Im Zeichen der Angst: Roman

Im Zeichen der Angst: Roman

by Mika Bechtheim

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Product Details

ISBN-13: 9783641044985
Publisher: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
Publication date: 11/29/2010
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
File size: 834 KB

Read an Excerpt

Herbst 2002
Ich sehe meinen Vater immer noch vor mir mit seinem weißen Imkerhut und seiner Pfeife, aus der betäubende Schwefeldämpfe waberten, während er eine Bienenwabe nach der anderen aus den grün gestrichenen Beuten nahm und sie mir gab, damit ich sie in den selbst gezimmerten Kästen aufhing.
Der bläuliche Rauch beruhigte die Bienen, während mein Vater ihnen die Tracht stahl: im späten Frühling den weißlichen Rapshonig, der sich den ganzen folgenden Winter über geschmeidig wie frisch geschlagene Rahmbutter auf das Brot streichen ließ; im Sommer den dunkelgoldenen Rotklee- oder den braunen Waldhonig, der irgendwann fest sein und sich nur noch bröckchenweise aus den Gläsern lösen würde.
Während meiner Kindheit in der ostdeutschen Kleinstadt wiederholte sich dieses Ritual alljährlich, und ich kann mich bis heute so lebhaft daran erinnern, als sei ich ihm erst gestern zur Hand gegangen. Die Schwefeldämpfe bissen in den Augen, und manchmal, wenn ich zu nah und zu lange neben meinem Vater stand, begannen sie zu tränen.
Meinen Vater sah ich niemals weinen - bis zu dem Tag, an dem meine Mutter im Sommer 1989 kurz vor der Geburt meines ersten Kindes verschwand. Sie hatte sich - wie in jenem Sommer kurz vor dem Fall der Mauer Hunderte vor und noch Hunderte nach ihr - über die deutsche Botschaft in Budapest in den Westen abgesetzt. Sie hinterließ einen Brief an mich. Ich hätte ja nun, nach meinem Diplom und meiner Heirat, ein eigenes Leben und bräuchte sie nicht mehr. Sie habe sich deshalb entschieden, noch einmal von vorn zu beginnen. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört.
Im Januar 1996 beerdigten mein Mann Kai und ich meine erst sechsjährige Tochter Johanna, und als die Träger den Sarg in das Grab ließen, sah ich meinen Vater ein zweites Mal weinen. Meine Tochter war entführt worden und in einem alten Wasserturm an einem Asthmaanfall gestorben.
Mein Vater verstand, dass ich ihren Tod rächen wollte und dass es mir nicht reichte, den Entführer hinter Gittern zu sehen. Ich wollte, dass er sein Leben verlor. Ich wollte die Rache aus tiefstem Herzen, gemäß dem alttestamentarischen Motto »So sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge und Zahn für Zahn«.
Doch es kam anders. Der Mann, der meine Tochter entführt haben sollte, war unschuldig. Trotzdem wurde er erschossen. Mit meiner Waffe und an dem Tag, an dem ich ihn in seinem Haus aufsuchte. Doch zum Zeitpunkt seines Todes hatte ich ihn längst verlassen. Ich konnte es nicht beweisen, und so wurde ich verhaftet und für schuldig befunden. Ich verbrachte sechs Jahre hinter Gittern wegen eines Mordes, den ich nicht begangen hatte.
Sechseinhalb Jahre nach Johannas Tod lag mein Vater im Sterben. Er, der Nichtraucher, hatte Lungenkrebs, und das Morphium, das die Ärzte ihm gegen die Schmerzen verordneten, legte schließlich einen dichten Schleier über seinen Verstand, unter dem er nur noch ab und zu und unter größter Willensanstrengung hervorkam.
An seinem letzten Nachmittag lag ich neben seinem ausgezehrten Körper auf dem Krankenhausbett und hielt wie all die Tage zuvor seine Hand. Obwohl er in den letzten Monaten so abgemagert war, dass sich unter der dünnen Haut jede Rippe einzeln abzeichnete, waren seine Hände noch immer groß und schwielig und die Handrücken durchzogen von dicken, blauen Adersträngen. Es waren die Hände eines Mannes, der sein Leben lang körperlich gearbeitet hatte.
Er lag auf dem Rücken, die Augen, die sich seit zwei Tagen nicht mehr schlossen, der Decke zugewandt. Von Zeit zu Zeit nahm ich die Tasse mit dem Wasser von seinem Nachttisch, steckte einen Wattetupfer hinein und strich ihm damit über die Lippen. Mitunter gelang es mir, sie leicht zu öffnen, und dann fuhr ich mit dem feuchten Wattestäbchen an seinem Zahnfleisch entlang. Mehr konnte ich nicht für ihn tun. Sein Körper hatte eine Lebensfunktion nach der anderen eingestellt. Erst das Essen, dann das Sprechen, dann das Blinzeln und schließlich das Schlucken.
Ich betrachtete ihn von der Seite und dachte daran, wie er mir damals den Abschiedsbrief meiner Mutter gegeben hatte.
Ich hatte auf die Zeilen gestarrt, sie wieder und wieder gelesen. Irgendetwas in mir hatte verweigert zu verstehen, was meine Mutter mir mitteilen wollte. Dann hatte ich die Tränen in den Augen meines Vaters gesehen und verstanden: Meine Mutter hatte uns verlassen, und sie würde niemals wieder zu uns zurückkehren.
Plötzlich richtete er sich in seinem Bett auf und drehte sich zu mir. In seinem eingefallenen Gesicht öffnete sich der Mund. Er versuchte zu sprechen, doch in dem morphiumgeschädigten Körper gehorchten die Muskeln seinem Willen schon längst nicht mehr. Er keuchte und fiel zurück, die offenen Augen wieder an die Decke gerichtet. Ich beugte mich über ihn, strich ihm eine Strähne des ungeschnittenen Haares aus dem Gesicht und betupfte mit einem feuchten Waschlappen sein Gesicht. Eine Träne sammelte sich in seinem linken Auge.
Ich wollte ihn so gern in die Arme nehmen und an mich drücken. Ich wollte ihm so gern sagen, dass er nicht sterben soll. Nicht jetzt, wo ich nach sechs Jahren Haft endlich wieder frei - und hochschwanger war. Nicht hier, in diesem anonymen Krankenhausbett. Und am besten überhaupt nicht. Aber ich wusste es besser. Er starb in diesem fremden Bett, ohne seine Frau noch einmal gesehen und ohne sein zukünftiges Enkelkind jemals in den Armen gehalten zu haben, und niemand konnte das verhindern.
Noch einmal ging ein Ruck durch seinen Körper, seine kühlen, knochigen Finger umklammerten meine Hand mit dem Waschlappen. Noch einmal richtete er sich leicht auf und öffnete den Mund. Diesmal sprach er.
»Such sie«, keuchte er zwischen zwei rasselnden Atemzügen. Seine Augen starrten mich an, ohne zu blinzeln, während eine Gänsehaut meinen gesamten Körper überzog und ich mir wünschte, ganz weit weg zu sein. Doch ich blieb neben ihm liegen, behielt seine kühle Hand in meiner und erwiderte seinen Blick mit einem Nicken.
Er fiel zurück, atmete ein letztes Mal sanft und fast zärtlich aus und starb in dem Moment, als sich die Träne aus dem Augenwinkel löste und seine Wange hinablief.
Wen sollte ich suchen? Meine Mutter? Den oder die Entführer? Die Mitwisser, die es gegeben haben musste? Alle?
Der Entführer meiner Tochter wurde nie gefasst, und ich habe diesem Unbekannten nie vergeben, dass sie starb. Doch ich habe ihn nicht gesucht. Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis und vor allem nach der Geburt meiner zweiten Tochter Josephine wollte ich nur noch eines: Ich wollte ein neues Leben. Ich wollte wegkommen von einer Vergangenheit aus Tod und Versagen, Schuld und Sühne.
Ich habe auch meiner Mutter nie vergeben, dass sie uns verlassen hat. Ich verbannte deshalb auch sie aus meinem Leben. Ich suchte sie weder nach dem Mauerfall am 9. November 1989 noch nach dem Tod meines Vaters. Und sie suchte mich nicht. Jedenfalls dachte ich das all die Jahre.
So war mein Nicken eine Lüge gewesen, denn ich hatte nicht vor, meine Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen.
Doch sieben Jahre nach dem Tod meines Vaters holte mich diese Vergangenheit ein.
Hamburg, Oktober 2009
Ich stand wie an jedem letzten Mittwoch des Monats hinter dem Tresen der Schul-Cafeteria und gab gemeinsam mit Patrizia, einer anderen Mutter, in der ersten großen Pause um 9 Uhr 45 Milch an die Grundschüler aus. Ich sah meine Tochter Josephine in der Schlange und winkte ihr zu. Josephine, die darauf bestand, Josey gerufen zu werden, war eine Woche nach ihrem sechsten Geburtstag eingeschult worden und stolz und glücklich, jetzt zu den Großen zu gehören und nicht mehr in den Kindergarten zu müssen. Sie winkte aufgeregt zurück und lachte, wobei ihr Mund zwei Zahnlücken entblößte.
Es erstaunte mich immer wieder aufs Neue, dass dieses kleine zarte Wesen mit den roten Haaren und den Sommersprossen auf der Nase mein Kind sein sollte. Ich hatte mir nach Johannas Tod jahrelang nicht vorstellen können, noch einmal ein eigenes Kind zu haben, und so war es allein meiner grenzenlosen Naivität zuzuschreiben, dass ich überhaupt wieder schwanger wurde. Ich hatte die Antibabypille nie vertragen und sie an meinem 38. Geburtstag aus einer Laune heraus abgesetzt. Ich war der Überzeugung, dass die Mutterrolle in meinem Leben nicht mehr vorgesehen war und ich unmöglich schwanger werden konnte. Ich wurde schneller schwanger, als ich denken konnte. Kai, mein Mann, weinte vor Glück, als ich es ihm noch im Gefängnis sagte.
Denn als ich mit Josey schwanger wurde, verbüßte ich die
letzten Wochen einer neunjährigen Haftstrafe, von der ich auf den Tag sechs Jahre absaß. Das letzte halbe Jahr hatte ich am Wochenende Freigang. So hieß das, wenn man die Wochenenden zu Hause verbringen konnte. Die restlichen drei Jahre erließ man mir auf Bewährung.
Wir würden das Kind schon schaukeln, sagte Kai, als ich es ihm erzählte. Ich war da nicht so sicher. Doch als ich drei Monate später endlich aus dem Gefängnis entlassen wurde und zurück in unsere Wohnung kam, wusste ich, dass ich die Chance auf ein zweites Leben erhalten hatte. Ich wusste auch, dass ich diese Chance nutzen würde, um endlich wieder glücklich zu sein. Und ich war glücklich. Glücklich mit Kai und unserer zweiten Tochter, die meiner ersten aufs Haar glich.
Das Glück hielt ein Jahr. Dann begannen die Streite und die gegenseitigen Vorwürfe - und als Kai und ich uns alles gesagt hatten, begann sich unser gemeinsames Leben mit Schweigen zu füllen, das nur unterbrochen wurde, wenn es um Josey ging. Schließlich verließ Kai mich und unsere Tochter, als sie achtzehn Monate alt war.
Als Josey an die Reihe kam, legte sie mir den Euro hin, den die Milch kostete.
»Einmal Erdbeere«, sagte sie, kicherte und flüsterte ihrer besten Schulfreundin Melissa etwas ins Ohr.
Melissa quietschte auf und wurde rot, als sie bemerkte, dass alle Augen auf sie gerichtet waren. Vor allem die Augen von Sven, der hinter Melissa stand und eigentlich Joseys neuer Schwarm war. Josey schwärmte alle drei Wochen von einem anderen Jungen aus der Schule. Vor Sven war es Duncan, und davor war es Michael, der Sohn des Schuldirektors. Doch immer, wenn sich die Jungs ihr dann endlich zuwandten, fand sie sie blöd und überließ sie nur zu gern ihrer Freundin Melissa.
Die Zeit für Sven schien jedoch noch nicht reif zu sein. Obwohl Josey erst sechs Jahre alt war, schaute sie zunächst verwirrt drein, als Melissa rot wurde und sie erkannte, dass Sven der Grund dafür war. Und dann tat sie etwas, das ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie zog Melissa an den Haaren und schlug ihr die kleine Kinderfaust auf den Brustkorb. Melissa schwankte, verlor das Gleichgewicht, fiel nach hinten, direkt auf Sven und riss den überraschten Jungen mit sich auf den Fußboden.
Ich rannte hinter dem Tresen hervor und nahm die schreiende Melissa auf den Arm, während Patrizia, Melissas Mutter, schimpfend dem Jungen aufhalf. Meine Tochter verzog sich mit ihrer Erdbeermilch in eine Ecke, und ich fragte mich halb belustigt, halb besorgt, ob sie wohl die nächsten zwölf Schuljahre damit verbringen würde, ihre Angebeteten mit körperlicher Gewalt gegen die Interessen anderer Mädchen zu schützen und woher sie das wohl hatte.
Ich drohte Josey hinter Melissas Rücken mit dem Finger, und sie drehte sich beleidigt weg. Ich tätschelte leicht Melissas Rücken und flüsterte ihr ins Ohr, dass alles gut sei, sie keine Angst zu haben brauche und Josey sich bei ihr entschuldigen werde.
Melissa schniefte und nickte.
Als Melissa und Josey sich am ersten Schultag miteinander anfreundeten, war das für mich ein Glücksfall. Ich arbeitete tagsüber als Reporterin für eine Tageszeitung und hatte ein Au-pair-Mädchen aus Dänemark engagiert, das Josephine mittags von der Schule abholte. Das Arrangement hielt drei Wochen. Dann wurde das Heimweh der Neunzehnjährigen so groß, dass sie von einem Tag auf den nächsten zurück in ihre Heimat reiste. Patrizia erklärte kurzerhand, das alles sei kein Problem. Die Mädchen könnten mittags gemeinsam aus der Schule in ihr Haus kommen, wo Lena, die Köchin, den beiden das Mittagessen servierte. Patrizia war froh, dass Melissa nicht allein war und nachmittags bei den Schularbeiten Gesellschaft hatte. Und ich war froh, weil ich meine Tochter gut behütet und versorgt wusste.
Ich hatte Melissa noch immer auf dem Arm und wartete, dass sie sich von dem Schreck erholte, als zwei Männer die Cafeteria betraten und sich suchend umsahen.
Ich wusste sofort, dass es Polizisten waren. Ich hatte mit zu vielen zu tun gehabt.
Diese beiden trugen Daunenjacken und Jeans, und ich erkannte sie weniger an ihrer Kleidung als vielmehr an diesem konzentrierten, suchenden Blick, mit dem sie den Raum durchstreiften. Als die Augen des Jüngeren, er mochte um die vierzig sein, auf mich trafen, sagte er etwas zu dem Älteren. Der wandte sich mir zu und musterte mich unter buschigen Augenbrauen, die mich an meinen Vater erinnerten. Fast sofort überkam mich dieses Gefühl, das ich seit meiner Kindheit kannte, wenn mich der strafende Blick meines Vaters traf. Ich hatte zwar nichts angestellt, fühlte mich jedoch schon mal prophylaktisch schuldig.
Kaum merklich nickte der Ältere in Richtung Tür, ich nickte automatisch zurück. Ich setzte Melissa auf dem Fußboden ab und schob mich an ihr vorbei auf die Männer zu. Sofort fing das Mädchen wieder an zu schluchzen.
Ich ging zurück und strich ihr beruhigend über den Kopf. Als das nichts half, ließ ich sie stehen und hoffte, Patrizia würde sie beruhigen, sobald sich Sven von dem Schreck erholt hatte.
Ich hatte nur noch die beiden Männer im Visier. Ich kannte das. Dieses Auftauchen von Kriminalbeamten aus dem Nichts. Es hatte noch nie etwas Gutes in meinem Leben bedeutet.
»Clara«, sagte Patrizia leise und vorwurfsvoll, als mein Arm sie streifte. Doch ich beachtete auch sie nicht.
Normalerweise habe ich in der Schule eine Art Bonus. Wenn ich Josey zu spät zum Unterricht bringe, ihr Pausenbrot vergesse oder mal wieder nicht zu einem Elternabend komme, ist immer jemand da, der meiner Tochter ein Brötchen kauft oder mir die Unterlagen vom Elternabend mitbringt. Dabei gibt es auch an dieser Schule im eleganten Hamburger Eppendorf viele allein erziehende Mütter. Die meisten sind geschieden und bekommen einen Unterhalt. Doch ich bin 45 Jahre alt und verdiene mein Geld allein. Ich habe in den Augen der Öffentlichkeit den Entführer meiner Tochter erschossen - und ich bin Witwe.
Kai und ich haben uns nie scheiden lassen. Keiner von uns beiden fand es besonders wichtig. Er starb zwei Jahre nachdem er uns verlassen hatte bei einem Unfall noch in seinem Auto. Ein LKW-Fahrer fuhr von hinten in ihn hinein, als es an einer Baustelle zu einem Stau kam. Es war ein polnisches Fahrzeug, zugelassen auf ein polnisches Unternehmen und mit einem polnischen Fahrer. Der LKW-Fahrer war, wie mein Mann, tot.
»Kommst du zurück?«, fragte Patrizia und ihre angespannte Stimme verriet, dass ich dabei war, an diesem Vormittag zumindest ihren Bonus zu verlieren. Bei einer prügelnden Sechsjährigen hören die Sympathien auf. Ich zuckte mit den Achseln, ohne mich umzudrehen.
Ich ging an den beiden Kriminalbeamten vorbei, und sie folgten mir hinaus auf den Schulflur.
»Sind Sie Clara Steinfeld?«, fragte der Ältere.
»Ja.«
Er sah seinen jüngeren Kollegen an, der um einen halben Kopf kleiner war als er und mindestens 50 Pfund leichter. Der Ältere war etwa ein Meter 90 groß, rund, fleischig und hatte eine zartrosa Gesichtsfarbe. Er erinnerte mich an ein gut gemästetes Freilandschwein mit viel Muße und wenig Stress.
An dem Jüngeren gab es nichts Rundliches. Alles an ihm war eckig und kantig und sehr dünn. Seine Schuhe, seine Schultern, sein Kinn und selbst die kaum mehr als fünf Millimeter langen Haarborsten schienen eckig und kantig zu sein. Das Einzige nicht Kantige an dem Mann waren sein viel zu langer, dünner Hals und seine schmalen Hände mit langen, eleganten Fingern, die die eines Pianisten hätten sein können.
Ein Haufen lärmender Kinder kam um die Ecke. Ihre Gesichter glühten noch von der Anstrengung des Sportunterrichts, und sie redeten aufgeregt durcheinander. Sie liefen an uns vorbei, ohne uns zu beachten.
»Können wir uns draußen unterhalten?«, fragte der Dicke.
Ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir wollten. Doch es musste etwas Ernstes sein, sonst wären sie nicht in der Schule aufgetaucht, sondern hätten gewartet, bis ich in der Redaktion war.
Ich hatte einmal im Monat, an jedem vierten Mittwoch, den Milchdienst in der Cafeteria. Mehr konnte ich zeitlich nicht einrichten, und selbst das hatte in der Redaktion zu Kopfschütteln und bei manch anderer Mutter sicherlich zu Neid geführt. Doch auch in der Redaktion hatte ich meinen Schicksalsbonus - und manchmal nutzte ich ihn aus.
Außerdem kannte ich Claus Wernher, den Chefredakteur, seit meiner Kindheit. Ich hatte als Sechsjährige an einem windigen Nachmittag im April allein auf der Reckstange unseres Spielplatzes gesessen und ausgerechnet in dem Moment laut gerülpst, in dem er sich anschlich. Ich wurde knallrot, als er sich vor mir aufbaute, die Arme verschränkt und mit diesem Grinsen im Gesicht, das mich schon damals sprachlos machte. Seine Eltern waren zwei Tage zuvor in unsere Siedlung gezogen, und nachdem er mir gezeigt hatte, dass er auf Bestellung rülpsen konnte, wurden wir die besten Freunde. Wir machten zusammen Abitur und studierten zusammen Germanistik in Jena. Wir waren nie ein Paar, denn mit i6 erkannte er, dass er auf Jungs stand. Im Januar 1990 hatte Claus als Reporter beim »Hamburger Blatt« begonnen, das er heute als Chefredakteur leitete. Ich wurde zwei Monate später als Redakteurin für den Lokalteil eingestellt.
Ich hatte mit Claus nach Joseys Einschulung abgemacht, dass ich alle vier Wochen der morgendlichen Redaktionskonferenz fernblieb und in der Schule die Milch ausgab. Ich wollte Josey unbedingt das Gefühl geben, wir würden ein normales Leben führen und ihre Bedürfnisse wären mir wichtig. Und es war ihr sehr wichtig, dass auch ihre Mama wie die meisten anderen Mütter zum Milchdienst kam, also hatte ich mit Claus verhandelt.
Es musste etwas ungewöhnlich Wichtiges sein, wurde mir klar, als wir zu dritt in der Herbstsonne standen.
Der Dicke kniff die Augen im Gegenlicht zusammen, der Kleinere setzte eine Sonnenbrille auf. Es überraschte mich nicht, dass sie eckige Gläser hatte.
»Ich bin Hauptkommissar Peter Mankiewisc«, sagte der Dicke, zückte seinen Dienstausweis und deutete damit auf den Eckigen. »Das ist Hauptkommissar Michael Groß.«
Auch Groß zückte seinen Dienstausweis und hielt ihn mir unter die Nase. Ich weiß nicht, weshalb sie das jedes Mal tun. Kein Mensch schaut sich die Ausweise jemals genau an, und für jeden Kriminellen wäre es ein Leichtes, sie zu fälschen. Das behaupte ich nicht mal eben so. Das wusste ich. Ich hatte schließlich nicht umsonst sechs Jahre in einem Gefängnis für schwerkriminelle Frauen verbracht.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte ich.
»Würden Sie uns bitte sagen, wo Sie letzte Nacht waren?«, fragte Groß.
Ich hatte nichts verbrochen, und schon gar nicht in der vorherigen Nacht. Außerdem war ich ein gebranntes Kind. Nichts, aber auch gar nichts sollte jemals wieder dazu führen, dass ich ins Gefängnis zurückging.
Trotzdem erschrak ich bis ins Mark und geriet aus der Fassung. In dem Moment wollte ich nur noch eines, etwas ganz und gar Dämliches, vielleicht auch sehr Weibliches. Ich wollte, dass die beiden mich nett und kooperativ fänden.
Deshalb sagte ich: »Ich war zu Hause.«
»Kann das jemand bezeugen?«, fragte Groß.
»Am frühen Abend meine Tochter.«
»Die ist sechs?«
Ich nickte und fragte mich, was sie noch so alles über mich wussten und weshalb sie so genau informiert waren.
»Und danach?«
»Niemand«, sagte ich und fragte dann immerhin, weshalb sie das wissen wollten.
Mankiewisc übernahm das Reden, und das bedeutete, er ignorierte meine Frage.
»Sagt Ihnen der Name Claire Silberstein etwas?«
»Nein«, sagte ich und schüttelte den Kopf.
»Sind Sie sicher?«
»Ja«, sagte ich, dachte einen Moment nach und schickte ein »ziemlich« hinterher.
»Was heißt ziemlich?«
»Sie wissen, was ich beruflich mache?«, gab ich die Frage zurück.
»Sie sind Journalistin bei einer Tageszeitung.«
»Reporterin, um genau zu sein.«
»Und was hat das mit der Frage zu tun?«
»Als Reporterin bin ich ständig unterwegs. Ich recherchiere meine Artikel, führe Interviews. Manchmal drei in der Woche. Ich bin auch abends immer mal wieder unterwegs. Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Leuten getroffen.«
»Ja, Sie sind eine Berühmtheit. Und wir wissen sogar, was nur Eingeweihte wissen.«
»Und das wäre?«, fragte ich.
»Sie haben drei Bestseller unter einem Pseudonym geschrieben. Die ersten beiden noch während der Haft.«
Sie waren wirklich über alles informiert, und das verhieß nichts Gutes.
Ich antwortete nicht. Dass ich Bücher schrieb, war eines meiner bestgehüteten Geheimnisse. Lediglich meine engsten Freunde, mein Agent, der Cheflektor des Verlages sowie die Geschäftsführerin wussten, wer sich hinter dem Namen Mika Bechtheim
verbarg. Meine vollständige Anonymität war Bestandteil meines Verlagsvertrages und nur mit meiner ausdrücklichen, zumal schriftlichen Genehmigung aufzuheben. Mir war nicht bekannt, diese Genehmigung jemals erteilt zu haben.
»Wollen Sie uns vielleicht ein Autogramm geben?«, fragte Mankiewisc.
»Seien Sie nicht zynisch«, erwiderte ich und beschloss, das Thema meiner Autorenschaft zu ignorieren. »Ich wollte lediglich sagen, dass ich nicht ausschließen kann, irgendwann vielleicht mal ein Gespräch mit dieser Frau geführt zu haben.«
»Sie können es nicht ausschließen. Aha.«
Ich mochte Mankiewiscs Art immer weniger, aber ich ließ mir nichts anmerken. Wenn ich wollte, konnte ich sehr professionell sein. Ich wollte gerade. Ich war nicht umsonst seit meinem 25. Lebensjahr Journalistin.
»Hören Sie«, sagte ich, und meine Stimme kroch eine Oktave tiefer in meinen professionellen Stimmbereich. »Vielleicht habe ich mal mit der Frau gesprochen. Vielleicht mal auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, vielleicht auf einer Filmpremiere. Vielleicht aber auch in einem Gerichtsfall. Ich wollte lediglich sagen, dass mir der Name nicht bekannt vorkommt und in meinem Gedächtnis auch keine Glocken läuten.«
Mankiewisc nickte und sah seinen Partner an. Der zuckte mit den Schultern.
»Wir müssen Sie bitten, uns zu begleiten.«
»Weshalb?«, fragte ich.
»Claire Silberstein wurde heute Nacht ermordet.«
»Wo und wie?«, fragte ich schneller, als ich denken konnte. Reporterroutine. Was, wer, wo, wie, warum. Die fünf großen Ws. Niemand kommt in einer Story um sie herum.
»Ihre Leiche wurde heute Morgen im Hafengebiet gefunden. Der Fundort war nicht der Tatort.«
»Was hat das mit mir zu tun?«
»Wir glauben, dass Sie uns helfen können.«
»Ich hab Ihnen doch aber schon gesagt, dass mir der Name nichts sagt und dass ich heute Nacht zu Hause war. Auch wenn ich das nicht beweisen kann.«
»Sie haben gesagt«, sagte Groß, »Sie seien sich nur ziemlich sicher, dass Sie sie nicht kennen.«
»Gut«, sagte ich. »Dann jetzt fürs Protokoll: Ich kenne die Dame nicht. Ich bin ihr nie im Leben begegnet, hatte weder beruflich noch privat jemals etwas mit ihr zu tun.«
Groß schob sich die Sonnenbrille in die Stirn. Das sollte wohl besonders cool aussehen. »Claire Silberstein kannte aber Sie«, sagte er und fixierte mich mit stahlblauen Augen.
»Woher wollen Sie das wissen?«, fragte ich, und Mankiewisc antwortete wieder nicht direkt.
»Wir möchten es Ihnen zeigen.«
»Können Sie sich vielleicht mal konkreter ausdrücken?« Langsam gingen mir die beiden auf die Nerven. »Ich muss einfach wissen, weshalb ich mal eben so meinen Milchdienst ausfallen lassen muss und weshalb ich mit Ihnen irgendwohin durch die Stadt fahren soll, um danach auch noch viel zu spät zur Arbeit zu kommen.«
»Claire Silberstein hatte Ihre Adresse dabei und ein paar Sachen, die auf Sie hinweisen.«
»Das verstehen Sie unter konkret? Sachen?«
»Sachen«, wiederholte er.
»Was für Sachen? Meine Güte, mit der Interviewtechnik würden Sie aus jeder Redaktion fliegen.«
Mankiewisc trat einen Schritt auf mich zu. »Langsam nerven Sie mich, okay?«
»Sie mich auch«, sagte ich und wollte keineswegs mehr nett und kooperativ sein. Was dachten die sich? Dass sie das Recht gepachtet hatten, unhöflich zu sein? Oder dass sie mich einschüchtern konnten, nur weil ich schon einmal im Gefängnis gesessen hatte? Ich hatte angeblich ein Verbrechen begangen, und ich hatte meine Strafe abgesessen. Punkt.
»Jetzt hören Sie mir mal gut zu«, sagte Mankiewisc. »Wir haben heute früh eine Leiche im Freihafen gefunden. Eine Leiche mit einem Namen, der nirgendwo registriert ist. Und der einzige Anhaltspunkt sind Sie.«
»Was heißt das, nirgendwo registriert?«
»Das heißt, dass die Frau mit gefälschten Papieren unterwegs war. Das heißt, dass es diese Frau gar nicht gibt. Und es heißt, dass wir nichts in der Hand haben. Außer den besagten Sachen. Und dass Sie sich gerade immer verdächtiger machen.«
Mir riss langsam der Geduldsfaden.
»Was glauben Sie denn, mit wem Sie hier reden?«, blaffte ich.
»Mit einer Frau, die mal einen Mord begangen hat und die unbedingt ihren Job behalten muss. Sonst kann sie nämlich die Miete nicht mehr zahlen.«
»Totschlag«, sagte ich. »Bitte bleiben Sie korrekt, wenn Sie mir schon drohen wollen.«
Groß versuchte zu beschwichtigen. »Keiner will hier jemandem drohen.«
Mankiewisc aber hatte einen Tiefschlag gelandet. Weit unterhalb der Gürtellinie. Ich brauchte meinen Job. Ich war nicht auf das Geld angewiesen. Da irrte er gewaltig. Finanziell hatte ich durch Kais Lebensversicherung, die Auflagen meiner Bücher und den Verkauf von Auslandsrechten längst ausgesorgt. Doch ohne meine Reportertätigkeit wäre ein wesentlicher Teil meiner Existenz amputiert. Ein wichtiger Teil. Ich brauchte den Kontakt zu Menschen. Und das nicht erst, seitdem ich im Gefängnis gesessen hatte und sich meine Kontakte während der ersten Monate in Untersuchungshaft auf die Vollzugsbeamten und meinen Anwalt beschränkt hatten. Ich hatte das schon während meiner Kindheit gebraucht, und ich war wohl eines der unglücklichsten Kinder auf dem Planeten, wenn ich wegen einer Grippe das Bett hüten musste und meine Freunde mich nicht besuchen durften. Ich brauchte die Gewissheit, morgens die Wohnung verlassen zu können, um mich anderen Problemen als nur meinen eigenen zu widmen. Ich benötigte diese Parallelwelt, in der sich nicht alles nur um mich und Josey drehte. Ich brauchte sie wie das Glas Wasser, das ich jeden Morgen trank, bevor ich aufstand. Es erfrischte mich. Und genau das tat auch mein Job. Ohne ihn würde ich eingehen wie ein Fisch ohne Wasser.
Ich konnte mir in meinem Job sicherlich eine Menge leisten, aber ganz sicher nicht, erneut inhaftiert zu werden. Oder überhaupt nur als Verdächtige in Frage zu kommen. Ich brauchte meine Reputation, was auch immer das sonst bedeutete. Ich brauchte meinen guten Namen. Claus hatte mir nach meinem Gefängnisaufenthalt eine zweite Chance in der Redaktion gegeben - und ich hatte sehr viel Zeit und Mühe aufgewandt, um mich gegen Widerstände von Kollegen und Interviewpartnern durchzusetzen. Aber ich hatte es geschafft und mir noch einmal einen Ruf als seriöse und zuverlässige Journalistin erarbeitet. Noch eine Chance würde ich nicht bekommen. War mein Name diesmal im Eimer, war ich als Reporterin wertlos. Kein Mensch würde mehr mit mir reden - und niemand mehr mit mir arbeiten.
»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann«, sagte ich.
»Das wird sich rausstellen. Aber sicherlich möchten Sie uns helfen, so gut Sie können.«
»Sicher«, sagte ich. »Ganz sicher. Ich möchte nämlich nicht, dass Ihre Karriere durch zu wenig Menschenkenntnis und zu viel Unprofessionalität vorzeitig endet.«
Groß verzog die Mundwinkel. Fast hätte er gelächelt. »Dann kommen Sie also mit.«
»Warten Sie einen Moment«, sagte ich. »Ich muss mich zumindest beim Milchdienst abmelden.«
Groß nickte.
Ich ging zurück in die Cafeteria. Melissa saß mit Josey in einer Ecke. Sie hielten die Köpfe dicht beieinander und tuschelten, als hätte es ihren Streit nie gegeben. Verwundert war ich nicht. Die beiden zankten sich mindestens einmal am Tag, und kaum überlegte man, ob man versöhnlich eingreifen soll, hatten sie sich schon wieder vertragen.
Ich winkte den beiden Mädchen zu und sagte Patrizia, dass ich wegmüsste. Sie nickte nur, während sie eine neue Milchtüte auf den Tresen stellte und sich schon dem nächsten Kind in der Schlange zuwandte.
»Es tut mir leid«, sagte ich und ging hinüber zu Josey.
»Herzchen, ich muss jetzt mit den beiden Herren weg.«
»Sie sind von der Polizei«, sagte Melissa naseweis.
»Woher weißt du das?«
»Wenn im Fernsehen zwei Männer zu einem kommen und böse gucken, sind sie immer von der Polizei.«
Mich verblüffte ihre Beobachtungsgabe, und ich musste lächeln.
»Hast du was getan?«, fragte Josey, und ich schüttelte den Kopf: »Ich soll ihnen nur helfen.«
»Dann ist gut«, sagte sie.
»Bis heute Abend«, sagte ich und nahm sie auf den Arm. Sie lächelte, legte ihre Arme um meinen Hals und drückte mir einen Kuss auf den Mund.
»Wir bauen heute Nachmittag ein neues Haus für Lori und Matti«, sagte sie. Lori und Matti waren Melissas neue Puppen. »Mellie darf heute Mittag meinen neuen Mantel haben. Dafür krieg ich ihren.«
Ich lächelte, doch es war kein freudiges Lächeln. Sie tauschten manchmal die Sachen, wie alle Mädchen auf diesem Erdball es seit Generationen tun und immer wieder tun werden. Meine erste Tochter Johanna hatte es mit ihrer besten Freundin Katharina auch getan. Das war ihr zum Verhängnis geworden.

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