Lass sie nicht in dein Haus: Thriller

Lass sie nicht in dein Haus: Thriller

by Adele Parks, Birgit Salzmann

NOOK Book(eBook)

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Overview

Lange haben sie sich nicht gesehen: Melanie und ihre ehemals beste Freundin Abi. Während der Uni waren sie unzertrennlich, doch dann musste Mel ihr Studium abbrechen, weil sie schwanger wurde. Abi heiratete ihren Freund Rob, ging mit ihm nach Amerika, und die beiden verloren sich aus den Augen. Nun meldet sich Abi plötzlich bei Mel. Sie hat sich von Rob getrennt und kehrt nach England zurück. Mel lädt sie spontan ein, erst einmal bei ihr zu wohnen. Sie empfängt Abi mit offenen Armen. Doch bald macht Mel eine schreckliche Entdeckung. Warum ist Abi wirklich zurückgekommen? »Packend, voller Überraschungen und herzzerreißend - diese Geschichte ist außergewöhnlich.« Heat über »Bei deinem Leben«

Product Details

ISBN-13: 9783959678254
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 03/01/2019
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 480
File size: 3 MB

About the Author

Adele Parks wurde in Teesside, im Nordosten Englands, geboren. Sie hat Anglistik in Leicester studiert und danach in der Werbebranche gearbeitet. Bereits im Jahr 2000 erschien ihr erster Roman. Seitdem hat sie sechzehn Bücher veröffentlicht, die alle zu Bestsellern wurden. Adele Parks lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einer Katze in Guildford, Surrey.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

MELANIE

Montag, 19. Februar

Während die Mädchen sich die Zähne putzen, fange ich an, die Spülmaschine einzuräumen. Die Müslischalen passen nicht mehr hinein – ich hätte das Gerät gestern Abend anstellen sollen. Aber jetzt ist es zu spät, also mache ich das Schulfrühstück fertig und werfe rasch einen Blick auf mein Handy. Ich erwarte eine E-Mail meines Gebietsleiters wegen der Vorstellungsgespräche, die wir letzte Woche geführt haben. Ich arbeite bei einer bekannten Modekette. Fast in jeder Stadt gibt es eine Filiale. In unserem Shop suchen wir eine neue Verkäuferin, und als stellvertretende Filialleiterin wurde ich zu den Vorstellungsgesprächen dazu gebeten. Dutzende Leute haben sich beworben, sechs davon wurden zu einem Gespräch eingeladen. Eine der Bewerberinnen ist meine Favoritin, und ich drücke die Daumen, dass sie sie nehmen. Aber auf die endgültige Entscheidung habe ich leider keinen Einfluss.

Ich überfliege die unzähligen Angebote, die für häusliche Alarmanlagen und Pillen, die kräftigeres Haar oder einen kräftigeren Penis versprechen, werben, und suche nach dem Namen meines Chefs. Da springt mir plötzlich ein anderer Absender ins Auge: Abigail Curtiz. Ich erstarre. Im ersten Moment denke ich, dass es sich wahrscheinlich um einen geschickten Versuch handelt, einen Computervirus zu verbreiten; dass der Name nur zufällig von irgendwem ausgewählt wurde, der hirnlos und doch einfallsreich genug ist, Spam-Mails zu versenden, um die elektronischen Geräte anderer Leute zu infizieren. Aber Curtiz mit Z? Ich zögere, denn vermutlich bringt die Nachricht bloß Ärger. Immerhin lautet der Betreff »Viel zu lange her«, was in der Tat der Wahrheit entspricht. Es ist wirklich lange her. Ich kann nicht widerstehen. Ich öffne sie. Mir pocht das Herz.

Normalerweise überfliege ich meine E-Mails nur. Ich habe drei Kinder und einen anstrengenden Job, »in Eile« ist mein Standardmodus. Diese Nachricht lese ich jedoch sehr aufmerksam. »Nein!« Ich schnappe hörbar nach Luft.

»Schlechte Nachrichten?«, erkundigt Ben sich besorgt. Er läuft in der Küche umher und sucht etwas, wahrscheinlich sein Handy. Das verlegt er ständig, oder seinen Autoschlüssel.

»Nein, nein.« Nicht direkt. »Ich habe gerade eine E-Mail von einer alten Freundin bekommen. Sie lässt sich scheiden.«

»Bedauerlich. Wer ist es?«

»Abigail Curtiz. Abi.« Der Name klingt seltsam, als er mir über die Lippen kommt. Früher habe ich ihn oft gesagt, und gerne. Aber irgendwann hörte ich auf, ihn auszusprechen. Hörte auf, mit ihr zu sprechen, an sie zu denken. Ich hatte keine andere Wahl.

Ben sieht mich fragend an. Er gehört zu den aufmerksamen Ehemännern, die versuchen, den Überblick zu behalten, wenn ich von meinen Freundinnen erzähle, aber an eine Abigail erinnert er sich nicht. Kein Wunder. Ich habe sie auch nie erwähnt.

»Wir haben zusammen studiert«, erkläre ich zögerlich.

»Ach, wirklich?« Er streckt die Hand nach dem Teller mit den inzwischen kalt gewordenen Toastscheiben aus und nimmt sich eine. Er beißt hinein und küsst mich dann, noch kauend, auf die Stirn. »Gut. Du kannst mir später von ihr erzählen, ja?«, sagt er und ist schon fast aus der Tür. »Liam, wenn ich dich zur Bushaltestelle mitnehmen soll, musst du in dieser Sekunde unten sein.« Ich lächele, belustigt über seinen halbherzigen Versuch, wie ein strenger Vorgesetzter zu klingen. Er zerstört die Fassade vollends, indem er zurück in die Küche kommt und fragt: »Liam hat doch gefrühstückt? Ich möchte nicht, dass er das Haus mit leerem Magen verlässt. Ich warte, wenn nötig.«

Wie aufs Stichwort hören wir Schritte auf der Treppe, und kurz darauf kommt Liam in die Küche geschlurft. Schon vor vier Jahren, mit gerade mal dreizehn, hat er mich größenmäßig überholt, deshalb dürfte es mich nicht wundern, dass er mich so sehr überragt. Tut es aber. Jedes Mal wenn ich ihn sehe, bin ich aufs Neue überrascht, was für ein breitschultriger Riese er ist. Er geht regelmäßig ins Fitnesscenter, um Muskeln aufzubauen. Er ist kräftiger als die meisten in seinem Alter. Ich frage mich, wo mein kleiner Junge geblieben ist. Ob er sich wohl noch irgendwo da drin verbirgt? Inzwischen ist Liam auch größer und kräftiger als Ben. Imogen mit ihren acht und Lily mit ihren sechs Jahren sind dagegen noch kleine Hüpfer. Wenn sich eine von ihnen auf meinen Schoß setzt, spüre ich es kaum.

Um eine Umarmung von Liam zu bekommen, muss ich mich inzwischen strecken. Außerdem muss ich gut überlegen, wann es akzeptabel für ihn ist. Ich gebe mir Mühe, alles richtig zu machen, denn es schmerzt, wenn er meiner Zuwendung ausweicht, was er manchmal tut. Er ist kein kleiner Junge mehr. Ich muss seine Grenzen und seine Privatsphäre respektieren, dessen bin ich mir stets bewusst. Trotzdem vermisse ich den kleinen Liam, den ich mit Küssen überhäufen konnte, wann immer mir danach war. Mittlerweile muss ich mich meistens mit einem Abklatschen zufriedengeben, wenn ich auf eine seiner seltenen Umarmungen warte. Heute wirkt er müde. Wahrscheinlich ist er gestern zu lange aufgeblieben und hat Videos auf YouTube geschaut oder Computerspiele gespielt. In diesem Zustand ist er häufig zugänglicher für meine Fürsorglichkeit und Zuwendung. Ich nutze die Chance und zause ihm die Haare. Gebe ihm sogar ein Küsschen auf die Wange. Er nimmt sich zwei Scheiben Toast von dem Teller, den ich ihm hinhalte, und schiebt sich eine davon fast komplett in den Mund, ungeachtet dessen, dass sie kalt ist. Die zweite bestreicht er mit Marmelade. Er hat schon immer gern Süßes gegessen.

»Danke, Mum, du bist die Beste.«

Ich verderbe den Augenblick nicht, indem ich ihm sage, er soll nicht mit vollem Mund sprechen. Es gibt noch genug andere Gelegenheiten, ihn deshalb zurechtzuweisen. Er wendet sich seinem Vater zu und fragt scherzhaft: »Worauf wartest du? Ich bin so weit.«

Bevor ich fragen kann, ob er seine Fußballsachen mitgenommen hat, ob er am Abend selbstständig vom Training nach Hause kommt oder ob er Geld für den Getränkeautomaten eingepackt hat, sind sie schon zur Tür hinaus und sitzen im Auto. Ist wahrscheinlich auch besser so. Es nervt ihn, wenn ich mir über all diese Dinge Gedanken mache. Deshalb versuche ich gewöhnlich, mich morgens auf nur eine dieser Fragen zu beschränken. Wenigstens sind die Mädchen noch so klein, dass sie einen ordentlichen Schwall gut gemeinter Erinnerungen brauchen, erwarten und auch akzeptieren. Ich schaue auf die Küchenuhr und wundere mich, wo die Zeit geblieben ist. Hastig trinke ich meinen Tee aus und rufe die Treppe hinauf: »Runter mit euch, Mädels, aber dalli!«

Imogen reagiert wie immer prompt. Ich höre ihre hektischen Schritte über mir. »Wo ist meine Haarbürste?«, ruft sie. »Hast du mein Elfen-Federmäppchen gesehen? Wer hat mein Lesebuch? Ich hab's gestern Abend genau hier liegen gelassen.« Sie nimmt die Schule sehr ernst und kann es absolut nicht leiden, zu spät zu kommen.

Lily ist dagegen nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie hat einiges von dem Vokabular übernommen, das Liam und seine Freunde benutzen – zum Glück noch nichts wirklich Schlimmes, aber sie fordert ihre älteren Geschwister häufig auf, doch mal ein bisschen zu chillen, und ist tatsächlich selbst die Ruhe in Person.

Drei Minuten bevor es zum Unterricht klingelt, setze ich die Mädchen an der Schule ab. Das betrachte ich als Bonus, denn, ehrlich gesagt mache ich mich wegen ein bisschen Zuspätkommens nicht verrückt. Ich achte nur so genau auf Pünktlichkeit, weil ich weiß, dass Imogen sonst leicht gereizt wird. Und ja, es ist natürlich unsere Pflicht als Eltern, unseren Kindern ein gewisses Bewusstsein für den Wert der Zeit anderer Leute zu vermitteln, aber mal ehrlich, würde denn gleich die Welt untergehen, wenn sie den Beginn der Schulversammlung verpassten?

So entspannt war ich nicht immer. Bei Liam war ich ziemlich radikal, was Pünktlichkeit betraf. Und in Bezug auf noch viel mehr. Ich legte Wert darauf, dass er immer seinen Teller leer aß, ich achtete penibel darauf, dass er Bitte und Danke sagte und Dankeskarten schrieb, wenn er Geschenke bekam. Beziehungsweise malte, denn ich spreche von der Zeit, als er noch nicht schreiben konnte. Seine Schuhe waren immer blitzblank, seine Haare ordentlich gekämmt, er war stets wie aus dem Ei gepellt. Ich wollte nicht, dass auch nur der kleinste Makel an ihm festgestellt wird. Als alleinerziehende Mutter, und das war ich damals mit Liam, ist das alles eine andere Nummer. Ben lernte ich kennen, als Liam sechs war. Mit Ben verheiratet zu sein, gibt mir genug Selbstvertrauen, um die Kinder auch mal ein paar Minuten zu spät bei der Schule abzuliefern und trotzdem davon auszugehen, dass niemand die Augen verdreht. Als Liam klein war, fehlte mir dieses Selbstvertrauen.

Plötzlich denke ich an Abigail Curtiz' E-Mail, und eine Flut widerstreitender Gefühle überkommt mich.

Vieles daran, alleinerziehend zu sein, ist schwer. Die emotionale, die körperliche und finanzielle Belastung und das Gefühl, rund um die Uhr für absolut alles verantwortlich zu sein, fordern ihre Opfer. Und die Einsamkeit? Diese grausame, erdrückende, fortwährende Einsamkeit? Die ist wirklich der Horror. Genauso wie diese ständige völlige Erschöpfung. Unzählige Male schmerzten mir die Arme, weil ich Liam so lange gehalten hatte, oder der Rücken oder die Beine taten mir weh. Manchmal war ich so müde, dass ich nicht einmal mehr wusste, wo genau es mir eigentlich wehtat; ich spürte einfach nur Schmerz. Aber es gab auch Momente, in denen ich Luft holen konnte, in denen ich mich nicht verurteilt oder einsam oder verantwortlich fühlte. Es gab Momente der Güte und des Verständnisses. Und diese Momente waren unglaublich wichtig für mich und werden immer unvergessen bleiben. Jeder einzelne davon hat sich mir ins Herz gebrannt.

Abigail Curtiz gehört einer dieser Momente.

Als ich Abi von meiner Schwangerschaft erzählte, war sie natürlich erschrocken und besorgt. Und, ehrlich gesagt, auch ziemlich aus dem Häuschen, weil das Ganze so spannend war. Daraus konnte ich ihr keinen Vorwurf machen – wir waren schließlich erst neunzehn, und ich war mir selbst nicht sicher, wie ich angemessen damit umgehen sollte. Wie hätte ich da erwarten können, dass sie es wusste? Wir waren beide etwas aufgedreht.

»Wie weit bist du?«, fragte sie.

»Dritter Monat ungefähr, glaube ich.« Später erfuhr ich, dass ich zu dem Zeitpunkt offiziell zehn Wochen schwanger war, wegen dieser Vom-ersten-Tag-deiner-letzten-Periode-an-gerechnet-Methode, wobei diese Berechnung bei mir nicht zutraf, denn ich wusste genau, an welchem Tag meine Empfängnis stattgefunden hatte. Am Mittwoch der ersten Woche des ersten Semesters meines zweiten Jahres an der Uni. Dummerweise hatte ich mitten im Zyklus ungeschützten Sex. Angesichts dieser Tatsache und meines jugendlichen Alters reichte der eine Fehltritt aus. Selbst heute, eine Ewigkeit später, muss ich noch betonen, dass das normalerweise nicht meine Art war. In meinem ganzen Leben hatte ich nur dieses eine Mal verantwortungslos ungeschützten Sex.

»Dann ist noch Zeit genug. Du könntest abtreiben«, sagte Abigail einfach. Sie scheute nicht vor diesem Wort zurück. Wir waren jung. Unsere Sexualität in ihrer ganzen Komplexität war zwar noch nicht voll ausgereift, unsere Rechte als Frau hatten wir jedoch schon voll auf dem Schirm. Mein Körper, meine Entscheidung, mein Recht. Mein Bauch gehört mir. Als selbstständige junge Frau war ich nicht gezwungen, mein Leben lang die Konsequenzen des Fehlers einer Nacht zu tragen. Im ersten Jahr an der Uni war ein Mädchen in meinem Seminar gewesen, das befürchtete schwanger zu sein. Damals hatte ich mich lang und breit darüber ausgelassen, dass sie das Recht habe zu wählen und dass es meiner Meinung nach besser sei, die Schwangerschaft abzubrechen als die Ausbildung. Das Mädchen hatte mir zugestimmt, genauso wie Abi und fast jeder, der von der Sache wusste. Na ja, es ist immer leicht gesagt. Am Ende war sie gar nicht schwanger. Und inzwischen arbeitet sie als Finanzchefin einer der größten internationalen Konzerne für Fast Moving Consumer Goods, Konsumgütern also, die besonders häufig gekauft und verwendet werden. Vor ein paar Jahren wurde sie mir plötzlich bei Facebook angezeigt. Ich habe die Abkürzungen gegoogelt: CFO einer FMCG – Chief Financial Officer von Fast Moving Consumer Goods. Sie nahm netterweise meine Freundschaftsanfrage an, aber sie postet selten etwas. Zu beschäftigt wahrscheinlich. Aber was soll's, ich schweife ab.

Ich weiß noch, wie ich Abi angeschaut und gesagt habe: »Nein. Nein, ich kann nicht abtreiben.« »Du willst es bekommen?« Ihr Blick war erstaunt und ungerührt.

»Ja.« Das war das Einzige, dessen ich mir sicher war. Schon zu diesem Zeitpunkt liebte ich das Baby. Es überraschte mich selbst, aber es war so.

»Und gibst du es dann zur Adoption frei, oder wirst du es behalten?«

»I'm keeping my baby«, zitierte ich Madonna, und wir mussten uns beide ein Kichern verkneifen. Dieser Song kam raus, als ich ungefähr fünf war, wurde aber schnell zum Kult, sodass wir ihn während unserer gesamten Kindheit in völliger Unschuld mitsangen. Die Melodie hing unpassenderweise plötzlich in der Luft. Erst einige Jahre später wurde mir die Ironie der Situation bewusst: Eine Hymne meiner Jugend setzte genau dieser im Grunde ein Ende.

»Also gut«, sagte Abi, »dann behältst du also dein Baby.«

Sie akzeptierte meine Entscheidung sofort. Und das war wirklich gütig von ihr. Unvorstellbar und unvergessen gütig.

Sie wand nicht ein, es gäbe einfachere Wege, ich hätte die Wahl, wie viele meiner anderen Freunde es daraufhin taten. Genauso wenig wie sie sagte, ich könnte ja Glück haben und es verlieren, wie ein Typ in meinem Tutorium murmelte. Was für ein Arschloch, denn bevor ich schwanger wurde, hatte er mich einmal unbeholfen in der Studentenbar angebaggert. Wahrscheinlich schwankte er jetzt zwischen: »Ha, geschieht der Schlampe recht« und »Aha, sie macht also doch die Beine breit. Wieso dann nicht für mich?«. Ich sag euch, man erzählt sich viel über die Wut abgewiesener Frauen, aber Männer können auch ganz schön rachsüchtig sein. Na ja, zurück zu Abi. Sie warf mir weder vor, romantisch und kurzsichtig zu sein, wie meine Tutorin, als ich es ihr schließlich beichtete, noch heulte sie vier Wochen lang, wie meine Mutter. Was wirklich schrecklich war.

Stattdessen kochte Abi uns beiden eine Tasse Tee und ging sogar noch einmal in ihr Zimmer, um eine Packung Kekse zu holen, die sie nur für besondere Anlässe aufbewahrte. Ich war gerade bei meinem dritten Keks angelangt (ich futterte bereits für zwei), als sie schließlich »Und wer ist der Vater?« fragte. Was mir peinlich war.

»Das will ich lieber nicht sagen«, murmelte ich.

»Ist er so hässlich?«, antwortete sie grinsend. Wieder musste ich ein Kichern unterdrücken. Natürlich war das unangemessen. Ich meine, ich war schwanger! Aber damals war ich neunzehn, und Abi war lustig. »Ich wusste nicht mal, dass du überhaupt mit jemandem Sex hast«, fügte sie hinzu.

»Ich hatte nicht das Bedürfnis, das an die große Glocke zu hängen.«

Da brach Abigail in hysterisches Kichern aus. »Na ja, genau das tust du jetzt.«

»Stimmt vermutlich«, antwortete ich und fiel in ihr lautes Gegacker mit ein. Das waren wahrscheinlich die Hormone.

»Demnächst ist es, als würdest du ein riesiges Schild mit der Aufschrift Ich bin sexuell aktiv herumtragen.«

»Und leichtsinnig«, fügte ich hinzu. Woraufhin wir kaum noch Luft bekamen, so heftig prusteten wir los.

»Und eine kleine Schlampe, weil du nicht weißt, wer der Vater ist.«

Ich boxte sie scherzhaft in den Arm. »Klar weiß ich das.«

»Natürlich, aber wenn du es keinem sagst, werden die Leute das denken.« Sie wollte nicht gemein sein, es war nur eine Feststellung.

»Für die bin ich sowieso eine Schlampe, auch wenn ich ihnen sage, wer es ist.« Das schien uns plötzlich das Witzigste überhaupt. Wir bekamen uns gar nicht mehr ein vor Lachen. Merkwürdig, denn ich hatte es den größten Teil meiner Jugend geschafft, weder als Schlampe noch als verklemmt bezeichnet zu werden, ein Drahtseilakt, den ich ziemlich gut gemeistert hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt. Das war eigentlich überhaupt nicht lustig. Das Gelächter ließ sich wohl eher auf meine Panik zurückführen.

Die Schlafzimmer in unserer Studentenwohnung waren winzig. Wir saßen normalerweise auf den schmalen Betten, während wir uns unterhielten, weil die einzige Alternative ein Stuhl mit harter Lehne war, der direkt vor dem vollgestopften Schreibtisch stand. Der Raum, der eigentlich als Wohnzimmer dienen sollte, war in ein Schlafzimmer umfunktioniert worden, damit wir die Miete durch sechs statt durch fünf teilen konnten.

(Continues…)


Excerpted from "Lass sie nicht in dein Haus"
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