Töchter der Küste

Töchter der Küste

by Lynn Austin

NOOK Book1., Auflage (eBook - 1., Auflage)

$15.25

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Overview

Niederlande 1845: Geesje ist 15, als ein Stein im Schau- fenster ihres Vaters ihre Kindheit zerstört. Wegen ihres lebendigen Glaubens werden sie fortan immer wieder angegriffen und schikaniert. Schließlich sehen ihre Eltern keinen anderen Ausweg, als nach Amerika auszuwandern. Doch Geesje ist alles andere als begeistert. Zumal sie den Mann, den sie liebt, in den Niederlanden zurücklassen muss. Wird sie ihn jemals wiedersehen? Gut 50 Jahre später erinnert Geesje sich zurück. Sie ahnt nicht, dass unweit von ihr die junge Anna vor ähnlichen Entscheidungen steht, wie sie sie einst treffen musste. Vor allem aber ahnt sie nicht, dass ausgerechnet diese junge Frau ihrem Herzen endlich Frieden schenken könnte.

Product Details

ISBN-13: 9783868277746
Publisher: Verlag der Francke-Buchhandlung
Publication date: 01/01/2016
Sold by: CIANDO
Format: NOOK Book
Pages: 398
File size: 846 KB

About the Author

Lynn Austin ist verheiratet, hat drei erwachsene Kidner und lebt in Holland, Michigan. Ihre zahlreichen Romane sind allesamt Bestseller und mit unzähligen Preisen ausgezeichnet worden. In Deutschland gilt sie als die beliebteste christliche Romanautorin.

Read an Excerpt

1. Kapitel Anna Lake Michigan 1897 Ich durchlebe gerade meinen Albtraum. Ein heftiges Unwetter hat unser Dampfschiff eingeholt, und nachdem wir eben noch auf dem Kamm einer Welle hinaufgetragen wurden, stürzen wir nun so heftig in einen Wassergraben, dass mir schlecht wird und ich mir sicher bin, dass wir untergehen werden. Alles ist genauso wie in meinem Albtraum – dem Traum, der mich im Schlaf verfolgt, solange ich denken kann. Mutter und ich kauern auf dem Passagierdeck, während der Wind den Regen und die Wellen gegen die Fenster schleudert. Donner grollt und dröhnt wie Fässer voller Kanonenkugeln, die bergab rollen. Wann immer Blitzdolche den dunklen Horizont zerschneiden, schließe ich hastig die Augen. Bei dem brüllenden Wind kann ich kaum mein eigenes Wimmern hören oder Mutters Stimme, die mich zu trösten versucht. „Schhh … nicht weinen, Anna.“ Mit meinen dreiundzwanzig Jahren bin ich eine erwachsene Frau, aber sie versucht trotzdem, meine Ängste genauso zu beschwichtigen, wie sie es getan hat, als ich ein Kind war. Damals bin ich in der Nacht von dem Albtraum aufgewacht und habe vor Schrecken geschrien, während ich zitterte, als würde das eiskalte Wasser mich bei lebendigem Leibe verschlingen. Aber diesmal träume ich nicht. Wir sind an Bord eines Schiffes, das City of Holland heißt und sich in einem schrecklichen Unwetter abmüht, den Lake Michigan zu überqueren. Die Kessel hämmern und pochen unter meinen Füßen wie ein drängender Herzschlag, der mein eigenes Herz nachzuahmen scheint. Von dem wilden Hin- und Herwerfen des Schiffes, das auf dem See wie ein Spielzeug tanzt, ist mir ganz schwindelig. Ich hätte nie einwilligen sollen, mit einem Dampfschiff zu reisen, doch ich hatte es derart eilig, Chicago zu verlassen, dass ich das Transportmittel wählte, das mir am schnellsten und direktesten erschien. Ein tragischer Fehler. Wie hatte ich nur den Albtraum vergessen können, der mich in meiner Kindheit so quälte? Ich werde sterben, aber ich will nicht. „Schhh … nicht weinen, Anna“, sagt meine Mutter besänftigend. „Ich bin ja hier.“ Aber mein Vater ist zu Hause in Chicago und in dieser Hinsicht unterscheidet sich dieser echte Albtraum von dem Traum, den ich all die Jahre hatte. Deshalb weiß ich, dass Mutter und ich sterben werden. In meinem Traum verlassen Mama und ich das sinkende Schiff mit den anderen Passagieren und klettern in ein überfülltes Rettungsboot. Plötzlich schlägt eine riesige Welle über uns zusammen, wirft das Rettungsboot um und schleudert uns in das eisige Wasser. Der Schock raubt mir den Atem. Meine Haut kribbelt und brennt, als stünde sie in Flammen. Wir sinken unter die Wasseroberfläche, während wir uns aneinanderklammern, aber Mamas schwere Röcke und Unterröcke ziehen uns hinunter. Ich kann nichts sehen, kann nicht atmen. Sie strampelt und versucht mit aller Kraft, an die Oberfläche zu gelangen, und als uns das endlich gelingt, schreien und rufen überall um uns herum Menschen um Hilfe. Die Weite des Sees dämpft den Klang. Ich sehe Vater, wie er unweit von uns im Wasser auf der Stelle tritt, und sie fleht: „Bitte! Meine Tochter! Bitte retten Sie meine Tochter!“ Ich will Mama nicht loslassen, aber Vater zieht mich in seine starken Arme und hält meinen Kopf über die peitschenden Wellen. Als ich mich umdrehe, ist Mama verschwunden. Über dem turbulenten Wasser ist nur noch ihre Hand zu sehen, als winkte sie zum Abschied. Vater will die Hand erfassen, aber er ist zu spät. Mama ist fort, verschlungen von dem aufgewühlten schwarzen Meer. Ich schreie immer auf, wenn ich aus dem Traum erwache, aber aus diesem Albtraum gibt es kein Erwachen. Ich umklammere meine Mutter so fest, dass sie keucht: „Nicht so fest, Anna. Ich bekomme keine Luft!“ „Diesmal ist Vater nicht hier, um uns zu retten. Wir werden untergehen und ich will nicht sterben!“ „Wir gehen nicht unter, mein Schatz.“ Ich bin nicht davon überzeugt. Ich erinnere mich an den allerletzten Gottesdienst, den ich in der Kirche in der Chicago Avenue besucht habe, und mit einem Mal erscheint mir das Thema der Predigt prophetisch. Der Pastor beschrieb ein plötzliches Unwetter wie dieses hier, nur auf dem See Genezareth, und er schilderte die Szene so lebendig wie in meinem Albtraum. Jesus schlief im Boot und seine Freunde weckten ihn, weil sie Angst hatten, mit dem Boot zu sinken. Jesus rief: „Schweig und verstumme!“, und sofort ließen Wind und Wellen nach. Sie waren gerettet. „Jesus kann auch die Stürme deines Lebens beruhigen“, hatte der Pastor gesagt. Dann hatte er gefragt: „Hast du Jesus als deinen Heiland angenommen? Ist er an deiner Seite, wenn du durch die stürmische See deines Lebens segelst? Wenn du morgen sterben müsstest, würdest du dann in den Himmel kommen?“ Nach seiner Einladung wäre ich am liebsten zusammen mit den anderen nach vorne gegangen, aber ich hatte Angst. Jetzt bin ich wegen dieser Predigt an Bord dieses Schiffes, mitten in einem heftigen Unwetter. William hatte mir verboten, noch einmal in die Kirche in der Chicago Avenue zu gehen, und als er herausfand, dass ich mich ihm widersetzt hatte, löste er unsere Verlobung. Ich habe Chicago verlassen, um meinem gebrochenen Herzen die Chance zu geben zu heilen. Zusammen mit meiner Mutter wollte ich zu einem Ferienort auf der anderen Seite des Lake Michigan fahren. Jetzt scheint es, als würden wir nie dort ankommen. Noch ein Donnerschlag ertönt und er klingt weiter entfernt. „Alles wird gut, Anna“, sagt Mutter. Ich frage mich, ob sie von der Reise spricht oder von meinem Herzen. Vielleicht von beidem. „Mach die Augen auf und sieh selbst.“ Sie löst sich aus meiner Umklammerung und ich hebe den Kopf, den ich in ihrer Bluse vergraben hatte. „Siehst du, mein Schatz? Der Sturm zieht vorüber. Dort drüben ist der Himmel schon heller. Nicht mehr lange, dann sind wir da.“ Aber das Ufer ist noch immer nicht zu sehen und der vom Wind aufgewühlte See brodelt weiter und verheißt eine stürmische Fahrt zum Hotel Ottawa, das am Ufer des Lake Michigan steht. „Es ähnelt meinem Albtraum so sehr, Mutter. Weißt du noch? Erinnerst du dich daran, wie ich nachts immer schreiend aufgewacht bin? Ich habe schon sehr, sehr lange nicht mehr geträumt, dass ich ertrinke, aber durch diesen Sturm kommt alles wieder hoch. Der Traum hat sich immer so echt angefühlt!“ „Du hast es im Augenblick nicht leicht. Da ist es ganz natürlich, dass du aufgewühlt bist.“ Ich habe William geliebt und gedacht, er liebte mich auch, aber er hat mir das Herz gebrochen, indem er unsere Verlobung gelöst hat. Ich presse die Faust auf mein Herz und spüre, dass es schlägt wie das Herz eines verletzten Vogels. „Es tut immer noch weh“, sage ich. „Ich weiß, mein Schatz … ich weiß.“ Aber meine Mutter kennt nicht den wahren Grund, warum William mich nicht mehr heiraten will. Es hat etwas mit Religion im Allgemeinen zu tun – und mit der Kirche an der Ecke Chicago Avenue und LaSalle Street im Besonderen. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich nichts mehr von diesem Ort hören will, Anna“, hatte er geschrien. Noch nie zuvor hatte ich erlebt, dass William die Stimme erhob. „Ich habe gesagt, du sollst nicht mehr dorthin gehen. Es macht dich verrückt. Ich habe dir verboten hinzugehen und du hast dich mir widersetzt!“ William glaubt, wie meine Eltern, dass Kirchen Orte sind, an denen man heiratet und begraben wird und die eine vornehme Chicagoer Familie an Weihnachten und Ostern und zu anderen besonderen Anlässen besucht. Er sagte, ein schamloses Zeigen von Gefühlen, wie es bei Mr Moodys Evangelisationen und in der Kirche in der Chicago Avenue üblich sei, sei etwas für die unwissende Einwanderermenge und nicht für gebildete Menschen wie uns. Aber irgendetwas hat mich wieder dorthin gezogen, selbst nachdem William es mir verboten hatte. Die Kirche erschien mir wunderbar vertraut und die Worte des Pastors berührten einen tiefen, leeren Ort in meiner Seele – den Teil, der sich anfühlt wie die Fotografien von Chicago nach dem Großen Brand, auf denen kilometerweit nichts als verkohlte Mauerreste und leblose, von Trümmern bedeckte Straßen zu sehen sind. Als ich versuchte, William zu erklären, wie ich mich gefühlt hatte und warum ich zurückgegangen war, löste er unsere Verlobung. „Ich kann nicht zulassen, dass meine Frau, die Mutter meiner Kinder, einem solchen Unsinn verfällt.“ Ich frage mich, ob er um mich trauern wird, wenn er erfährt, dass dieses Schiff untergegangen ist und ich ertrunken bin. Das Dampfschiff wiegt sich immer weiter. Die Sicht durch die Fenster ist aufgrund des Regens verschwommen, außerdem sind die Scheiben von unserem Atem von innen beschlagen. Ich spüre immer noch, wie wir zu den Wellenkämmen aufsteigen und dann auf der anderen Seite wieder hinabgleiten. Wenn Jesus mit mir an Bord wäre, könnte er dann wirklich rufen: „Schweig und verstumme!“, und damit den Sturm stillen? William glaubt nicht an Wunder. Als mein Vater erfuhr, dass William unsere Verlobung gelöst hat, war er schockiert. Er war es ja gewesen, der mich mit William zusammengebracht hatte, und er fürchtet nun, ich würde meinen guten Ruf verlieren, wenn die anderen Mitglieder unserer gesellschaftlichen Kreise davon erfahren und Gerüchte die Runde machen. „Ich werde mit William reden“, hat er versprochen. „Mal sehen, was ich tun kann, um die Wogen zu glätten.“ Will ich, dass William mich zurücknimmt? Ich glaube, ja. Ich glaube, ich liebe ihn immer noch. Stunden scheinen zu verstreichen, bis ich einen der Passagiere sagen höre: „Ich sehe die Lichter des Hafens!“ Mutter zieht ihr Spitzentaschentuch aus dem Ärmel und wischt über das beschlagene Fenster, aber ich sehe nichts. Und selbst wenn wir tatsächlich in der Nähe des Hafens sein sollten, könnte unser Schiff immer noch auf Grund laufen. Das geschieht in meinem Albtraum. Deshalb müssen Mama und ich in meinem Traum das Schiff verlassen und in ein Rettungsboot klettern. „Wir können immer noch auf Grund laufen.“ Mir wird erst bewusst, dass ich den Gedanken laut ausgesprochen habe, als Mutter ihre behandschuhten Finger auf meine Lippen legt und sagt: „Still, Anna.“ „Das ist der Hafen“, sagt derselbe Mitreisende. „Ich erkenne den Leuchtturm.“ Ein paar Leute stehen auf, um selbst nachzusehen, und stürzen auf dem wackeligen Deck beinahe. Es scheint Jahre zu dauern, bis wir näher herankommen. Als ich endlich die Einfahrt zum Kanal sehe, der vom Lake Michigan in den kleineren See führt, wirkt die Öffnung viel zu eng. Wie kann der Kapitän den Steinpieren auf beiden Seiten ausweichen, obwohl die Wellen über ihnen zusammenschlagen? Irgendwie gelingt es ihm. Wir fahren durch den Kanal in den Black Lake, der auch nicht ruhiger ist als der Lake Michigan, und ich sehe die ersten Lichter des Ferienortes in der Dunkelheit aufleuchten. Die dunkle Silhouette der dahinterliegenden Sanddüne wird von entfernten Blitzen erhellt. Weitere Lichter offenbaren eine Reihe Bauernhäuser und auch die Hotels am gegenüberliegenden Strand des schmalen Binnensees sind erleuchtet. Irgendwann höre ich Männer draußen an Deck rufen; sie manövrieren das Schiff neben dem Anleger des Hotels Ottawa an seinen Platz. Gepäckträger eilen mit Regenschirmen herbei, um den Passagieren beim Von-Bord-Gehen behilflich zu sein. Ich stehe auf, weil ich das Schiff so schnell wie möglich verlassen will, obwohl ich mir ganz und gar nicht sicher bin, dass meine zitternden Knie mich tragen werden. Die Deckarbeiter müssen mich um die Taille fassen, um mich sicher vom Schiff zu befördern, das im bewegten Wasser auf und ab hüpft. Dass Fremde mich so berühren, ist mir ein Gräuel. „So, Miss“, sagt einer der Männer, als meine Füße festen Boden berühren. Meine Knie geben nach und ich drohe zu fallen, doch er fängt mich gerade noch rechtzeitig wieder auf. „Hoppla! Alles in Ordnung, Miss?“ „Ja, danke.“ Ich stoße seine Hände fort. Mutter und ich drängen uns gemeinsam unter einen Regenschirm. Der Boden unter unseren Füßen bewegt sich, als wir den hölzernen Steg zum Eingang hinaufgehen. In der Hotellobby sinke ich auf den erstbesten Stuhl und warte, während Mutter sich um unsere Zimmerschlüssel kümmert. Es wird mit Sicherheit sehr merkwürdig, ohne unsere Zofe hier zu sein. Mutter wollte Sophia eigentlich mitnehmen, aber ich habe darauf bestanden, dass ich ganz allein sein möchte. Wir werden Freizeitkleidung tragen, während wir hier sind, befreit von unseren Korsetts und Verpflichtungen, sodass niemand uns die Kleider herauslegen oder die Haare kunstvoll hochstecken muss. Noch habe ich keine Ahnung, was ich den ganzen Tag mit mir anfangen soll oder wie lange mein Herz zum Heilen braucht. „Der Gepäckträger wird uns unsere Zimmer zeigen“, sagt Mutter, als sie mit ihm und unseren Schlüsseln zurückkehrt. „In der nächsten Stunde wird noch Abendessen serviert.“ „Mir ist zu schlecht zum Essen“, erkläre ich ihr. „Ich möchte mich nur umziehen und ausruhen.“ Unsere Zimmer, die nebeneinanderliegen, sind in dem ursprünglichen Hotelgebäude und nicht in dem Anbau. Sie sind klein, aber hübsch, und meines bietet eine Aussicht auf den Black Lake und die City of Holland, die noch am Dock liegt. Sie ist im Sturm nicht untergegangen; Mutter und ich sind nicht im Lake Michigan ertrunken. Aber als ich das tanzende Schiff und die weißen Gischtkronen der Wellen sehe, schwöre ich mir insgeheim, mit dem Zug nach Chicago zurückzufahren, wenn es Zeit ist abzureisen. Solange ich lebe, werde ich kein Schiff mehr besteigen.

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