Novellen für ein Jahr

Novellen für ein Jahr

by Luigi Pirandello, Heinz Riedt

NOOK Book(eBook)

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Product Details

ISBN-13: 9783944561059
Publisher: red.sign Medien
Publication date: 05/26/2013
Sold by: Libreka GmbH
Format: NOOK Book
Pages: 130
File size: 710 KB
Age Range: 10 - 18 Years

Read an Excerpt

Hinweis: Luigi Pirandellos "Novellen für ein Jahr" wurden für diese E-Book-Ausgabe professionell und sorgfältig nach einer Print-Ausgabe des Fischer Taschenbuchverlags gesetzt. Die Textdarstellung in dieser Datenbank entspricht nicht diesem hohen Standard. Eine Spielzeugschachtel, eine von denen mit hobelspänenbewipfelten Bäumchen, unterm Stamm ein angeklebtes Holzscheibchen, damit sie stehenbleiben, und mit würfelförmigen Häuschen und mit einem Kirchlein samt Kirchturm und mit allem Drum und Dran: nun, stellt euch vor, man hätte eine solche Schachtel dem Jesuskind in die Hand gegeben, und das Jesuskind hätte sich damit vergnügt, diese kleine Pfarrei für den Benefiziaten[] Fiorìca zu bauen; gerade gegenüber das schlichte, Sankt Peter geweihte Kirchlein; hier das Pfarrhaus mit drei Fensterchen, beschirmt von gestärkten Musselingardinchen, die man hinter den Scheiben sehen konnte und die die Reinheit und Ruhe der stillen, sonnigen Zimmer ahnen ließen; daneben das Gärtchen mit der Weinlaube und den japanischen Mispelbäumen und dem Granatapfelbaum und den Apfelsinenbäumen und den Zitronenbäumen; und ringsherum die bescheidenen Häuschen seiner Pfarrkinder, getrennt durch Gassen und Gässchen mit einer Menge Tauben, die von Traufe zu Traufe flatterten; und mit einer Menge Kaninchen, die längs der Mauern geduckt und zitternd umherspähten, und mit gefräßigen, streitsüchtigen Hühnchen und mit immer ein wenig verschüchterten Schweinchen, wie man weiß, die über die eigene übermäßige Fettleibigkeit ärgerlich zu sein schienen. Hätte sich der Benefiziat Fiorìca je träumen lassen, dass in eine so beschaffene Welt der Teufel von irgendwoher einzudringen vermöchte? Und doch tat’s der Teufel nach Belieben, wann immer ihn das Gelüst überkam, verstohlen und ohne jede Mühe, in der Gewissheit, für einen braven Mann oder eine brave Frau oder oft auch für irgendein harmloses Ding gehalten zu werden. Man kann sogar sagen, dass Benefiziat Fiorìca den lieben langen Tag in Gesellschaft des Teufels verbrachte, ohne es zu merken. Er konnte es schon darum nicht merken, muss man hinzufügen, weil nicht einmal der Teufel es fertigbrachte, ihm übel mitzuspielen: Er machte sich nur einen Spaß daraus, ihn in kleine Versuchungen zu führen, die, nachdem sie entdeckt, ihm wahrlich nicht mehr Schaden zufügten als ein wenig Spott vonseiten seiner Pfarrkinder und Amtsbrüder und Vorgesetzten.Eines schönen Tages, um nur ein Beispiel zu nennen, verleitete dieser erzverdammte Teufel eine alte Dame aus dem Pfarrsprengel, die zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nach Rom gereist war, dem Benefiziaten Fiorìca eine schöne, beinerne Schnupftabakdose mitzubringen, auf deren Deckel das Bild des Heiligen Vaters in Lack gemalt war. Nun, möchte man’s für möglich halten? Der Böse nahm Wohnung darin, allem Schutz durch das Bildnis zum Trotz, und über einen Monat lang versuchte er den Benefiziaten Fiorìca während der Vesper, wenn dieser den Gläubigen vor dem Segen recht und schlecht seine kleine Predigt hielt, vom Innern der Schnupftabakdose aus:'Nun, wie wär’s mit einer kleinen Prise? Lassen wir sie doch mal sehen, die schöne Schnupftabakdose … Zur Freude der Dame, die sie dir geschenkt hat und die zu dir heraufsieht … Nur eine ganz kleine Prise!' Und also und immer wieder mit solcher Ausdauer, dass Benefiziat Fiorìca, der noch nie geschnupft und nur ganz schüchtern seit dem Tag damit begonnen hatte, da ihm dieses Präsent überreicht worden war, ja, dass er schließlich nachgeben und die Schnupftabakdose mitsamt dem großen, baumwollenen, geblümten Schnupftuch aus der Tasche ziehen musste. Resultat: eine Unterbrechung der kleinen Predigt durch eine Kette von mindestens vierzig Niesern und durch wütendes und geräuschvolles Schneuzen, was das ganze Kirchlein zum Lachen brachte.Aber am ärgsten war’s doch, als dieser vermaledeite Teufel sich ins Herz einer gewissen Marastella einschlich, welche eine arme Schwachsinnige war, ein Kind noch mit ihren dreißig Jahren, wunderschön und der ganzen Nachbarschaft lieb, die über ihre unbeschreibliche Gutgläubigkeit lachte, stets völlig entrückt wie sie war in einem endlosen, sehnsüchtigen Staunen. Er schlich sich also ins Herz besagter Marastella und machte, dass sie sich coram populo in den Benefiziaten Fiorìka verliebte, der bereits sechzig Lenze zählte und schneeweißes Haar hatte.Wenn das arme Kind in der Kirche seiner ansichtig wurde, sei es am Altar während des Gottesdienstes oder auf der Kanzel während der Predigt, weinte sie dicke Tränen, nur so aus Rührung, und ließ nicht ab, auszurufen, während sie sich mit beiden Händen an die Brust schlug:'Oh, Heilige Maria, wie schön er ist! Dieser Mund von Honig! Diese Augen voller Sonne! Meiner Seel’, wie er spricht und wie er um sich blickt!'Das wäre ein Skandal gewesen, hätte nicht jedermann darüber gelacht, da man die heilige Keuschheit des Benefiziaten und die Unschuld der armen Schwachsinnigen kannte.Eines Tages aber, als Marastella den Benefiziaten aus der Kirche kommen sah, kniete sie mitten auf dem kleinen Platz nieder, ergriff seine Hand, küsste sie ganz hingerissen und führte sie alsdann über ihr Haar, übers ganze Gesicht bis unter den Hals und seufzte:'Oh, Hochwürden, nehmen Sie dieses Feuer von mir, ich flehe Sie an! Ich flehe Sie an, nehmen Sie dieses Feuer von mir!'Der arme Hochwürden Fiorìca, verwirrt, höchst erstaunt über das arme Mädchen gebeugt, versuchte nicht einmal, die Hand zurückzuziehen, und fragte: 'Was für ein Feuer, Marastella, was für ein Feuer denn, meine Tochter?'Und vielleicht hätte er immer noch nicht begriffen, wären nicht aus allen Häuschen ringsum die Nachbarinnen herbeigelaufen und hätten die Schwachsinnige mit so deutlichen Worten und Gebärden hochgerissen, dass Hochwürden Fiorìca, bleich, fassungslos, mit beiden Händen zitternd das Kreuz schlug und flüchtete. Diesmal hatte sich der Teufel freilich allzu sehr bloßgestellt. Jedermann erkannte sein Werk in Marastellas Wahnsinnstat. Also ersann er sich etwas anderes, was dem Benefiziaten Fiorìca den größten Schmerz seines Lebens bereiten sollte. Dass er Guiduccio verlieren sollte. Hört zu.Guiduccio war ein neunjähriger Knabe, einziger Sohn der namhaftesten Familie in der Pfarrei: der Familie Greli.Benefiziat Fiorìca trug seit Jahren schon den Stachel im Herzen, dass diese Familie sich von der Heiligen Kirche fernhielt, nicht weil sie dem Glauben ernstlich feind gewesen wäre, sondern weil jene, die Kirche nämlich, nach Signor Grelis Ansicht (der Garibaldiner gewesen war, genuesischer Carabiniere in der Kampagne von 1860 und in der Schlacht von Milazzo am Arm verwundet), dem Vaterland hartnäckig feind blieb; Grund genug für einen Patrioten wie Signor Greli, keinen Fuß mehr hineinzusetzen. In die Politik hatte sich Hochwürden Fiorìca freilich niemals eingemischt, und so konnte er nicht fassen, wieso Vaterlandsliebe die Ursache dafür sein konnte, dass Guiduccios Mutter, seine ältere Schwester und Guiduccio selbst nicht wenigstens an den Sonntagen und höheren Feiertagen zur heiligen Messe in die Kirche kamen. Auf Beichte oder Kommunion wollte er schon gar nicht pochen. Aber die heilige Messe zumindest am Sonntag, großer Gott! Und, wie gewöhnlich von dem vermaledeiten Teufel versucht, der vor und hinter ihm herlief wie sein eigener Schatten, bemühte er sich, die Gunst des Signor Greli zu erlangen. 'Da kommt er vorbei! Tu nicht so, als ob du ihn nicht sehen würdest. Grüße ihn, grüße ihn als Erster: eine hübsche Verneigung in demütiger Würde!' Hochwürden Fiorìca gehorchte flugs der Einflüsterung des Teufels: Er verneigte sich lächelnd; doch Signor Greli antwortete mit finsterer Miene nur gerade eben und in mürrischer Härte auf diese Verneigung und dieses Lächeln. Und der Teufel jubilierte darob, wie jeder weiß. Nun, an einem Sommernachmittag, Vorabend eines hohen Festtags, wusste der Teufel, dass Signor Greli müde von der morgendlichen Arbeit heimgekommen war und sich zu Bett gelegt hatte, um seine Kräfte durch einige Stündchen Schlaf wiederherzustellen; und was tat er da? Ungesehen stieg er mit ein paar Lausbuben zusammen auf den Turm des Kirchleins von Sankt Peter und läutete aus Leibeskräften, läutete alle Glocken mit so hohnvollem Ingrimm, dass Signor Greli, der leidenschaftlichen Gemüts war und sich leicht vom Zorn hinreißen ließ, es schließlich nicht länger aushielt, aus dem Bett sprang und, hemdsärmlig und in Unterhosen, wie er war, und mit dem Gewehr bewaffnet, auf die Terrasse hinaufstürmte und — jawohl, meine Herrschaften — das Sakrileg beging, auf die heiligen Kirchenglocken zu schießen. Er traf die rechte von den dreien, die am lautesten schallte: Zielsicherheit des ehmals genuesischen Carabiniere! Doch armes Glöcklein! Es wirkte wie ein Hündchen, das, hinterrücks von einem Stein getroffen, während es lärmend seinen Herrn begrüßt, sein freudiges Gebell jäh in schrilles Wehklagen wandelt. Die Gläubigen alle, die sich zum Fest vor der Kirche versammelt hatten, erhoben sich im Tumult, erbost über die Gotteslästerung. Und es war eine wahre Gottesgnade, dass es dem Benefiziaten Fiorìca, der ganz erschüttert und noch in die heiligen Messgewänder gekleidet herbeigelaufen war, gelang, mit seiner Autorität zu verhindern, dass die Gewalttätigkeit seiner aufgebrachten Pfarrkinder zum Ausbruch kam und sich über Grelis Haus entlud. Er hielt sie rechtzeitig zurück und beschwichtigte sie, indem er sich dafür verbürgte, dass Signor Greli der Kirche eine neue Glocke stiften und ein anderes, noch feierlicheres Fest zur Glockenweihe stattfinden würde.Damals war Guiduccio Greli zum ersten Mal in das Kirchlein von Sankt Peter gekommen. In Wahrheit wäre es dem Benefiziaten Fiorìca lieb gewesen, wenn die Glocke Signora Greli oder zumindest eine der Töchter, die ältere, die etwa achtzehn Jahre alt sein mochte, zur Taufpatin bekommen hätte. Doch in seinem innersten Herzen war er Signor Greli dann doch dankbar, dass dieser seinem Wunsch nicht hatte entsprechen wollen, alldieweil er das Wunder sah, das die Glockenweihe in der Seele des kleinen Knaben bewirkte.Vielleicht war es die Hochstimmung des Festes oder die Zuneigung, die ihm alle Gläubigen des Sprengeis entgegenbrachten; oder eher noch der Klang, den er als Erster jener geweihten Glocke entlockte, oben auf dem Glockenturm, im lichten Azur des Himmels. Tatsache ist, dass von jenem Tag an die Stimme der Glocke ihn allmorgendlich zur Frühmesse in die Kirche rief. In aller Heimlichkeit sprang er aus dem Bett, sobald er diese Stimme vernahm, um eilig die alte Magd zu suchen, damit sie ihn mitnähme.'Und wenn dein Papa es nicht haben will?' fragte die Magd.Doch Guiduccio bestand darauf, bei jedem Schlag der Glocke erschauernd, die weiterhin gedämpft in die Nacht hinein rief. Und in der engen Gasse, die noch von nächtlichem Dunkel erfüllt war, drängte er sich an die alte Magd, und auf dem kleinen Kirchplatz hob er die Augen zum Glockenturm, und dem geheimnisvollen Staunen, das ihn überkam, antwortete der nicht minder geheimnisvolle Trost, der ihm, in die Kirche eingetreten, von den stillen, am Altar brennenden Kerzen in der Kühle des feierlichen, vom Weihrauchduft erfüllten Dämmer zuteil wurde.Das erste Mal, als Benefiziat Fiorìca, als er sich vom Altar zu den Gläubigen umwandte, ihn vor sich sah, wie er an der Brüstung kniete, die großen, von kastanienbraunen Locken umrahmten Augen noch starr, aufgerissen und glänzend in schier göttlichem Wahn, da durchfuhr ihn ein Schauer von Zärtlichkeit, und er musste sich Gewalt antun, um der Versuchung zu widerstehen, vom Altar hinabzusteigen und dieses Engelsgesicht und diese gefalteten Händchen zu streicheln. Nach der Messe machte er der Alten ein Zeichen, das Kind in die Sakristei zu bringen; dort nahm er es in die Arme, küsste es auf Stirn und Haar, zeigte ihm einzeln alle Kirchengeräte und Paramente, die langen Messgewänder mit den Stickereien und goldenen Fransen, die Chorhemden, die Mitren, die Manipeln, die alle nach Weihrauch und Wachs dufteten; sodann überredete er ihn mit sanfter Stimme, der Mama zu gestehen, dass er an diesem Morgen auf den Ruf seiner heiligen Glocke hin in die Kirche gegangen sei, und sie um die Erlaubnis zu bitten, wiederkehren zu dürfen. Schließlich — ebenfalls vorausgesetzt, dass die Mama es erlaubte — lud er ihn ins Pfarrhaus ein, die Blumen im Gärtchen zu betrachten, die bunten Vignetten in den Büchern und die Heiligenbildchen sowie auch ein paar Geschichtchen anzuhören.Guiduccio kam jeden Tag ins Pfarrhaus, gespannt auf die Geschichten der Heiligen Schrift. Und wie Benefiziat Fiorìca diese aufgerissenen, aufmerksamen, brennenden großen Augen in dem bleichen, forschen Gesichtchen vor sich sah, bebte er vor Rührung ob der Gnade, die Gott ihm zuteil werden ließ, sich am wundersamen Aufblühen des Glaubens in dieser reinen Kinderseele zu ergötzen; und wenn Guiduccio auf dem Höhepunkt der Geschichten vor innerer Erregung nicht länger an sich halten konnte und ihm die Arme um den Hals schlang und sich zitternd an seine Brust warf, da empfand er ein solches Frohlocken und zugleich solche Bestürzung, dass es ihm tief ins Herz schnitt und er weinend ausrief, während er die Hände auf den Rücken des Kindes presste: 'Oh, mein Sohn! Was mag Gottes Plan mit dir sein?'Aber ja! Indessen lauerte der Teufel hinter dem Sessel, auf dem Benefiziat Fiorìca saß und Guiduccio auf den Knien hielt; und Benefiziat Fiorìca merkte wie gewöhnlich nichts davon.Mein Gott, dabei hätte er doch sehen müssen, wie hie und da ein leiser Schatten über des Knaben Antlitz flog und ihn die Brauen ein wenig runzeln ließ. Dieser Schatten, dieses Runzeln der Augenbrauen rührte von der gutmütigen Nachsicht, mit der er gewisse Begebenheiten der Heiligen Schrift verschleierte und entschuldigte; gutmütige Nachsicht, die das empfindsame Gemüt des Knaben zutiefst verstörte, das zu Hause vielleicht schon misstrauisch gestimmt und von Vater und Schwestern vielleicht gar schon verlacht worden war. Und also zog der Teufel seinen Vorteil aus diesen und vielen anderen kleinen Anzeichen, die der Aufmerksamkeit von Hochwürden Fiorìca entgingen. In dem der Heiligen Jungfrau gewidmeten Monat Mai wurde im Kirchlein des Heiligen Peter nach Predigt und Rosenkranz und Segen und dem von Orgelspiel begleiteten gemeinsamen Abgesang der Marienlieder eine kleine wächserne Madonnenstatue in einer Glasglocke unter den Gläubigen verlost.Frauen und Kinder, die kniend die Lieder sangen, hielten die Augen starr auf die kleine Madonna gerichtet, die zwischen den brennenden Wachslichtern und den im Übermaß gestifteten Rosen auf dem Altar stand; und ein jeder wünschte sehnlichst, die Statue möge ihm durch das Los zuteil werden. Nicht wenige Frauen freilich, die voller Bewunderung sahen, mit welcher Inbrunst Guiduccio vor ihnen allen betete, hätten gewünscht, dass die kleine Madonnenstatue nicht einer von ihnen, sondern dem Knaben zufallen möge. Und insonderheit wünschte dies natürlich Benefiziat Fiorìca.Die Lose kosteten einen Soldo das Stück. Der Sakristan hatte wochentags den Verkauf zu besorgen, und auf jeden Zettel schrieb er den Namen des Käufers. Am Sonntag wurden dann alle Lose, zusammengerollt, in eine gläserne Urne getan; Benefiziant Fiorìca senkte die Hand hinein, mischte sie im gespannten Schweigen aller knieenden Gläubigen ein wenig, zog dann eins heraus, hielt es hoch, wickelte es auf und las durch die auf seiner Nasenspitze sitzende Brille hindurch den Namen vor. Sodann wurde die Madonna in Prozession unter Gesängen und Trommelwirbel in das Haus des Ausgelosten geleitet.Hochwürden Fiorìca malte sich Guiduccios Jubel aus, falls sein Name aus der Urne gezogen würde; und wie er ihn da vor dem Altar knien sah, hätte er beim Mischen in der Urne gewünscht, dass seine Finger durch ein Wunder das kleine Los mit Guiduccios Namen herausfinden sollten. Und fast war er ungehalten über die Großzügigkeit des Knaben, der mit der halben Lira, die ihm die Mutter allsonntäglich gab, zehn Lose hätte kaufen können und sich stattdessen mit einem einzigen begnügt hatte, um den anderen Knaben gegenüber nicht im Vorteil zu sein, für die er selbst noch mit den restlichen neun Soldi Lose erworben hatte. Und wer vermochte zu sagen, ob die kleine Madonnenstatue, wenn sie so feierlich in Grelis Haus Einzug hielte, nicht die Macht haben würde, die ganze Familie mit der Kirche zu versöhnen!Also versuchte der Teufel den Benefiziaten Fiorìca. Aber er tat noch ein Übriges. Als der letzte Maiensonntag gekommen war und mit ihm der feierliche Augenblick der Ziehung, schlich er sich, als er ihn zum Altar hinaufschreiten sah, auf der neben der gläsernen Urne mit den Losen die kleine wächserne Madonna stand, hinter ihn und, jawohl, meine Herrschaften, blies ihm ein, den Namen Guiduccio Greli vom herausgezogenen Los abzulesen. Beim Beifallssturm aller Gläubigen wurde Guiduccio jedoch zunächst glühendrot, dann plötzlich bleich, runzelte die Brauen über seinen großen, umschatteten Augen, wurde von einem krampfhaften Zittern gepackt, verbarg sein Gesicht in den Armen, entschlüpfte den ihn umdrängenden Frauen, die ihn zum Glückwunsch küssen wollten, floh aus der Kirche und floh immer weiter, bis er zu Hause Zuflucht fand, wo er sich in die Arme seiner Mutter warf und in leidenschaftliche Tränen ausbrach. Kurz danach, als er von der Gasse her den Trommelwirbel vernahm und den Chorgesang der Gläubigen, die ihm die kleine Madonnenstatue ins Haus brachten, stampfte er mit den Füßen, wand sich in den Armen der Mutter und der Schwestern und rief:'Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr! Ich will sie nicht! Schickt sie fort! Es ist nicht wahr! Ich will sie nicht!' Folgendes war geschehen: Von den zehn Soldi, die seine Mutter ihm am Sonntag zu geben pflegte, hatte Guiduccio wie gewohnt schon neun den armen Jungen des Pfarrsprengels gegeben, damit auch sie an der Verlosung teilnehmen könnten; als er dann mit dem letzten armseligen Soldo, der ihm geblieben, zur Sakristei ging, trat ein ganz zerzauster und barfüßiger kleiner Junge auf ihn zu, der, seit drei Wochen krank, nicht am Fest und an den vorangegangenen Auslosungen der Madonnenstatue hatte teilnehmen können, und wie der Guiduccio mit seinem letzten Soldo in der Hand kommen sah, fragte er, ob der nicht für ihn wäre. Und Guiduccio gab ihn her.Schon gar viele Male hatte Signor Greli daheim im Scherz seinen Sohn ermahnt:'Pass ja auf, Duccio! Ich seh’ dich schon mit der Tonsur! Duccio, pass auf: Dein Pfaff will dich doch nur ködern!' Und in der Tat, warum erhielt er die kleine Madonna, wo doch an diesem letzten Sonntag kein Los seinen Namen getragen hatte?Um den Gemütsaufruhr ihres Sohnes zu beschwichtigen, gebot Signora Greli, die kleine Madonna augenblicklich in die Kirche zurückzuschicken; und von Stund an bekam Benefiziat Fiorìca den Guiduccio Greli nicht mehr zu Gesicht.

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