandel. Wurde aber fallen gelassen. Alles schon mehr als drei Jahre her.«

»Und wie ist er auf den Schirm des LKA gekommen?«

»Belgien hat ihn an Interpol gemeldet.«

»Belgien?«

»Keine Ahnung. Die haben da ja auch eine Menge Radikale. Er wird schon seine Kontakte dort haben ...«

»Und in den letzten drei Jahren ...«

»Nichts.«

Sie hatten ihn also vor drei Jahren mal auf dem Schirm gehabt, und seither war er unauffällig gewesen. Oder untergetaucht. Bis heute. Und heute verliert er seinen Ausweis. Auf dem Dom. Zufall? »Sicher, dass es nur einen Marco Kovac gibt?«

»Guter Punkt. Wir haben den Namen dreimal im System. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, ob das drei unterschiedliche Personen sind.« Schmiedeke versuchte parallel, alle möglichen Varianten zu durchdenken. Man konnte jetzt natürlich verdeckt ermitteln. Aber wenn der Gesuchte tatsächlich dabei war, sich vom Gefährder zum Terroristen zu mausern, dann war das ungefähr so, als würde man einen Waldbrand nur beobachten. Er seufzte. »Terrorlage?«

»Nein«, sagte der Kripo-Mann, dem natürlich genau die gleichen Fragen durch den Kopf gingen. »Das geben die Fakten so weit nicht her. Warten wir, was die Kollegen vom LKA sagen.«

Gut, dachte Schmiedeke. Terrorlage auf dem Dom würde am Ende in einer Katastrophe enden. Eine Panik unter Zehntausenden Besuchern zwischen Hunderten Buden, Geschäften, unübersichtlichen Ständen, und das noch bei Nacht ... Er mochte gar nicht dran denken. »Na gut. Dann werden wir den Mann jetzt suchen«, sagte er. »Gebt uns Bescheid, wenn es neue Erkenntnisse gibt.« Sekunden später war er wieder zurück bei seinem Kollegen Sattler, der auf dem Heiligengeistfeld stand und die Verantwortung des diensthabenden und ranghöchsten Polizisten vor Ort trug. »Kollege Sattler?«

»Ich höre.«

»Wir bilden jetzt einen Krisenstab und fordern Spezialeinheiten an. Sie bekommen in den nächsten Minuten weitere Anweisungen. Sehen Sie sich noch einmal das Foto auf dem Ausweis an und sehen Sie sich um, aber entfernen Sie sich nicht zu weit von Ihrem aktuellen Standort.«

»Alles klar. Over.«

»Können wir irgendwie helfen?«, fragte Anna Krüger, die das Gespräch mitgehört hatte. Doch der Hamburger Kollege schüttelte den Kopf. »Halten Sie nur die Augen offen«, sagte er. »Und melden Sie sich, falls Sie wirklich was Verdächtiges bemerken. Im Moment sollten wir die Situation hier möglichst ruhig halten. Für einen Großeinsatz sind wir momentan viel zu wenige Kollegen vor Ort.« Und auch gar nicht ausgerüstet, dachte er. »Es gibt keine Anzeichen, dass hier eine Straftat geplant ist. Aber klar, wenn wir den Verdächtigen finden, versuchen wir den Zugriff.«

Anna nickte. »Kann ich das Bild auf dem Ausweis auch noch mal sehen?«

»Sicher.« Sattler gab seiner Kollegin im Einsatzfahrzeug ein Zeichen, sodass Anna den Ausweis noch einmal studieren konnte. Ein junger Mann mit dichtem schwarzem Haar, Dreitagebart, auffällig kleinen Ohren, den Blick aus dunklen Augen selbstbewusst in die Kamera gerichtet. Trotzig sah er aus, fand Anna. Wie wahrscheinlich die meisten jungen Männer seiner Herkunft und Gesellschaftsschicht. »Danke.« Sie gab den Ausweis zurück und wandte sich wieder dem Heiligengeistfeld zu. Erst jetzt nahm sie den Bunker wahr, der dahinter aufragte. Riesig, düster, drohend.

* * *

Pauline liebte Autoscooter. Sobald Papa einen Chip eingeworfen hatte, drückte sie auf das Pedal und fuhr mitten hinein in die anderen Autos. Die meiste Zeit fuhren sie gar nicht richtig, sondern blockierten sich nur gegenseitig. Aber dann, irgendwann, waren alle wieder weg, und Pauline konnte wieder draufdrücken und wieder mittenreinfahren. Manchmal lenkte Papa ihr Auto weg von den anderen, damit sie wenigstens mal eine Runde drehen konnten. Dann winkte sie Saskia zu, obwohl sie die eigentlich nicht sehr mochte. Aber heute war Pauline einfach nur glücklich. Auf dem Dom war sie noch nie gewesen. Mama mochte das nicht. Aber Pauline mochte es! Sie wäre am liebsten für immer hiergeblieben.

Nach der vierten Runde Autoscooter hob Papa die Hände. »Ich kann nicht mehr!«, rief er lachend. »Mir ist schon ganz schwurbelig im Bauch. Ich glaube, ich brauche eine Pause. Und ein paar Schokofrüchte.« Er guckte Pauline an. »Noch jemand Lust auf Schokofrüchte?«

»Au ja!«, rief Pauline und kletterte schon aus dem Wagen. »Wir gehen Schokofrüchte essen«, erklärte sie Saskia, die auf ihrem Handy herumtippte.

»Super«, sagte die, ohne aufzusehen.

»Komm!« Paul war hinter seiner Tochter aus dem Scooter geklettert und hatte den Arm auf ihre Schulter gelegt. »Ich spendiere uns eine Runde.«

»Nichts für mich«, antwortete seine Kollegin. »Ich warte hier auf euch.«

»Alles klar.« Paul schob Pauline ein Stückchen vom Autoscooter weg und ging in die Hocke. »Schokofrüchte oder Zuckerwatte?«

»Schokofrüchte.«

(Continues…)


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