Wie du es versprochen hast: Ein Mainz-Krimi

Wie du es versprochen hast: Ein Mainz-Krimi

by Antonia Richter

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Overview

Mord in Mainz! Die junge Tuulia Hollinder ist eine der besten Ermittlerinnen der Mainzer Mordkommission. Gerade hat sie mit ihren Kollegen ihren neuen Chef willkommen geheißen, da wird sie auch schon gemeinsam mit ihm zu einem Tatort gerufen. Auf den Stufen eines verschlossenen Vorlesungssaals der Johannes Gutenberg-Universität wurde die Leiche der Psychologie-Doktorandin Penelope Sander gefunden. Die Polizisten entdecken keinerlei Spuren von äußerer Gewalteinwirkung und tappen im Dunkeln. Dann stirbt ein weiterer Akademiker, und dessen Mord gibt den Ermittlern neue Rätsel auf. Buchstäblich in letzter Minute erkennt Tuulia Hollinder, dass sich hinter dem Fall viel mehr verbirgt, als sie zunächst angenommen hatten …

Product Details

ISBN-13: 9783958191181
Publisher: Midnight
Publication date: 06/05/2017
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 372
File size: 2 MB

About the Author

Sandra P. Meuer, geboren 1976 in Wiesbaden, lebt mit ihrem Mann, ihren Fischen und drei Besuchskatzen in Rheinland-Pfalz. Die promovierte Psychologin und Verlagskauffrau schreibt unter dem Pseudonym Antonia Richter Geschichten, in denen Sie die Abgründe hinter dem scheinbar Normalen enttarnt. Die Ideen dafür sammelt sie bei langen Spaziergängen im Grünen, kurz vor dem Einschlafen oder wann immer sie sonst entspannt.

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Wie du es versprochen hast

Ein Mainz-Krimi


By Antonia Richter

Midnight

Copyright © 2017 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
All rights reserved.
ISBN: 978-3-95819-118-1


CHAPTER 1

Woche 1

Freitag,15. August 2014

»Na, hören Sie mal!« Das warme Lachen, das diesen Ausruf begleitete, strafte die vermeintlich empörten Worte Lügen.

Tuulia Hollinder, die sich gerade zwischen Topfpflanzen und Schnittblumen zurechtzufinden versuchte, hob verwundert den Kopf. Zwischen zwei Hortensienbüschen sah sie nun unmittelbar in das vor Lebensfreude und sommerlichen Temperaturen gerötete Gesicht der Blumenverkäuferin.

»Äh, ja?«

»Na, nu gucken Sie mal nicht so verschreckt. Ich wundere mich ja nur ... Hat eine so hübsche junge Frau denn keinen Kavalier, der ihr Blumen schenkt?« Jetzt zwinkerte sie Tuulia zwischen Lachfältchen und unter hochgezogenen Brauen verschwörerisch zu.

Damit hatte sie den Nagel leider auf den Kopf getroffen. Gerade an diesem Morgen hatte Tuulia wieder einmal an Tom denken müssen. Und wie so oft in den vergangenen anderthalb Jahren hatte das nicht eben zur Stimmungsaufhellung beigetragen. Über den außerplanmäßigen Botengang, den sie heute übernommen hatte, war sie daher eigentlich ganz froh.

»Ähm ...«, Tuulia räusperte sich, unsicher, was sie entgegnen sollte. Smalltalk zählte nicht zu ihren Stärken. Dieser lockere Austausch freundlicher Belanglosigkeiten, gewürzt mit wohl platziertem kokettem Lachen hier und da, ging ihr einfach nicht so selbstverständlich über die Lippen, wie sie das bei vielen anderen beobachtete. Zu allem Überfluss merkte sie, dass sie jetzt auch noch rot wurde.

Die gutgelaunte Blumenfrau erkannte ihre missliche Lage und überbrückte die kurze Pause mit einem herzlichen, ausgiebigen Lachen. »Na, was soll's. Selbst ist die Frau, sag ich immer! Kann ich Ihnen denn sonst irgendwie helfen?« In ihrem fröhlichen Eifer meinte Tuulia das junge Mädchen aufblitzen zu sehen, das die grobschlächtige Blumenverkäuferin einmal gewesen sein musste.

»Ja, gerne«, Tuulia lächelte sie an und straffte sich. Sie hasste es, wenn Menschen sie aufgrund ihrer Zurückhaltung für schüchtern hielten. Schlimmer noch, wenn sie ihr aufmunternd zunickten, was ihr selbst mit ihren 24 Jahren mitunter passierte. Wenn solche Menschen zufällig mitbekamen, was sie beruflich machte, erntete sie in der Regel ungläubiges Erstaunen.

»Wären Sie so freundlich, mir einen großen bunten Sommerstrauß zusammenzustellen? Ich habe leider keinen grünen Daumen. Was eignet sich denn da gut?« Erleichtert registrierte Tuulia, dass ihre Stimme ruhig und sicher klang.

»Na, da werden wir schon was Schönes finden.« Die Blumenverkäuferin strahlte und lief zielstrebig zwischen den verschiedenen Pflanzenkübeln hin und her. Binnen kurzer Zeit hatte sie eine Auswahl aus Löwenmäulchen, Rittersporn, Glockenblumen und Wicken zusammengestellt und streckte sie Tuulia, locker arrangiert, entgegen. »Sehen Sie mal, wie wäre das?« »Prima. Sehr schön.« Tuulia nickte ihr freundlich zu. Schnittblumen hatte sie eigentlich noch nie gemocht. Sie konnte sich nicht dagegen verwehren, aufgrund des allzu absehbaren, baldigen Endes der Blumen eine Art von Mitleid zu empfinden, das die Freude an der kurzweiligen bunten Pracht immer überschattete. Sie unterdrückte ein Seufzen.

Ausgerechnet sie war von ihren Kollegen gebeten worden, einen Begrüßungsstrauß für den neuen Chef zu besorgen, grüner Daumen hin oder her. Aus unerfindlichen Gründen schienen die jüngsten Mitarbeiter für Botengänge jedweder Art besonders prädestiniert zu sein. Das war auch bei der Polizei nicht anders. Auch nicht in der Mordkommission.

Die Blumenverkäuferin hatte nun begonnen, mit geschickten Handgriffen, denen die jahrelange Übung anzusehen war, die Blumen zu binden. Binnen bemerkenswert kurzer Zeit war sie damit fertig, hielt kurz inne und flocht schließlich noch etwas Zierlauch ein. Tuulia gab sich Mühe, ihre Arbeit angemessen zu loben, und trat wenig später mit dem großen Strauß in den Sonnenschein hinaus.

Es war ein heißer Sommer, der keinerlei Anzeichen machte, kühleren Temperaturen zu weichen. Seit Wochen ächzte Mainz unter der Hitze, auch die Nächte boten kaum Erholung, und Tuulia dachte sehnsüchtig an die schwedischen Sommer ihrer Kindheit.

Vor dem gegenübergelegenen Theater schien die Sonne, trotz der frühen Tageszeit, bereits grell auf die ausgetretenen, breiten Stufen. Noch war hier nichts los. Später würde sich der Platz, wie jeden Tag, mit Studenten und Touristen füllen. Für andere bildete das »Höfchen« um Theater und Dom die Kulisse für ihre letzte Mittagspause vor dem ersehnten Wochenende.

Auch Tuulia freute sich auf zwei freie Tage. In diesem Moment jedoch war sie vor allem gespannt auf ihren neuen Chef. Sie wusste, wie wichtig es gerade während laufender Ermittlungen war, dass man einigermaßen gut miteinander auskam. Selbst dann noch, wenn die Nerven nach mehreren Nächten mit wenig bis keinem Schlaf blanklagen.

Es war jetzt kurz vor halb neun, und Tuulia lief den kurzen Weg vom Höfchen zur Ermittlungszentrale in der Altstadt zu Fuß. Bald bog sie ins Weibergässchen ein und sah im gleichen Moment den kurzen dunklen Lockenschopf ihres Kollegen Tobias Scherer am entgegengesetzten Ende der Straße. Bis zu ihrem gemeinsamen Ziel auf halber Höhe des Weibergässchens liefen sie aufeinander zu, und Tuulia bemühte sich, ihn weder zu ignorieren noch anzustarren.

Eigentlich kam sie mit allen in der Mordkommission gut aus, einzig zu Tobias, der mit seinen 30 Jahren nur wenig älter als sie war, war das Verhältnis eher kühl. Er war ein Einzelgänger, ein Einzelkämpfer, wenn man sie fragte, und eckte in der Gruppe immer wieder an. Dass er sich Chancen auf die Nachfolge von Ernst Seebach, ihrem alten Chef, ausgerechnet hatte, war ein offenes Geheimnis. Entsprechend schlecht war seine Laune in der letzten Zeit gewesen, und das ganze Thema hatte immer wieder Zündstoff geboten.

»Hallo ...« Tuulia erreichte den Eingang der Ermittlungszentrale als Erste. Sie nickte Tobias freundlich zu und mühte sich währenddessen sichtlich damit ab, den Zugangs-Chip, der ihnen als Türöffner diente, aus ihrer Tasche zu fischen. Der Blumenstrauß neigte sich dabei bedenklich zur Seite, schließlich gelang es ihr aber, unfallfrei die Tür zu öffnen.

Ihr Kollege hatte indes keinerlei Anstalten gemacht, ihr zu helfen. »Guten Morgen, Tuulia«, sagte er. Mit einem Lächeln, das die Augen nicht erreichte.


* * *

Ersten Malen stand Lorenz Wagner, solange er denken konnte, mit gemischten Gefühlen gegenüber. Der Gedanke, sich in eine neue Situation zu begeben, von der klar war, dass sie sein Leben fortan entscheidend mitbestimmen würde, löste in ihm immer noch ein Durcheinander von Nervosität und Neugier, Sorge und Tatendrang aus. Denn wie der Protagonist seines Lieblingsfilms wusste, war das Leben wie eine Pralinenschachtel. Man wusste nie, was man bekam.

Wenn Lorenz zurückdachte, war das Schicksal ihm in der Vergangenheit überwiegend wohlgesonnen gewesen. Die meisten Pralinen hatte er genossen, und er würde jederzeit wieder zugreifen. Heute stand er abermals vor der Pralinenschachtel. Zuversichtlich und voller Vorfreude. Ihm war bewusst, dass er mit dem heutigen Tag einen wichtigen und großen Schritt auf der Karriereleiter machte.

Was für ihn zählte, war dabei jedoch in erster Linie, dass er ein ganz persönliches Ziel erreichte: Schon seit mehreren Jahren hatte die Ermittlungsgruppe im Weibergässchen ganz oben auf seiner Wunschliste gestanden. Nach der Beförderung zum Hauptkommissar im Dezernat für Todes- und Vermisstenermittlungen hatte er seine Chancen, in die vor knapp zehn Jahren ins Leben gerufene Sondereinheit junger und erfahrener Ermittler aufgenommen zu werden, schwinden sehen. Unerwartet hatte man ihm nun, nach der Pensionierung des bisherigen Leiters der Gruppe, dessen Position angeboten. Er hatte nicht lange überlegen müssen und die Stelle mit großer Freude angenommen. Und nun war es also so weit, heute ging es los.

Aber nicht nur beruflich, auch privat konnte er sich glücklich schätzen. Vor einem guten halben Jahr hatten seine Frau Annette und er eine gesunde und kräftige Tochter bekommen, und sie liebten es, wie sie ihr Leben ganz neu sortierte. Die kleine Mira ließ sie das Leben nach völlig anderen Gesichtspunkten bewerten, und nicht zuletzt hatte sie seine Erste-Male-Bilanz deutlich auf die positive Seite gezogen. Lorenz wusste schon längst nicht mehr, wie ein Leben ohne sie Annette und ihn hatte ausfüllen können.

All diese Dinge gingen dem frischberufenen Leiter der Mainzer MoKo auf dem Weg zu seinem neuen Wirkungsort in der Mainzer Altstadt durch den Kopf. An der Ermittlungszentrale im Weibergässchen angekommen, hielt er kurz inne und betrachtete das schwere historische Mauerwerk. Für die Geschichte der Domstadt hatte er sich schon als Junge interessiert, und so ganz hatte ihn diese Faszination nie losgelassen. Angesichts der beeindruckenden Bauwerke der historischen Altstadt fiel es nicht schwer, sich das Leben in der Stadt vor einigen hundert Jahren vorzustellen.

Beeindruckt und ein wenig stolz betrat er das Gebäude durch eine hohe, eisenbeschlagene Doppeltür aus schwerem, dunklem Holz und fand sich nach wenigen Schritten vor einer modernen Sicherheitsglastür mit intelligentem Schließ- und Identifikationssystem wieder. Der für den Zutritt erforderliche ID-Träger, praktischerweise integriert in einen Schlüsselanhänger, war ihm bereits vor einigen Tagen ausgehändigt worden. Unmittelbar nach seinem Eintreten fühlte Lorenz sich der Geschichte wieder ein wenig näher: Eingangsbereich und Treppenhaus schienen den Sommer auszusperren, die Luft roch ein wenig modrig, staubig, nach Stein und Holz, und die kühlen Mauern vermittelten eine Ernsthaftigkeit, die dem neuzeitlichen Verwendungszweck des Hauses durchaus angemessen erschien.

Auf dieser Ebene des Gebäudes, entnahm Lorenz einer Raumtafel, befanden sich mehrere Verhörräume, daneben war der neuere Teil des Archivs hier untergebracht. Im Untergeschoss gab es, unter anderem, drei kleinere Zellen. Er vermutete, dass sie der kurzfristigen Verwahrung von Delinquenten bis zu ihrer Überführung dienten. In der Hauptsache war unten jedoch das Archiv angelegt worden. Die Räumlichkeiten der Ermittlungsbeamten befanden sich hingegen im ersten Stock. Dorthin führte eine Holztreppe mit breiten, ausgetretenen Stufen, an deren Seiten ein eisernes Schmuckgeländer verlief.


* * *

»Ich fasse es nicht! Was ist denn hier los?!«

Erschrocken und ein wenig betreten sahen die Ermittler der Mainzer Mordkommission im Weibergässchen einander an, bevor Cornelius von Hohenlohe, der Sekretär des Reviers, die Situation auf seine unverwechselbar unkomplizierte Art löste: Er brach in prustendes Gelächter aus.

Als er seinen rotgesichtigen, schnaufenden und definitiv nicht annähernd so amüsierten Kollegen Gottfried Zimmer erblickte, befeuerte das seine Heiterkeit erst recht. Nur mühsam gelang es ihm, sein Lachen auf das Level eines leise jammernden Quiekens zu reduzieren.

Die anderen, bemüht, es Conny nicht gleichzutun, versuchten die Situation zu retten. »Ähm, wir dachten, wir bereiten dem neuen Chef einen schönen Empfang«, begann Tuulia unerschrocken.

»Ich hab's euch ja gesagt, wie albern kann ...«, stichelte Tobias vergeblich.

»Genau«, fiel Kathrin Löwe ihm ins Wort. »Wenigstens am ersten Tag werden wir uns wohl mal zusammenreißen können.« Der Blick, mit dem sie Tobias bedachte, sprühte Funken, und sie ging dazu über, ihn demonstrativ zu ignorieren.

Gottfried war nun angekommen und sah nicht nur in die unsicher grinsenden Gesichter seiner Kollegen, sondern erhaschte zudem gerade noch einen Blick auf einen riesigen Blumenstrauß, den Tuulia in diesem Moment diskret zur Seite räumte. Doch damit nicht genug, offenbar war zu diesem besonderen Anlass auch noch Kuchen gebacken und alkoholfreier Sekt bereitgestellt worden. Wenn man ihn fragte, fehlte nicht mehr viel zum perfekten Kindergeburtstag. Selbstverständlich kam niemand auf die kühne Idee, sich nach seiner Meinung zu erkundigen.

»Wir haben uns schon Gedanken gemacht«, wandte sich Kathrin jetzt an den Kollegen. »Alles o.k. bei dir?« Gottfried verkörperte das Urgestein in der Ermittlungsgruppe. Er und Kathrin waren am längsten dabei und hatten über die Jahre einen fast schon unkomplizierten Umgang miteinander gefunden. »Klar«, brummte er jetzt. »Ist spät geworden gestern, als ihr schon alle gegangen wart.« Die Kollegin nickte nur. Sie empfand ein gewisses Mitgefühl mit ihm, das sie vor den anderen nicht offen zeigte. Weil es nicht notwendig war. Sie wusste, dass Gottfried es erahnte. So gut hatten sie sich über die Jahre enger Zusammenarbeit kennen gelernt.

Am Vorabend hatte der langjährige Leiter der Ermittlungsgruppe, Ernst Seebach, seinen Ausstand gefeiert. Eine Premiere hierbei war, dass dieser Abschied außerhalb von Dienstzeit und Diensträumen zwanglos und gemütlich im Garten seines Hauses in Mainz-Gonsenheim stattgefunden hatte. Da erst hatten sie alle gespürt, dass ihr Chef jetzt wirklich im Begriff war, seinen Beruf, die ständige Einsatzbereitschaft für Recht und Sicherheit, hinter sich zu lassen.

»Ach ja ...«, Conny hatte sich inzwischen leidlich beruhigt, und seine Stimme klang wieder fest. Sehnsucht schwang in seinen Worten mit, als er fortfuhr: » ... der Chef macht es schon richtig.«

»Südfrankreich!«, murrte Gottfried. »Aber das muss er wissen.«

»Ach ja ...«, schwärmte Conny mitleidslos, » ... da lässt es sich schon aushalten.«

»Ich hatte zumindest nicht den Eindruck, dass ihm der Abschied besonders schwer fällt«, pflichtete ihm Lena Mai, Teamkollegin von Tobias, nachdenklich bei. »Jedenfalls was das Arbeitsleben betrifft. Wir werden ihm, glaube ich, schon ein wenig fehlen.«


* * * Als Lorenz die leise knarzenden Holzstufen emporstieg, verspürte er eine angenehme Aufregung. Meistens machte er seine Arbeit gerne und fühlte sich durch seinen nun erweiterten Kompetenzbereich zusätzlich motiviert. Auch auf seine neuen Mitarbeiter war er gespannt. Nach allem, was er über sie wusste, war die Ermittlungsgruppe aus Polizistinnen und Polizisten unterschiedlicher fachlicher Herkunft zusammengestellt, deren verschiedene Fähigkeiten eine besonders effektive Fallaufklärung versprachen.

Im ersten Stock angekommen, betrat er die Räumlichkeiten seiner neuen Wirkungsstätte und fand sich zunächst in einem großen Empfangsbereich wieder. In der Ecke links von ihm waren mit Ordnern und Broschüren bestückte Bücherregale arrangiert worden, davor rahmten zwei schwarze Ledersofas mit edelstählernen Armlehnen einen eleganten Couchtisch ein. Ein leise gluckernder Wasserspender rundete die Info-Ecke ab. Rechts vom Eingang befand sich eine Besuchergarderobe, außerdem waren hier Getränkekisten zu kleinen Türmen gestapelt worden.

Geradeaus sah Lorenz auf eine Anmeldetheke, die in diesem Moment jedoch nicht besetzt war. Auf dem zugehörigen Schreibtisch stand, neben typischen Büroutensilien wie Rechner und Drucker, ein TelefaxGerät, das seit einer Weile träge an einem Schriftstück zu kauen schien. Außerdem ein Telefon, das just in diesem Moment zu klingeln begann.

»Wäre ja auch ein Wunder!« Conny, der eben gerade Tuulia im Büro des neuen Chefs mit dem Blumenstrauß zur Hand hatte gehen wollen, rollte gespielt genervt mit den Augen, machte im Türrahmen kehrt und beeilte sich, wieder an seinen eigentlichen Platz zu kommen. So war er der Erste, der Lorenz im Vorbeisprinten, mit einem entschuldigenden Blick in Richtung des Telefons, kurz grüßend zunickte.

Tuulia, die, nachdem sie mit den Blumen fertiggeworden war, eben den Gang betrat, sah Lorenz und erkannte die Situation richtig. Auf dem Weg nach vorn klopfte sie diskret an die Zimmertüren ihrer Kollegen, und kurze Zeit später hatten sich alle am Empfang eingefunden, um den neuen Chef zu begrüßen.

Wie sich herausstellte, hatten Kathrin, Tobias und Tuulia Lorenz bereits einmal bei einer internen Informationsveranstaltung erlebt, wo er über seine Arbeit im Dezernat für Todes- und Vermisstenermittlungen referiert hatte. Dieser Vortrag lag allerdings schon einige Zeit zurück, und man hatte damals auch keine Möglichkeit zu einem persönlichen Austausch gehabt.

Die Stimmung war allgemein positiv und locker. Mit Ausnahme von Conny, der sich mit leichtem Bedauern hinter seinen Empfangstresen zurückzog, setzte sich die ganze Gruppe in Richtung von Lorenz' neuem Arbeitszimmer in Bewegung.

»Also«, ergriff Gottfried das Wort, »unsere Büros sind vom Eingang aus gesehen an der linken Gebäudeseite eingerichtet und verlaufen hier entlang der gesamten Längsseite.« Er machte eine ausgreifende Armbewegung.

»Ah ja«, erwiderte Lorenz freundlich, neigte den Kopf und warf einen Blick durch eine halboffen stehende Tür. Er erkannte, dass hier zwei Büros durch einen Durchgang verbunden waren. Große Sprossenfenster gaben den Blick auf die verwinkelten Gässchen nahe der Augustinergasse in der Mainzer Altstadt frei.

»Vorne«, Gottfried deutete zur Stirnseite, »also hinter Empfang und Materialraum, »befindet sich ein Durchgang zur rechten Gebäudeseite. Wir laufen vielleicht einfach mal hier entlang.« »Gerne«, Lorenz nickte und folgte dem älteren Kollegen. Auf dem Weg zurück zum Eingangsbereich passierten sie zunächst die Waschräume, eine vielseitig genutzte Vorratskammer und schließlich eine zweckmäßig eingerichtete Küche. Die Fenster auf dieser Seite wiesen auf einen weitläufigen Innenhof.


(Continues...)

Excerpted from Wie du es versprochen hast by Antonia Richter. Copyright © 2017 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin. Excerpted by permission of Midnight.
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