Küste, Meer & Mord: Drei Krimis in einem E-Book

Küste, Meer & Mord: Drei Krimis in einem E-Book

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Product Details

ISBN-13: 9783841215543
Publisher: Aufbau Digital
Publication date: 03/05/2018
Sold by: Libreka GmbH
Format: NOOK Book
Pages: 900
File size: 5 MB

About the Author

Katharina Peters, Jahrgang 1960, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist passionierte Marathonläuferin, begeistert sich für japanische Kampfkunst und lebt am Rande von Berlin. An die Ostsee fährt sie, um zu recherchieren, zu schreiben – und gelegentlich auch zu entspannen.

Aus der Ostsee-Serie sind »Todesstrand«, »Todeshaff« und „Todeswoge“ lieferbar.

Aus der Rügen-Serie mit Romy Beccare sind »Hafenmord«, »Dünenmord«, »Klippenmord«, »Bernsteinmord«, »Leuchtturmmord«, »Deichmord«, „Strandmord“ und „Fischermord“ lieferbar.

Mit der Kriminalpsychologin Hannah Jakob als Hauptfigur sind »Herztod«, »Wachkoma«, »Vergeltung«, »Abrechnung« und »Toteneis« lieferbar.

Lena Johannson, 1967 in Reinbek bei Hamburg geboren, war Buchhändlerin, bevor sie als Reisejournalistin ihre beiden Leidenschaften Schreiben und Reisen verbinden konnte. Seit ihrem ersten Roman „Das Marzipanmädchen“, der 2007 erschien, arbeitet sie als freie Autorin. Sie lebt an der Ostsee.

Bei Rütten & Loening und im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane „Dünenmond“, „Rügensommer“, „Himmel über der Hallig“, „Der Sommer auf Usedom“, „Die Inselbahn“, „Liebesquartett auf Usedom“, „Strandzauber“, „Die Bernsteinhexe“, „Sommernächte und Lavendelküsse“, „Die Villa an der Elbchaussee. Die Geschichte einer Schokoladendynastie“ sowie die Kriminalromane „Große Fische“ und „Mord auf dem Dornbusch“ lieferbar.  

Mehr Information zur Autorin unter www.lena-johannson.de.

Ben Kryst Tomasson, geboren 1969 in Bremerhaven, ist Germanist und Pädagoge (M.A.) und promovierter Diplom-Psychologe. Er hat einige Jahre in der Bildungsforschung gearbeitet, ehe er sich als freier Autor selbständig gemacht hat. Tomassons Leidenschaft gehört den Geschichten, die das Leben schreibt, den vielschichtigen Innenwelten der Menschen und dem rauen Land zwischen Nordsee und Ostsee. Wenn er nicht schreibt, verbringt er seine Zeit am liebsten mit einem guten Buch am Meer – oder mit seiner Frau im Café.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Kommissarin Ramona Beccare war erleichtert, als das Telefon klingelte und Kollege Kasper Schneider ihr Wochenende am Sonntagabend vorzeitig beendete. Sie war gerade in ihre Wohnung nach Binz zurückgekehrt: Salzgeruch auf der Haut und das aufgewühlte Meer noch vor Augen. Moritz im Herzen. Melancholisch bis auf die Knochen und gar nicht italienisch temperamentvoll, wie man es ihr gerne nachsagte, geschweige denn unbeschwert und fröhlich.

Sie legte den Motorradhelm auf die Küchenbank, schüttelte ihr schwarzes lockiges Haar zurecht und meldete sich nach kurzem Blick aufs Display. »Guten Abend, Kollege. Gibt es Arbeit für uns?« »Kann man so sagen. Üble Sache«, erwiderte Schneider nach knapper Begrüßung. Er klang angestrengt. Das war selten.

»Geht das genauer?«

»Jo – 'ne Leiche auf dem Gelände hinter der Fischfabrik am Sassnitzer Hafen. Vorher gab's 'nen anonymen Anruf.«

Mehr hatte er im Moment nicht zu sagen. Die Kommissarin seufzte. Kasper Schneider war wie die meisten Rüganer nicht gerade als exzessiver Redner oder leutseliger Plauderer verschrien. Das war häufig hilfreich, zeitsparend und angenehm, manchmal jedoch nervtötend und mühsam.

In Rostock und Schwerin, wo Ramona Beccare, genannt Romy, in den vergangenen Jahren als Ermittlerin in verschiedenen Mordkommissionen gearbeitet hatte, bevor sie vor einem guten halben Jahr als leitende Kommissarin nach Bergen auf Rügen wechselte, war es im Gespräch auch selten ausschweifend zugegangen. Romy war also mit einer gewissen nördlichen Sturheit durchaus vertraut und hatte bereits gelernt, ihr südländisches Temperament zu zügeln. Besser gesagt: Sie bemühte sich immer wieder darum, und der Lernprozess war noch lange nicht abgeschlossen.

So nahm sie die landestypisch verbale Zurückhaltung ihres Kollegen Kasper Schneider meist gelassen zur Kenntnis. Der Mann war ein hervorragender Organisator mit einem bemerkenswerten Gedächtnis, und sie konnte bestätigen, dass sein Ruf als bester Hobbykoch auf Rügen – zumindest in Polizeikreisen – völlig angemessen war. Außerdem hatte er ihr den Neubeginn in Bergen leichtgemacht. Mit gut über sechzig Jahren fürchtete der Mann keine Konkurrenz mehr, sondern freute sich über die Verstärkung in Gestalt einer jungen Kommissarin, die in ihrer Freizeit boxte und im Einsatz gerne in vorderster Linie zeigen durfte, was sie draufhatte. Wenn er sein verschmitztes Lächeln zeigte, hatte er sogar was von Hardy Krüger. Aber das durfte sie ihm vielleicht mal in zwanzig Jahren sagen. Wenn überhaupt.

Die 35-jährige gebürtige Münchnerin hatte ihre Laufbahn in der bayerischen Landeshauptstadt bei der Sitte begonnen und kurze Zeit später in Köln fortgesetzt. Ihre Eltern waren entsetzt gewesen, als es sie schließlich sogar nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen hatte – der Liebe wegen. Der Liebe zum Meer. Der Liebe zu Moritz, der aus Rostock stammte und Polizeischüler unterrichtet hatte. Mit dem sie die schönsten Tage ihres Lebens auf Rügen verbracht hatte, in einem kleinen Bungalow in Gager, im Südosten auf der Halbinsel Mönchgut, wo sie sich gar nicht satthören konnte am Rauschen des Meeres und sich den heftigsten Sonnenbrand ihres Lebens geholt hatte. Moritz war im letzten Sommer seinen vierten Marathon gelaufen – und er war bei Kilometer sechsunddreißig den plötzlichen Herztod gestorben.

Romy hatte ihre Eltern nicht zum ersten Mal enttäuscht. Bereits die Entscheidung, zur Kripo zu gehen, statt ihre berufliche Zukunft im elterlichen Restaurant zu suchen, hatte fast den Bruch bedeutet und leidenschaftlich geführte Auseinandersetzungen nach sich gezogen. Romys Vater Frederico stammte aus Neapel und führte zusammen mit seiner Frau, einer waschechten Münchnerin, seit Jahrzehnten ein angesehenes Lokal in Schwabing. Nach seinem Familien- und Selbstverständnis hatten die Kinder die Tradition im Sinne der Eltern fortzusetzen, und zwar voller Begeisterung, Hingabe und Dankbarkeit. Romy liebte ihre Eltern, aber das Leben in Schwabing war nie ihres gewesen, ihr Kochtalent verdiente kaum diese Bezeichnung, und ihr Interesse an der Gastronomie tendierte gegen null.

Leider führte das Thema immer wieder zu hitzigen und lautstarken Diskussionen – auch und gerne am Telefon –, zumal Romys älterer Bruder Roberto inzwischen ebenfalls andere berufliche Pläne hatte, oder besser gesagt: Er hatte keine Lust mehr, unter der Fuchtel des Vaters zu stehen. Romy hatte volles Verständnis für ihn und hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg.

Die Kommissarin schüttelte die Gedanken ab, schlüpfte in ihre Lederjacke und griff zum gerade abgelegten Helm. Ihre Vespa war noch warm, ein kräftiger Ostwind hatte merklich aufgefrischt. Sie fuhr auf der Prorarer Chaussee die Küste entlang in Richtung Norden, links den Kleinen Jasmunder Bodden, rechts die Prora hinter sich lassend.

Die von den Nazis erbaute gigantische Ferienanlage, die weder fertiggestellt noch je ihrer ursprünglichen Bestimmung übergeben worden war, versetzte Romy mit ihrer wuchtigen Präsenz stets aufs Neue in Erstaunen. Mehr noch – die Anlage war ihr unheimlich, auch noch beim dritten und vierten Rundgang. Der dunkle Koloss war mehrere Kilometer lang und beherbergte nach der wechselweisen Nutzung von Militär, Volkspolizei und Bundeswehr inzwischen zahlreiche Ausstellungen und Projekte und bot Platz für kulturelle Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art. Doch ein Großteil des Gebäudekomplexes, der in beeindruckendem Kontrast zum ansonsten schicken Binzer Bäderambiente stand, verfiel in stummer Anklage. So hatte sie es Moritz gegenüber ausgedrückt. Der hatte gelacht, sie geküsst und dabei ein Handyfoto von ihnen beiden gemacht, direkt vor dem Haupteingang. Glücklich auch im Angesicht der Prora, hatte er es genannt.

Das Ostseebad Binz war auf der Suche nach einer Wohnung nicht Romys erste Wahl gewesen – zu edel und zu viele Touristen, so hatte ihr Urteil gelautet. Am liebsten hätte sie sich in einem kleinen, abseits gelegenen Fischerdorf in einem reetgedeckten Haus verkrochen. Aber ums Verkriechen ging es nicht und um ewigen Urlaub auf Rügen auch nicht. Also verband sie den Wunsch, in direkter Nähe zu Meer und Wald zu wohnen, mit der Notwendigkeit, mit ihrem Roller bis Bergen nicht länger als fünfzehn Minuten zu brauchen, zumindest außerhalb der Urlaubssaison, und fand schließlich im östlichen Teil des Ostseebades im Buchenweg eine schöne, bezahlbare Bleibe. Sie hatte schnell zugegriffen, ohne es bislang bereut zu haben. Allerdings hatte sie auch noch keine Hochsaison auf Rügen erlebt. Manchmal hörte sie vom Balkon aus den Rasenden Roland.

Der Zugang zu den alten Gebäuden hinter der Fischfabrik war weiträumig abgesperrt, und das Gelände wurde mit Baustrahlern ausgeleuchtet. Uniformierte Polizisten suchten die Umgebung ab oder befragten Leute. Fischkutter schaukelten im Hafenbecken. Kasper Schneider kam ihr entgegen, als Romy ihren Roller abstellte. Eine Windböe blies ihr ins Gesicht und nahm ihr für einen Moment den Atem.

»Die KTU kommt gleich«, sagte er statt einer Begrüßung und fuhr sich mit beiden Händen durch den eisgrauen Haarschopf. »Die Leiche liegt im Keller.«

»Weiß man schon ...?«

»Kai Richardt, fünfundvierzig, Geschäftsmann und Familienvater aus Buschvitz. Seine Frau hat ihn gestern Nachmittag als vermisst gemeldet«, erklärte er gemächlich, aber in konzentriertem Tonfall. »Er ist frühmorgens zu einer Radtour aufgebrochen und nicht wieder nach Hause gekommen. Thomas Bittner, der Inhaber der Fischfabrik, hat gerade ausgesagt, dass Richardt ihn am Morgen kurz im Büro besucht hat. Die beiden sind alte Freunde und Sportkollegen. Richardt wollte eine Kleinigkeit an seinem Fahrrad reparieren – in dem Gebäude gibt es eine Werkstatt – und dann wieder zurückfahren. Wahrscheinlich ist er dort überfallen worden. Man hat ihn in den Keller gebracht, gefesselt und totgeschlagen.«

Romy nickte. Für Kaspers Verhältnisse war das ein Vortrag mit Überlänge gewesen. »Haben wir es hier mit einem Raubüberfall zu tun?« Kasper schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht – Geld, Ausweis und Schlüssel haben wir in seinem Rucksack gefunden. Allerdings fehlt das Handy, zumindest nach der ersten Sichtung. Und die Werkstatt sieht auch nicht nach Beutemachen aus.«

»Hat ihn bereits jemand eindeutig identifizieren können?«

»Ja. Wir haben Bittner ein Foto gezeigt, das wir im Keller gemacht haben – da unten soll niemand rumlatschen, solange die Techniker nicht durch sind«, fügte er erklärend hinzu.

»Weiß die Ehefrau schon Bescheid?«

Er schüttelte den Kopf. »Nö. Da war noch niemand. Sollten wir vielleicht anschließend zusammen machen.«

»Okay. Gehen wir.«

Meine letzte Leiche liegt schon eine ganze Weile zurück, dachte Romy, während sie Kasper ins Gebäude folgte – meine letzte berufliche Leiche, verbesserte sie sich rasch. Sie riss sich nicht um die Tatortbesichtigung, aber sie wich ihr auch nicht aus. Es erforderte Mut, genau hinzusehen, alles zu registrieren und dabei nichts zu bewerten: emotional zu bewerten. So hatte es Moritz seinen Schülern immer geraten.

Die Schule war das eine, der Einsatz das andere. Aber es war hilfreich, Ereignisse und Gegebenheiten zu versachlichen, in ihrem speziellen Kontext zu belassen und niemals auf sich selbst zu beziehen. Hätte sie das nicht frühzeitig gelernt, wäre sie keine drei Wochen bei der Sitte oder der Mordkommission geblieben.

Kasper und Romy durchquerten einen Raum, der offensichtlich als Werkstatt und Lager für Fahrräder, Zubehör und Kajaks diente. Es roch nach altem Gemäuer, feucht, erdig und dezent nach Fisch. Aber hier roch alles mehr oder weniger dezent nach Fisch. Durch eine weitere Tür gelangten sie an einen Treppenabgang. Ein kalter Luftstrom ließ Romy erschaudern. Kasper wies nach unten.

»Das Haus ist komplett unterkellert«, erklärte er. »Die Räume sind voller Gerümpel, dienen als Abstellkammern oder sind leer – sagt Bittner.« Die Leiche von Kai Richardt lag ausgestreckt im ersten Keller rechts neben der Treppe – ein düsteres, kaltes Verlies, das – abgesehen von einigen Brettern, Holzkisten und Bohlen – leer war. Ein Strahler war direkt auf den Leichnam gerichtet, ein zweiter leuchtete den Raum aus. Romy nestelte Handschuhe aus der Innentasche ihrer Jacke und hockte sich neben ihn. Sie sammelte sich kurz, hob den Blick und sah ihn an.

Der Tote lag in seinen Radsportklamotten auf der Seite. Der Kopf war blutverkrustet, Hände und Füße waren mit dünnen Seilen straff hinter seinem Rücken gefesselt. Ein weiteres Seil verband die Fesseln miteinander und führte zu einem robusten, in der Wand verankerten Eisenring, wo es mehrfach verknotet war. Da hatte jemand ganz sichergehen wollen. Ein Knebel lag auf dem Boden. Romy wies Kasper mit beiläufigem Nicken darauf hin. Der nickte ebenso beiläufig zurück.

Der Mann muss mal sehr gut ausgesehen haben, dachte sie – bevor man ihm den Schädel eingeschlagen hatte. George-Clooney-Typ, aber drahtiger und durchtrainierter – vermutete sie zumindest, ohne George Clooney mit dieser Einschätzung zu nahe treten zu wollen. Sie tastete nach seinem Nacken und prüfte, ob der Kopf noch beweglich war. In ähnlicher Weise kontrollierte sie Kniegelenke und Ellenbogen. Die Totenstarre war fast vollständig ausgebildet. Richardt war also mindestens seit acht, angesichts der niedrigen Temperaturen im Keller wahrscheinlich zehn oder sogar schon zwölf Stunden tot.

»Man hat ihn ziemlich übel zugerichtet«, bemerkte sie und erhob sich wieder. »Ohne dem Rechtsmediziner vorgreifen zu wollen: Ich schätze, der ist heute Morgen gestorben.«

Von oben waren plötzlich Stimmen und Schritte zu hören, die sich schnell näherten. Zwei Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen eilten die Treppe herunter. Der ältere von beiden, ein hagerer Mann mit stechend blauen Augen, runzelte die Stirn, als er die beiden Kommissare bemerkte. Romy zeigte ihm rasch ihre behandschuhten Hände.

»Wir machen euch sofort Platz, Kollegen«, versicherte sie.

»Besser ist es.«

»Könnt ihr mir Aufnahmen ...«

»Wir machen das nicht zum ersten Mal«, unterbrach der Hagere sie ruppig. »Wer sind Sie überhaupt?«

Romy wischte die wütende Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag, mühsam beiseite und zwang sich zu einem Lächeln. »Darf ich mich vorstellen? Ich bin die neue leitende Kommissarin aus Bergen: Ramona Beccare, und ich verschaffe mir gerade einen Überblick über den Tatort.«

»Ach ja ...« Er nickte. Ein Anflug von Unsicherheit stahl sich über das Gesicht des Hageren. »Hab davon gehört. Die Italienerin.«

»Nicht ganz«, gab Romy zurück, ohne den genervten Tonfall zu überdecken. »Ich bin in Deutschland geboren – in München. Allerdings ist mein Vater in Neapel zur Welt gekommen.« Sie hob die Brauen. »Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht allzu enttäuscht.«

»Aha. München. Verstehe.« Er runzelte die Stirn und warf Kollege Schneider einen fragenden Blick zu. »Na gut. Wir machen dann mal unsere Arbeit.«

»Jo«, meinte Kasper zustimmend. »Nur zu.«

Ramona ging jede Wette ein, dass für den Kriminaltechniker zwischen München und Neapel lediglich ein gradueller Unterschied bestand. Wenn überhaupt.

»Ich möchte Detailaufnahmen von den Fesseln«, sagte sie ruhig.

»Kriegen Sie.« Der Mann wandte sich ab, ohne die Kommissarin noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Romy drehte sich zur Treppe um. »Ist es hier passiert?«, fragte sie Kasper, während sie hochgingen.

»Sieht ganz so aus. Kampf- und Blutspuren sind bislang auf dem Gelände nicht gesichert worden. Aber die Kollegen haben ja ihre Arbeit gerade erst aufgenommen.«

Romy atmete erleichtert auf, als sie wieder ins Freie traten. Ihr Blick fiel auf einen hochaufgeschossenen, schlaksigen Mann in auffallend feinem Zwirn, der direkt hinter der Absperrung neben zwei Polizisten stand und zu ihnen herüberstarrte.

»Ist das Bittner?«, fragte sie Kasper.

»Ja, das ist er. Willst du gleich mit ihm reden?«

»Gute Idee. Kümmerst du dich um den anderen Kram hier?«

Schneider nickte. Romy ging auf den Mann zu, der sichtlich mitgenommen wirkte. »Herr Bittner?«

»Ja.« Er sah sie zugleich ernst und verdutzt an. »Sind Sie auch von der Polizei?«

»Kommissarin Beccare aus Bergen«, stimmte Romy zu. »Ich leite die Ermittlungen. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten? In Ihrem Büro vielleicht?«

Bittner nickte und führte sie zum Bürotrakt. Romy hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Das Chefbüro befand sich im ersten Stock. Der Raum war groß, hell und freundlich. Großformatige Fotos mit typischen Rügenmotiven – die Kreidefelsen, Kap Arkona, der Große Jasmunder Bodden, Insel Vilm, Ralswiek, wo die Störtebeker-Festspiele stattfanden – schmückten neben Aufnahmen von alten Fischkuttern und romantisch-wilden Strandszenen die Wände. Das einzelne Bild einer imposanten Buche musterte Romy eine ganze Weile. Sie hätte fast eine Wette darauf abgeschlossen, dass der Maler im Jasmund unterwegs gewesen war, wo es den ihrer Ansicht nach schönsten Buchenwald der Welt gab. Schließlich wandte sie sich dem Fabrikbesitzer zu.

»Nehmen Sie doch Platz«, sagte Thomas Bittner und machte eine fahrige Handbewegung in Richtung einer ledernen Sitzecke vor einer breiten Fensterfront. »Was ist mit Kai passiert?«

»Das wissen wir noch nicht genau.«

Romy ließ sich in einen Sessel fallen und schlug ein Bein über das andere, nachdem sie Block und Stift bereitgelegt hatte. Bittners Gesicht war von einer ungesunden Blässe überzogen, seine Augen irrten hektisch umher, die Hände zitterten.

»Aber er ist ... tot?«

»Ja.«

Bittner schluckte, und der Adamsapfel hüpfte in seinem dünnen Hals auf und ab. »Mein Gott ...«

»Sie kannten ihn gut?«

Bittner nickte. »Seit über zwanzig Jahren. Seit er nach der Wende herkam, um sein Geschäft aufzubauen – anfangs zusammen mit einem Partner.«

»In welcher Branche?«

»Innenausstattung, gehobene Klasse. Kai hat sich auf Arztpraxen, Büround Geschäftsräume spezialisiert und sich in ganz MecklenburgVorpommern einen Namen gemacht«, erwiderte Bittner prompt. »Wir gehen oft zusammen joggen und Rad fahren, schwimmen, sind bei Triathlons dabei ... Manchmal waren wir auch mit den Kajaks unterwegs.« Seine Stimme senkte sich. Er blickte zur Seite. »Kai war besser als ich. Viel besser. Er hat härter trainiert und ist manchen Marathon zusätzlich gelaufen. Daneben hat er sogar noch die Zeit gefunden, sich an der Organisation von Wettkämpfen zu beteiligen.« Er räusperte sich und schloss kurz die Augen. »Ich fasse es einfach nicht.«

Hartes Training, Wettkämpfe, Marathon, dachte Romy und schob tief durchatmend die stechende Wehmut beiseite. Sie hatte den Eindruck, dass Bittner zutiefst getroffen war. Der Mann wirkte überzeugend erschüttert. »Wann haben Sie Richardt zum letzten Mal gesehen?«

Thomas Bittner blickte sie wieder an. »Gestern Morgen. Das sagte ich bereits einem Kollegen von Ihnen. Er hat eine Radtour gemacht und ...«

»Wie spät war es, als er hier eintraf?«

»Halb acht ungefähr.«

»So früh sind Sie an einem Samstagmorgen im Büro?«

»Ich war gegen sieben Uhr an meinem Schreibtisch. Wie immer«, entgegnete Bittner. »Ich bin Frühaufsteher. Allerdings mache ich samstags immer gegen Mittag Feierabend.«

»Und was wollte Richardt?«

(Continues…)


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Mord auf dem Dornbusch,
Sylter Affären,
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