Mühle mit Meerblick: Liebesroman

Mühle mit Meerblick: Liebesroman

by Kim Henry

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Overview

Ein altes Foto ist das Einzige, was Line von ihrer Mutter hat. Im Hintergrund zu sehen ist eine Mühle am Strand. Durch Zufall findet Line heraus, dass es sich um eine Aufnahme von der Ostseeinsel Strynø handelt. Kurz entschlossen reist sie dorthin, um ihre Wurzeln zu finden. Tatsächlich trifft sie auf eine Verwandte und wird mit offenen Armen empfangen. Zum ersten Mal erfährt Line so etwas wie Geborgenheit. Wie eine wärmende Decke umhüllt sie der Zauber des Eilands. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Adam, der zurückgezogen in der Mühle am Strand lebt …

Product Details

ISBN-13: 9783955768669
Publisher: MIRA Taschenbuch
Publication date: 03/01/2019
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 384
File size: 1 MB

About the Author

Kim Henry ist das Pseudonym des deutsch-dänischen Autorinnen-Duos Nicole Wellemin und Corinna Vexborg. Corinna und Nicole lernten sich 2011 in einem Hobby-Schriftstellerforum kennen und stellten bald fest, dass sie die Leidenschaft für romantische Geschichten mit Happy End teilen. Seither lassen sie das Internet zwischen der dänischen Insel Fünen und dem bayerischen München glühen. Über eine Entfernung von über tausend Kilometern hinweg entstanden auf diese Weise zahlreiche Romane, von denen einige es bereits auf die BILD-Bestsellerliste geschafft haben.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Endlich da! Line warf den schweren Rucksack von sich, der mit einem dumpfen Plopp auf den Asphalt fiel. Nur wenige Schritte entfernt plätscherten leise Wellen an den schmalen sandigen Strand und raschelten im trockenen Seegras.

Line ließ den Blick schweifen. Eine gefühlte Ewigkeit hatte sie gebraucht, um von Kopenhagen hierherzukommen. Erst mit dem Zug, dann mit dem Überlandbus und zum Schluss noch mal einige Kilometer zu Fuß. Ihre Schultern schmerzten von den Riemen des Rucksacks, ihr Rücken war vom langen Sitzen ganz steif. Doch dieser Ausblick entschädigte für vieles.

Es war genau wie auf den Bildern im Fernsehen, wie in der Reportage, die Line zufällig gesehen und die sie hierhergetrieben hatte. Wie hatte der Moderator der Sendung die Gegend genannt? Die Dänische Südsee. Line erinnerte sich, dass sie darüber gegrinst hatte. Bei dem Wort Südsee dachte man unwillkürlich an knappe Bikinis, Waschbrettbäuche, Cocktailschirmchen und Palmen. Alles nicht gerade das Erste, was einem in den Sinn kam, wenn man die Wörter dänische Küste hörte.

Und jetzt?

Da waren die kleinen Pfützen aus Silber, die auf den Wellen tanzten. Die unversperrte Aussicht auf diese ganz eigene Welt aus flachen, teilweise winzig kleinen Inseln, die auf dem Silberpfützenmeer schwammen. Das Blau des Himmels war ein paar Nuancen heller als das Blau des Wassers, und die paar zerteilten Wattebäuschchen, die reglos am Himmel ruhten, gingen kaum als Wolken durch. Segelboote ließen sich vom Wind auf dem Meer zwischen der Inselwelt treiben, und hier und da schaukelte ein kleines Fischerboot auf dem Wasser.

Eine dieser Inseln war Strynø. Strynø, ein Ort, von dem sie bis vor einigen Tagen noch nie etwas gehört hatte, der jetzt aber für so viel stand. Ihr Herz machte einen Satz. Plötzlich schien nicht einmal mehr die Sonne unerträglich stechend, sondern angenehm warm. Langsam wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Sie hätte Sonnencreme einpacken müssen, aber wer dachte daran, wenn er Mitte Mai in Skandinavien unterwegs war?

»Ganz schön heiß heute, nicht wahr?« Line war so vertieft in ihre Gedanken gewesen, dass sie nicht gemerkt hatte, wie sich eine Spaziergängerin zu ihr gesellt hatte. In der Hand der Frau baumelte eine kurze braune Lederleine. Etwas abseits, in der Nähe der sichtlich in die Jahre gekommenen Hafengebäude, schnüffelte ein kniehoher Fellball im Seetang.

»Ja.« Line lächelte. »Ich war noch nie hier in der Gegend, doch ich hätte nicht geglaubt, dass es so anders ist als Kopenhagen. Dort haben wir immerhin auch reichlich Meer. Aber das hier? Die Farben. Das Licht, alles wirkt viel geheimnisvoller.«

Der Blick der Frau fiel auf den Rucksack zu Lines Füßen.

»Dann machst du Urlaub hier? Hast du Verwandte in der Gegend?«

Bei dem Wort Verwandte zog sich alles in Line zusammen. »Ich ...« Sie schüttelte den Kopf und zögerte. Es auszusprechen, würde bedeuten, Hoffnung zuzulassen. Sich einzugestehen, dass sie wieder einmal wagte zu träumen. »Ich habe im Fernsehen eine Reportage über Strynø gesehen, da gab es auch Bilder von der Mühle, und da musste ich einfach hierher.« Das war zumindest nicht gelogen, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Dass sie ein paar Details ausließ, konnte ihr schließlich niemand vorwerfen. Sie kannte die Frau nicht mal, wieso hätte sie ihr ihr ganzes Herz ausschütten sollen? Obwohl die Fremde durchaus nett wirkte mit ihrem Hund und den verwaschenen Espadrilles. Doch Line fürchtete, dass die Frau sie für durchgeknallt halten würde, sobald sie erfuhr, dass Line innerhalb weniger Tage ihr komplettes Leben umgekrempelt hatte, nur um einer vagen Hoffnung nachzuspüren. So etwas taten schließlich nur Verrückte. Oder Träumer, die nicht mehr viel zu verlieren hatten. Line wischte ihre Bedenken beiseite. Sie hatte es so weit geschafft, jetzt würde sie es auch durchziehen.

Irgendwo, zwischen hier und der Insel, näherte sich ein silberner Punkt auf dem Wasser und wurde immer größer. Das musste die Fähre sein. Bei ihrem Eintreffen im Hafen hatte Line laut dem Fahrplan, den sie aus dem Internet heruntergeladen hatte, noch gut zwanzig Minuten bis zur nächsten Abfahrt gehabt.

»Ja, die Mühle.« Die Frau lachte. »Kein Strynø-Besuch ist komplett ohne mindestens ein Foto von dem alten Ding. Dabei drehen sich die Flügelblätter nicht einmal mehr. Es ist schon Ewigkeiten her, dass da Mehl drinnen gemahlen wurde. Mittlerweile ist der alte Klotz seit Jahren in Privatbesitz.«

»In Privatbesitz?« Erneut machte Lines Herz einen Satz. Diesmal noch heftiger als vorhin beim Anblick der Insel. Konnte es womöglich so einfach sein? »Weißt du, wer da jetzt drinnen wohnt? Ich suche nämlich jemanden auf der Insel. Eine Frau. Sie müsste jetzt ungefähr ...«

Hinter ihr wurde es lauter. Eltern riefen ihre Kinder zu sich, Wagentüren wurden geschlossen, Motoren sprangen an. Die Fähre näherte sich viel schneller, als Line es einem so behäbig wirkenden Schiff zugetraut hätte, und plötzlich musste sie sich sputen.

Die Gassigängerin schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid. Ich hab keine Ahnung. Ich wohne hier in Rudkøbing, und obwohl das nur ein Katzensprung von Strynø liegt, ist es dort wie in einer anderen Welt. Warte nur ab, bis du da bist, dann wirst du das verstehen. Auf Strynø ticken die Uhren einfach anders.«

Um darüber nachzudenken, was die Fremde mit dieser kryptischen Bemerkung meinte, fehlte Line die Zeit. »Ich muss dann los«, meinte sie zu der Frau und wuchtete sich ihren Rucksack auf den Rücken. Als hätte sie zu ihm gesprochen, hob der Hund den Kopf. Seine Ohren standen frech in zwei verschiedene Richtungen ab. Viel Glück, schien er ihr zu sagen, und Himmel, Glück war wirklich das, was Line brauchte. Kluges Tier.

Auch die Besitzerin des Mischlings verabschiedete sich von Line. Sie wünschte ihr einen schönen Aufenthalt auf der Insel und viel Erfolg bei der Suche, dann gab sie ihrem Hund ein Kommando, dass es weiterging. Seite an Seite stapften die beiden den schmalen Sandstreifen entlang, um ein paar wahllos verstreute Steine herum und auf einen uralt anmutenden Holzsteg zu, ehe sie zwischen zwei der halb verfallenen Hafenkontore verschwanden. Seufzend rückte Line die Riemen ihres Rucksacks zurecht. Um ein Haar wäre sie unter dem Ding zusammengebrochen. Aber jetzt war es ja nicht mehr weit. Endspurt!

Mit leisem Poltern und Rumpeln legte die Fähre am Kai an. Quietschend senkte sich die Laderampe. Ein paar Autos rollten von der Fähre herunter und schienen es sehr eilig zu haben, den Hafenbereich zu verlassen. Während sie auf die Fähre zusteuerte, beobachtete Line die anderen Passagiere, die genauso zügig nun auf dem Kahn verschwanden. Manch einer wechselte noch das eine oder andere Wort mit dem Mann in der dunkelblauen Sicherheitshose mit den Reflexstreifen, der am Geländer stand und alle zwei Sekunden auf seine Uhr starrte. Keiner schien was zu bezahlen.

Vorsichtig näherte sie sich dem Mann. »Hej.«

Aus seinen dunklen Augen schaute er sie an, als würde ihr eine zweite Nase aus der Stirn wachsen. Vielleicht war es aber auch der kurz geschnittene weiße Vollbart, der seiner Miene etwas Brummiges verlieh. Er trug ein dunkelblaues Sweatshirt mit dem Logo der Kommunalverwaltung von Langeland über seiner Hose, die an der Hüfte deutlich zu eng saß. Die Kapitänsmütze, unter der seine Ohren zur Seite wegknickten, war ganz sicher kein Teil seiner Uniform. »Auf die Insel?«, erkundigte er sich nuschelnd.

»Kommt drauf an, wo dieses Schiff hinfährt«, antwortete sie. Was für eine seltsame Frage.

»Nicht nach nirgendwo«, erwiderte er. Auf einmal war da ein Blitzen in seinen Augen. So als amüsiere er sich tatsächlich über ihre Nachfrage.

»Ich hab kein Ticket«, meinte sie. Da sie nicht gewusst hatte, wann genau sie am Hafen sein würde, hatte sie keins im Internet gebucht. Ihre Annahme, dass es leichter sein würde, dann direkt am Hafen eins zu kaufen, erwies sich als Trugschluss.

»Was du nicht sagst.«

Sie wartete, dass er weitersprach, doch er nickte einem aufs Schiff auffahrenden schwarzen Kombi zu und schaute wieder einmal auf seine Uhr.

»Soll das heißen, es macht nichts, wenn ich keinen Fahrschein habe?« Sie verstand gar nichts mehr. Warum spielte es eine Rolle, wohin sie wollte mit einer Fähre, die nur ein Ziel hatte, aber keine, dass sie keine Möglichkeit gefunden hatte, die Überfahrt zu bezahlen?

»Egal.« Er winkte ab. »Also willst du nun auf die Insel oder nicht?«

»Ja, natürlich, was sollte ich sonst hier? Ich hab nur keinen Automaten oder Schalter gefunden, wo ich ein Ticket lösen kann.«

»Kasper kommt nachher rum, wenn wir unterwegs sind.«

»Mit einem Klingelbeutel?«

»Bar, Dankort oder MobilePay. Uns ist das ziemlich egal, doch ich warne dich. Der Bengel weiß, wer auf der Insel wohnt und wer nicht.«

»Und das macht einen Unterschied, weil ...«, entgegnete sie.

Er allerdings winkte erneut und rief in ein heruntergelassenes Autofenster: »Nächstes Mal sagst du vorher Bescheid, wenn du den Anhänger dran hast, Jakob. Hast Glück, dass wir nicht ausgebucht sind.«

Der Mann namens Jakob tat diese Bemerkung grinsend ab und parkte seinen Kleinwagen mit vollgepacktem Anhänger in einer der beiden Autoreihen. Der Brummbär unter der Kapitänsmütze wandte sich wieder Line zu. »Weil die Einheimischen als Fußpassagiere nicht zu zahlen brauchen. Staatliche Förderung.«

»Die Glücklichen«, murmelte sie und folgte den anderen Passagieren nach hinten zu einer schmalen weiß gestrichenen Metallstiege, die aufs Sonnendeck führte. Sie hatte es noch nicht einmal bis auf die Insel geschafft, allerdings ahnte sie jetzt schon, was die Frau mit dem Hund damit gemeint hatte, dass die Uhren auf Strynø ein wenig anders tickten. Unter dem Rucksack rann ein Tropfen Schweiß ihr Rückgrat entlang. Sie setzte einen Fuß auf die unterste Stufe der Metalltreppe.

Das Bescheuerte an Rucksäcken, die den kompletten Hausstand enthielten, war, dass sie breiter sein konnten, als man sich erinnerte. Irgendwo steckte sie fest. Sie zog, um endlich diese Stiege hinaufzugelangen. Da sie immer noch nicht vorwärtskam, riss sie stärker und stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Schulterträger. Halb hinter, halb unter ihr erklang ein ominöses Knacken und Splittern. Lines Herz setzte für einen Schlag aus. Ihr Körper erstarrte mitten in der Bewegung.

Sie wagte kaum, sich umzusehen und den Schaden zu begutachten, den sie angerichtet hatte.

Schwer schluckte sie, blinzelte zweimal, dann richtete sie ihren Blick auf das Malheur.

Mist, der schwarze 2005er VW Passat B5 GP war dank ihr und ihrem dämlichen Rucksack nun um einen Seitenspiegel schmaler. Das Teil hing traurig an ein paar Kabeln hinunter. Und Line wusste, dass Ersatzteile für dieses Modell schwerer zu kriegen waren als gemeinhin für VWs üblich. Opa Ole aus einer ihrer Pflegefamilien drehte sich mit Sicherheit gerade im Grab um. Ihm hatte es immer beinah körperliche Schmerzen bereitet, wenn einem Auto Schaden zugefügt wurde. Insbesondere wenn es sich um einen Wagen handelte, der nicht mehr der jüngste war und der dennoch tapfer seinen Dienst verrichtete. Der Passat, den sie beschädigt hatte, hatte bestimmt schon einiges erlebt. Und trotzdem sah das Gefährt aus, als würde es jemandem gehören, der Wert auf ordentliche Pflege legte.

Der Typ, der vor Line lief, sah erst sie über die Schulter an und richtete danach den Blick auf das Auto. Schließlich zuckte er bloß die Achseln und ging weiter.

Sie schaute sich um. Mit etwas Glück hatte der Fahrer so wie alle anderen den Wagen verlassen und sie könnte behaupten, nicht für das Missgeschick mit seinem Seitenspiegel verantwortlich zu sein.

Aber sie hatte kein Glück. Nicht mal ein bisschen.

Der Mann saß hinter dem Lenkrad seines Autos und sah sie an. Das Fenster war geschlossen, und er machte nicht den Eindruck, als ob er es herunterlassen wollte, um sie für den Schaden zur Rechenschaft zu ziehen. Entweder zerfloss der da unter der Tonne schwarzen Metalls, oder er hatte eine Mörder-Klimaanlage, die dann aber nachgerüstet sein dürfte. Auf jeden Fall rührte er sich keinen Deut.

Line wartete darauf, dass er ausstieg, dass er anfing herumzubrüllen, dass er irgendwas tat. Doch er hockte einfach nur da und starrte sie an. Hinter der Glasscheibe erkannte sie ein schmales Gesicht, eingerahmt von einem kurzen dunklen Bart und dunklen Haaren. Er trug ein hellgraues Hemd. Schlanke Hände lagen auf dem Lenkrad, mit zwei Fingern trommelte er darauf herum. Das war die einzige Regung, die er zeigte. Noch immer schlug ihr das Herz bis zum Hals, und das Blut rauschte in ihren Ohren. Irgendetwas an dem Mann hypnotisierte sie, während sie dastand. Wahrscheinlich die Angst vor seiner Reaktion, vielleicht verwirrte sie aber auch die Art, wie er einfach nur in seinem Auto saß. So als wäre sein Wagen eine ganz eigene Welt. Eine, in die er niemanden hineinließ.

»Gehst du jetzt weiter?« Eine fremde Männerstimme ließ sie zusammenzucken. Ein kräftig gebauter junger Typ war hinter sie getreten. Um den Hals hing ihm ein Kartenzahlgerät und ein tragbarer Fahrkartendrucker. An seiner Hose blitzte eine silberne Kette, an der ein Portemonnaie hing. Er trug den gleichen Pullover wie der Kapitän. Das musste dann wohl der Ticketverkäufer sein.

»Ich hab den Spiegel ...«

Der Junge unterbrach sie. »Der meldet sich, wenn der Schadenersatz haben will, keine Angst. Lauf einfach weiter.«

Bei wem meldet der sich? wollte sie fragen. Wie denn? Und wo? Und Fotos vom Schaden macht er auch keine? Das Rauschen in ihren Ohren wurde immer lauter. Wenn sie nicht achtgab, würde sie gleich umkippen.

»Du hast noch kein Ticket, ja?«, wollte der Matrose – hieß das überhaupt so? – wissen. »Sagt mein Vater.«

Sie hatte gerade einen Schaden über mehrere Hundert Kronen angerichtet, und noch kein Ticket zu haben, war momentan die größte Sorge? War das Ticket teurer als der Außenspiegel? Wie viel Geld habe ich überhaupt noch in der Tasche?

Weil sie nicht ewig wie versteinert den Weg blockieren konnte, gab sie sich einen Ruck. Sie schüttelte den Kopf, hoffend, sie könnte damit auch ihre Benommenheit abschütteln. Während sie in ihrem Rucksack nach der Geldbörse kramte, knurrte laut vernehmlich ihr Magen. Missmutig blickte sie in die hellgrünen Augen des Ticketverkäufers. »Snacks oder so was verkauft ihr nicht auf der Fähre, oder?«

»Nee, das lohnt sich nicht. Es ist ja nur eine halbe Stunde bis auf die Insel. Aber der Kaufmannsladen hat bis um sieben auf, da bekommst du sicher noch was.«

»Ah gut, fährt da ein Bus bis dorthin? Zu dem Laden, meine ich?«

Er zog eine Braue hoch, zu der sich nur sehr langsam die andere gesellte, und seine Augen blitzten dabei, als würde er sich ein bisschen über sie lustig machen. »Bus?« Er betonte es auf eine Weise, als hätte sie Spaceshuttle gesagt. »Du warst noch nie auf der Insel, oder?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Da geht man zu Fuß«, erklärte er und zwinkerte ihr zu.

»Zwanzig Minuten, höchstens, und schon bist du mitten im Dorf, dort, wo das Leben tobt.«

Klar, er amüsierte sich auf ihre Kosten. Eine halbstündige Überfahrt, zwanzig Minuten bis zum Kaufmannsladen, und wenn sie sich an die Bilder von dem Eiland erinnerte, konnte sie sich ausmalen, wie das mit dem tobenden Leben gemeint war. Ihr Magen meldete sich erneut.

Es war ein verdammt langer Tag gewesen bisher.

Der Junge verdrehte die Augen. »Am besten lässt du deinen Rucksack hier unten stehen. Nicht, dass noch etwas passiert.«

»Kann man den hier irgendwo einschließen?«

Wieder machte er diesen Stunt mit seinen Augenbrauen, erst eine, dann die andere. »Und wer soll den klauen?«

»Vielleicht holt sich der Mann mit dem Außenspiegel ja Schadenersatz«, erwiderte sie schnell. Dass in ihrem Rucksack kaum etwas war, womit sie das angerichtete Unglück bezahlen könnte, mussten weder der Ticketverkäufer noch der Kombimann wissen. Mist! Das alles lief nicht wie geplant. Sie kramte ein paar Münzen aus ihrer Geldbörse und reichte sie dem Jungen. »Genug?«

»Das wird reichen.« Seelenruhig ließ er sein Maschinchen einen Fahrschein ausdrucken und überreichte ihr den, als seien es die britischen Kronjuwelen.

»Willkommen auf Strynø«, meinte er noch, dann griff er in die kleine Ledertasche, die neben dem Portemonnaie an seinem Gürtel hing, und legte einen Schokoriegel neben den Fahrschein in ihre geöffnete Hand. »Ein Willkommensgeschenk. Mit vollem Magen hast du sicher auch gleich wieder bessere Laune. Ich bin übrigens Kasper.«

* * *

Kannte er sie?

Adam beobachtete, wie der Sohn des Fährkapitäns der jungen Fremden einen Schokoriegel schenkte.

Weiterhin verfolgte er, wie die zierliche Frau sich an die Fersen von Kasper hängte. Kaum dass Kasper in den Maschinenraum kletterte, kroch sie ihm durch die schmale Tür hinterher, und nachdem beide wieder herauskamen, entspann sich eine angeregte Diskussion zwischen ihnen. Wie es aussah, vergaß die Fremde darüber sogar ihre Besorgnis wegen seines Seitenspiegels.

(Continues…)


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