Niemand verschwindet einfach so: Roman

Niemand verschwindet einfach so: Roman

by Catherine Lacey, Bettina Abarbanell

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Product Details

ISBN-13: 9783841213907
Publisher: Aufbau Digital
Publication date: 08/18/2017
Sold by: Libreka GmbH
Format: NOOK Book
Pages: 256
File size: 2 MB

About the Author

Catherine Lacey wurde in Mississippi geboren und lebt in Chicago. Für ihren ersten Roman »Niemand verschwindet einfach so« wurde sie mit dem Whiting Award 2016 ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman »Das Girlfriend-Experiment« wurde ebenfalls begeistert von der Kritik aufgenommen. Bettina Abarbanell arbeitet als Literaturübersetzerin in Potsdam. Sie hat u. a. Jonathan Franzen, Denis Johnson und F. Scott Fitzgerald übersetzt. 2014 Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung. Für ihre Arbeit an „Niemand verschwindet einfach so“ wurde sie mit dem Brandenburger Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Catherine Lacey wurde in Mississippi geboren und lebt in Chicago. Für ihren ersten Roman »Niemand verschwindet einfach so« wurde sie mit dem Whiting Award 2016 ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman »Das Girlfriend-Experiment« wurde ebenfalls begeistert von der Kritik aufgenommen.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Vielleicht gibt es Menschen auf der Welt, die, ohne es zu wollen, Gedanken lesen können, und wenn so eine Sorte Mensch existiert, dann gehört mein Mann mit ziemlicher Sicherheit dazu. Seit den Ereignissen jener Woche denke ich das, als ich wusste, dass ich bald fortgehen würde, und er noch nicht; ich musste es ihm sagen, das war mir klar, nur hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich meinen Mund dazu bringen sollte, diese Wörter zu bilden, und da mein Mann, ohne alle Absicht, Gedanken lesen kann, trank er in besagter Woche einiges mehr als sonst, becherweise Gin vor allem, aber auch große Biere aus dem Deli. Er hielt beim Nachhausekommen die in einer Papiertüte versteckte Dose in der Hand, nahm kleine Schlucke daraus und lächelte, als wäre es ein Witz.

Dann lachte ich.

Er lachte auch.

Im Inneren unseres Lachens lachten wir nicht.

An dem Tag, als ich fortging, stand er auf, zog sich an und verließ das Zimmer. Ich lag eiskalt und mit geschlossenen Lidern wach, bis ich unsere Haustür zuklappen hörte. Gegen Mittag brach ich auf, meinen Rucksack auf dem Rücken, und fühlte mich so elend und idiotisch, dass ich statt zur Subway erst mal in eine Kneipe ging. Ich bestellte einen doppelten Bourbon, dabei trinke ich so hartes Zeug sonst nicht, und als der Wirt mich fragte, woher ich käme, sagte ich ohne guten Grund: Aus Deutschland, wahrscheinlich, damit er sich gar nicht erst mit mir zu unterhalten versuchte, oder vielleicht, weil ich dringend mal eine halbe Stunde lang eine andere sein musste: Ich war eine einsame Deutsche, die sich hier die Freiheitsstatue, den Times Square und den Central Park ansehen wollte (und keine Frau, die sich ein One-Way-Ticket in ein Land gekauft hatte, wo sie nur einen einzigen Menschen kannte, der ihr nur ein einziges Mal sein Gästezimmer angeboten hatte, was, wenn sie daran zurückdachte, die Art Einladung war, die man in dem Glauben ausspricht, dass sie nie angenommen werden wird, aber jetzt war es zu spät, denn ich nahm sie ja schon an, und überhaupt; überhaupt, überhaupt).

Ein Mann setzte sich trotz der langen Reihe leerer Hocker direkt neben mich und bestellte einen Cranberrysaft ohne Schuss.

Was hast du für 'n Problem?, fragte er mich. Erzähl mir davon, Kleine.

Ich sah ihn an, als hätte ich kein Problem, von dem ich erzählen könnte, denn das ist ja mein Problem, dachte ich, dass ich nicht weiß, wie ich davon erzählen soll, und genau deshalb finde ich die Sicherheitskontrollen am Flughafen so schön, weil man da während der gesamten Prozedur weinen kann, und die Beamten sich trotzdem nur darum kümmern, ob man gleich explodiert. Wenn sie einen abtasten wollen, tasten sie einen trotzdem ab. Sie versuchen trotzdem, Metall an einem zu finden. Brüllen trotzdem etwas von Laptops und Flüssigkeiten und Gels und Schuhen, und niemand fragt einen, was nicht stimmt, denn es stimmt von vornherein schon nichts, und keiner würdigt einen eines zweiten Blickes, denn sie werden nur für den einen bezahlt. Und genau dafür sind ihnen manche Menschen manchmal dankbar.

CHAPTER 2

Sie sahen mich und überschlugen im Kopf die Wahrscheinlichkeiten: Trickbetrug sieben Prozent, Prostitution vier, psychische Störung fünfzig, Aufdringlichkeit zwanzig, Gewaltbereitschaft vier Prozent. Davon traf wahrscheinlich nichts auf mich zu, zumindest noch nicht, doch für die Vorbeifahrenden und jeden anderen in diesem Land hätte ich alles Mögliche sein können, also drosselten sie nur das Tempo, schauten mich an, fällten ihr Urteil und fuhren weiter.

Frauen – sie schielten kurz herüber, machten ein sorgenvolles Gesicht und fuhren vorbei. Männer (das lernte ich später) beobachteten mich aus größtmöglicher Entfernung – den Blick fest auf mich geheftet, falls ich etwas wäre, das sie schießen oder fangen müssten –, hielten aber praktisch nie an. Von nahem war ich nicht so vielversprechend: bloß eine Frau mit Rucksack, Strickjacke und grünen Turnschuhen. Und dem Anschein nach jung natürlich, denn jung muss man schon erscheinen, um mit dieser Art Verwundbarkeit, am Straßenrand stehend und allen die blasse Innenseite seines Arms hinhaltend, davonzukommen. Man muss absolut harmlos erscheinen und zugleich jederzeit dazu imstande sein, jemandem ein Messer in den weichen Bauch zu rammen, sollte es erforderlich sein.

Aber all das wusste ich am Anfang nicht – ich stand nur da und wartete, ohne zu ahnen, dass ich für immer hier stehen würde, wenn ich meine Sonnenbrille aufbehielt, dass mein offenes Haar ein Signal aussendete, das ich nicht aussenden wollte, dass meine Haltung sorgfältig choreografiert sein, dass ich immer wie eine Tänzerin kurz vor dem Sprung aussehen musste.

Ich wusste nur, was ich am Flughafen von der Landkarte abgelesen hatte: Richtung Süden bis Wellington, mit der Fähre hinüber, dann Picton, Nelson, Takaka und Golden Bay, Werners Farm, jene auf ein Stück Papier gekritzelte Adresse, mit der dies alles angefangen hatte.

Als das Flugzeug an dem Morgen landete, hatte ich so ungefähr siebenunddreißig Stunden nicht geschlafen. Nachdem die Lichter gedimmt worden waren, ließ ich die Augen weit geöffnet, und meine Gedanken drifteten in einen scheinbar endlosen Horizont ab. Ich las nicht und schaute auch nicht auf den Bildschirm direkt vor meiner Nase. Ich hörte schlafenden Körpern beim Atmen zu, versuchte federleichten Stimmen, Reihen entfernt, einzelne Wörter abzulauschen. Die Flugbegleiter schwankten die Gänge entlang, zwinkerten, schürzten die Lippen und reichten mir sehr genau abgemessene Mengen essbarer Substanzen: ein Brötchen, glatt wie eine Glühbirne; ein zungenförmiges Stück Huhn; zweiunddreißig Erdnüsse in einem metallenen Schälchen. Ich biss in einen Käselappen, ohne die Plastikfolie zu bemerken, und gab das Essen auf.

Jenseits der Gepäckausgabe beobachtete ich einen Mann, der rauchte und irgendetwas den Rinnstein entlangkickte, während um ihn herum Sonnenstrahlen zersplitterten. Wie ein Gemälde von einem Heiligen sah das aus. Mehr war es nicht, dieses Land, in das ich mich hineinkatapultiert hatte.

Ach, wie könnte ich nicht für dich anhalten?, sagte die erste Frau, die mich mitnahm. Wie könnte ich nicht anhalten?

Keine Ahnung, sagte ich. Den Fuß auf dem Gas lassen?

Sie lachte, aber ich verstand gerade keinen Spaß. Schon möglich, dass es witzig gewesen war, aber als ich sie mit ausdruckslosem Gesicht anstarrte, hörte sie auf zu lachen. Eine lange, gebogene Nase gab ihr das majestätische, wenn auch unvorteilhafte Aussehen eines Falken oder Tukans. Sie sprach mit mir wie mit einem Kind, was in Ordnung war, denn ich wollte gern eins sein. Seit einiger Zeit fiel es mir schwer, mich an jene Jahre zu erinnern, so als wäre die Kindheit ein Film, von dem ich nur den Trailer kannte.

Bist ja ganz schön mutig. Ich seh nicht oft welche wie dich auf der Straße.

Es gibt solche Frauen, die deine Angst bemerken und sie Mut nennen.

Ich dachte, hier trampen viele.

Nee, sagte sie. Nicht mehr. Ist überall gefährlich heutzutage. Willst du 'ne Birne? Bedien dich. Ich hab Berge davon, Nashi-Birnen, war 'n Sonderangebot.

Sie erzählte mir von ihrem elfjährigen Sohn – ein Unfall in ihren Zwanzigern –, und ich aß eine Birne, deren Saft mir überallhin lief, aber sie fuhr nur bis Papakura und setzte mich schon nach kurzer Zeit an einer Tankstelle am Highway wieder ab.

Lass dich bloß von keinem Typen aufgabeln, hörst du? Wenn einer anhält, sag ihm, er soll weiterfahren. Wir passen hier gut aufeinander auf, wir Frauen, meine ich. Wird dich bald wieder eine mitnehmen.

Ich versprach es, auch wenn ich wusste, dass ich ihren Rat nicht befolgen würde, denn ich schaffe es nie, ein Angebot auszuschlagen, egal, was es ist; wenn ich irgendetwas mit Sicherheit von mir sagen kann, dann das.

Eine Zeitlang kamen keine Autos mehr, denen ich meinen Daumen hätte entgegenstrecken können, aber ich blieb trotzdem stehen, ohne angemessene Neugier auf dieses neue Land (ein langweiliger kleiner Berg, ein fader blauer See, eine Tankstelle wie die bei uns, nur nicht ganz). Meine Lippen wurden immer trockener, und ich dachte darüber nach, dass alle Zellen jedes Körpers sich unablässig auf einen totalen Mangel an Feuchtigkeit zubewegen und dass jeder lebendige Mensch diesen Gedanken permanent im Kopf hat, auch wenn ihn fast keiner je ausspricht, weil man diesen Gedanken ja nicht wirklich denkt, sondern nur hat, so wie man Zehen hat, jedenfalls die meisten Menschen; und dieses Wissen, dass wir alle permanent am Austrocknen sind, drückt auch in allen Autos, mit denen die Leute von A nach B fahren, aufs Gaspedal, was mir wieder bewusstmachte, dass ich gerade nirgendwo hinfuhr und viele Autos an mir vorbeigerauscht waren, ohne anzuhalten oder auch nur abzubremsen, und ich begann mich zu fragen, was passieren würde, falls mich niemand mitnahm, falls die erste Frau ein Glückstreffer gewesen und das Trampen zusammen mit anderen inzwischen als gefährlich geltende Dinge – Bleifarbe, gewisse Plastiksorten, freie Liebe – in den 70ern zurückgelassen worden war, und ich vielleicht für immer hier stehen und zusehen müsste, wie kein einziges Auto anhielt, und über meine Zellen nachdenken, die gegen ihr Austrocknen machtlos waren.

Ich beschloss, so glücklich wie möglich auszusehen, weil ich mir dachte, jemanden, der glücklich war, würden die Leute vielleicht eher mitnehmen.

Ich bin glücklich, sagte ich mir, ich bin ein glücklicher Mensch.

Ich öffnete die Augen weiter als nötig und hoffte, den Autos so mein Glücklichsein zu vermitteln, aber sie fuhren nach wie vor an mir vorbei.

Eines hupte, wie um noch extra Nein zu sagen.

Mein Arm blieb lange ausgestreckt, bis die Stelle schmerzte, wo mir immer Blut abgenommen worden war, und ich gewöhnte mich so sehr an die vorbeifahrenden Autos, dass ich völlig vergaß, warum ich hier so stand, nämlich um in ein Auto einzusteigen und irgendwo hinzugelangen, doch nichts folgte aus dem anderen – ein Auto kam, dann das nächste, aber alle fuhren ohne mich weiter. Und auch aus mir war nichts gefolgt – ich war ein menschlicher Trugschluss, sinnlos und deplatziert, ein schlechter Witz, eine Pointe ohne Landeplatz. Der Himmel hatte eine gute Himmelsfarbe, und die Luft fühlte sich gesund an, und vielleicht war dies so ein Tag, der alle Autofahrer daran erinnerte, dass Tage eine begrenzte Ressource sind und man die wenigen, über die man verfügt, tunlichst schützen sollte. So ein Tag möchte nicht von einem herausgefordert werden, möchte nicht aufs Spiel gesetzt werden, möchte nicht, dass du irgendwelche Fremden vom Straßenrand aufgabelst.

Doch schließlich bestätigte sich, was die erste Frau gesagt hatte – es waren die Frauen, die anhielten und dann behaupteten, sie nähmen nie Anhalter mit, außer Frauen, die den Daumen rausstreckten – junge Damen in Verkehrsnöten, sagte die zweite, die mich mitnahm, und ich dachte, gut, okay, wie sie meint, ich würde hier keine Wörter auf die Goldwaage legen. Dafür gab es keinen Grund. Sie war auf dem Nachhauseweg vom Krankenhaus, wo sie als Krankenschwester arbeitete, also fragte ich sie, was mir seit jenem letzten Tag im Labor nicht mehr aus dem Kopf ging:

Was passiert eigentlich mit dem Blut? Wenn sie damit fertig sind, meine ich.

Was für Blut?, fragte sie.

Das getestet wird. Wenn sie's auf Krankheiten oder Hormonwerte oder so getestet haben. All die Röhrchenvoll Blut – was passiert damit?

Na ja, das wird entsorgt. Das ist Sondermüll.

Aber wo landet es?

An einem sicheren Ort. Zuerst in Röhren, dann in einem Sondermüllcontainer, und die Container werden dann von einer Spezialfirma abgeholt. Die bringt sie irgendwo in Sicherheit, und niemand fasst sie je wieder an.

Und damit war unser Gespräch beendet. Wir redeten kein Wort mehr, bis sie mich dort absetzte, wo sie mich absetzen musste.

Viel Glück, sagte sie, pass auf dich auf. Halt dich von den Typen fern.

CHAPTER 3

Nach ein paar Stunden der Warterei auf der engen, baumgesäumten Straße, wo die Krankenschwester mich abgesetzt hatte, wurde mir klar, dass es an manchen Orten nicht gut ist, ein Mensch und kein Auto zu sein, und dies war so ein Ort; ab und zu schoss ein Auto um die Kurve, und das Ende vom Lied war, dass ich die Fahrer so erschreckte, wie wilde Tiere es tun, wenn sie schockstarr mitten auf der Straße stehen. Die Autos bremsten, schlingerten oder hupten, und ich wünschte, ich hätte zurückhupen können – ich weiß, ich weiß – was mache ich hier? Mir war es ja auch nicht klar. Irgendwann vollführte ein kleines rotes Auto eine Kehrtwende und hielt neben mir an, der Fahrer lehnte sich herüber, um die Beifahrertür zu öffnen, und ich stieg ein und dachte, das ist genau so einer, vor dem die Frauen mich gewarnt haben, und der Typ sagte: Wo willst du hin?, und ich sagte: Zur Fähre, und er: Welche meinst du?

Hm, die zur Südinsel?

Zur Südinsel?

Ja?

Da bist du hier aber ziemlich weit ab vom Schuss – wo kommst du her?

Vom Flughafen?

Ich sagte alles wie eine Frage, denn alles war eine Frage.

Bist ziemlich in der Pampa gelandet, was, ganz hier draußen in Ness Valley?

Ich bin hier abgesetzt worden, sagte ich und fragte mich, ob die Krankenschwester vielleicht lieber nicht über die Arbeit geredet hätte, über Blut. Ich konnte mich nicht erinnern, ob ich ihr überhaupt gesagt hatte, wo ich hinwollte.

Der Typ fuhr mich wieder rauf in die Berge, aus denen ich mit der Krankenschwester gekommen war, an den Tankstellen vorbei, den Schafswiesen, den wiederkehrenden grünen Pflanzen, den schmalen Straßen, von denen weitere kleine Straßen abzweigten, und was sollte das alles, fragte ich mich, diese ganze Welt, diese Pflanzen, diese Schafe, dieser Ort?

Das schönste Land der Welt, sagte der Typ ein paarmal, aber ich wusste, dass viele so etwas sagen und es trotzdem kein Land gibt, das von allen das schönste ist. An einer Stelle, wo eine Straße auf eine andere traf, setzte er mich ab. Viel Verkehr, sagte er, und das stimmte, aber niemand hielt für mich an. Der Himmel wurde dunkel, und dies war keine Gegend, wo es Straßenlichter gab, in puncto Lichter war es Selbstversorgergebiet, aber ich hatte kein Licht, hatte keins mitgebracht, war nicht auf die Idee gekommen, dass ich Licht brauchen würde. Es war das erste von vielen Dingen, auf die ich nicht vorbereitet war.

Am Rand eines Feldes entdeckte ich einen kleinen Schuppen, in dem ein großes Loch klaffte, und dort krabbelte ich hinein, fuhr mit den Händen die Wände entlang, um nach Schlangen oder Ratten zu tasten, fand aber nur einen verrosteten Hammer, ein Hufeisen und eine leere Glasflasche. Das Beste, was man tun kann, ist die Dunkelheit verschlafen, dachte ich, also tue ich jetzt mal mein Bestes. Beim Einschlafen kam mir der Gedanke, dass das angemessene Gefühl wohl Angst oder Reue oder ein Gemisch aus beidem gewesen wäre, aber ich empfand nichts dergleichen; ich sagte mir, wenn ich erst auf Werners Farm wäre, würde mein Leben klein und überschaubar werden, ohne Übernachtungen in Schuppen und ohne Trampen, also schlief ich, als wäre ich schon die einfachste Frau der Welt.

Am nächsten Morgen wachte ich von einem Geräusch außerhalb des Schuppens auf, das ich nicht zuordnen konnte, aber es erinnerte mich an ein vertrautes Geräusch: Ehemann im Arbeitszimmer, rhythmisches Klacken von Kreide, Pause, Klacken. Irgendetwas an dem Geruch, an der Farbe, sagte er, lockere sein Gehirn, lasse die Zahlen in der richtigen Reihenfolge herauspurzeln.

Ich dachte, du hasst die Tafel, hörte ich ihn meiner nostalgischen Anwandlung entgegenhalten.

Ja, aber wenn ich dich daran schreiben höre, ist es okay.

Mein Mann, lächelnd in meinem Hinterkopf: So erinnerte ich mich an ihn.

Ich rollte mein behelfsmäßiges Bett zusammen, steckte Handtuch und T-Shirt wieder in den Rucksack und kletterte durch das Loch nach draußen, wo ich sah, dass das merkwürdige Geräusch, das ich die ganze Zeit hörte, von den Schafen kam, die im Gras raschelten, doch sie nahmen sofort Reißaus, denn Schafe sind klug genug, niemandem über den Weg zu trauen, schon gar nicht Menschen, die in Schuppen schlafen und daraus hervorgekrochen kommen, und ich konnte es ihnen nicht verdenken, denn wenn ich ein Schaf wäre, würde ich auch vor mir Reißaus nehmen, und auch so würde ich an manchen Tagen lieber weit vor mir weglaufen, anstatt für immer in mir eingesperrt zu sein.

(Continues…)



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