Winter ohne Vater - Noch lange kein Sommer

Winter ohne Vater - Noch lange kein Sommer

by Brigitte Birnbaum

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Overview

Unmöglich! Das kann nicht wahr sein! Alles in Christian Nemerow sträubt sich gegen diesen Gedanken. Es darf nicht wahr sein, dass Vati nie mehr kommt, dass er die Familie verlassen hat. Für ihn ist Vati der Beste. Deshalb will er auch bei ihm leben, nicht bei Mutti und Schwester Silke. Der Junge kämpft. Und dann kommt alles ganz anders. INHALT: Winter ohne Vater Noch lange kein Sommer LESEPROBE: Zu spät kam Christian nicht zur Schule. Allerdings fürchtet er jetzt, dass er nicht pünktlich sein wird. Die Hortnerin ließ ihn erst um fünfzehn Uhr weg. Vati hat um sechzehn Uhr Feierabend. In fünfzig Minuten also. Christian erinnert sich nicht mehr genau, wie lange er zu fahren hat. Nur, dass er umsteigen muss, weiß er. Er steht in der Straßenbahn, in eine Ecke gedrückt, seine Büchermappe zwischen den Füßen, schwitzt und bangt, bis zum Schichtschluss Vatis Betrieb nicht zu erreichen. Er genießt nicht die Fahrt wie sonst. Aufgeregt zählt er die Stationen. An der Freilichtbühne gelingt es ihm nur mit Mühe, sich aus der vollen Bahn herauszukämpfen und in den Bus hineinzuquetschen. Der IKARUS rollt über eine breite Betonstraße, schaukelt hinaus in winterlich ausgebleichte Wiesenlandschaft, und als er hält, steht er vor Vatis Betrieb. Christian wird hinausgeschoben. Seit dem Sommer ist er nicht mehr hier gewesen. Er verharrt, staunt. Mann, Mann, haben die was geschafft in den letzten Monaten, denkt er. Vor einem Jahr weideten hier noch Kühe. Stolz, als hätte er die neuen Werkhallen und die silbernen Kühltürme eigenhändig erbaut, schreitet er zum Pförtnerhaus und stellt sich daneben, weil hier alle vorbei müssen. Die Leute, die den Betrieb verlassen, haben es eiliger als jene, die eben mit Christian ankamen und hineingehen. Besonders die Frauen. Christian reckt sich auf die Zehenspitzen, dreht suchend den Kopf hin und her. Wo bleibt Vati? Zu übersehen ist Vati mit seinen 1,85 Metern nicht. Christian wippt von einem Bein aufs andere. Sollte Vati die Schicht gewechselt haben? Herr Montag müsste es wissen. Doch Herr Montag ist schon an Christian vorbei. Vergeblich suchen Christians Augen unter den Frauen das hübsche Fräulein Müller. Die würde mir helfen, Vati zu finden, denkt er. Die war im Sommer so nett zu mir. Benzindunst verbreitend, knattert vom betriebseigenen Parkplatz eine Kolonne Motorräder heran. Vor dem Pförtnerhaus stoppen sie ab. Ausweise werden vorgezeigt. Einer der Männer lenkt seine Maschine dicht an den Kantstein des Gehweges und ruft Christian zu:

Brigitte Birnbaum Geboren 1938 in Elbing/Westpr., 1945 Flucht über Berlin nach Mecklenburg, Abitur, Ausbildung als Apothekenhelferin, Studium am Institut für Literatur in Leipzig (Diplom), Antiquarbuchhändlerin. Seit 1968 freischaffende Schriftstellerin in Schwerin. Seit 1969 Mitglied im Schriftstellerverband der DDR, seit 1974 Mitglied im Bezirksvorstand, seit 1978 Mitglied im Vorstand des DSV. Nach seiner Auflösung Mitglied des VS/IG Medien, 2001 ausgetreten. Sie lebte von 1960 bis 2003 in Schwerin, seit 2003 in Hamburg, seit 2013 wieder in Schwerin. Auszeichnungen: 1977: Fritz-Reuter-Preis des Bezirkes Schwerin 1985: Kunstpreis der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft Bibliographie: Bert, der Einzelgänger, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1962 Reise in den August, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1967 Leute von Karvenbruch (Mitautorin am Szenarium), DFF 1968 Tigertod, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1969 Pawlucha, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1970 Nur ein Spaß, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1971 Der Hund mit dem Zeugnis, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1971 Wer ist Fräulein Papendiek?, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1972 Tintarolo. Ein Buch für Kinder über Käthe Kollwitz, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1975, Tallinn 1980, Berlin-West 1981 Winter ohne Vater, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1977 Ab morgen werd ich Künstler, Kinderbuch über Heinrich Zille, Berlin 1978, Tallinn 1987, Berlin-West 1986 Alexander in Zarskoje, Kinderbuch über Alexander Puschkin, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1980 Löwen an der Ufertreppe, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1981 Das Siebentagebuch, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1985 Kathusch, Jugendbuch über Käthe Kollwitz, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1986 Fragen Sie doch Melanie!, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1987 Von einem, der auszog, neue Eltern zu suchen, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1989 Der Maler aus der Ostbahnstraße, Jugendbuch über Hans und Lea Grundig, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1990 Das Schloss an der Nebel, Erzählung, Landesverlags- und Druckgesellschaft mbH Mecklenburg & Co. KG, Schwerin 1991 Spaziergänge durch Güstrow, Ein Stadtführer, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 1992 Welche Stadt hat schon 7 Seen? in: Kleine Bettlektüre für liebenswürdige Schweriner, Scherz Verlag, Berlin/München/Wien 1993 Wider die kleinen Mörder, Kiro-Verlag, Schwedt 1994 Fontane in Mecklenburg, Demmler Verlag, Schwerin 1994 Ernst Barlach. Annäherungen, Demmler Verlag, Schwerin 1996 Noch lange kein Sommer, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 1998

Product Details

ISBN-13: 9783863940676
Publisher: EDITION digital
Publication date: 01/01/2011
Sold by: CIANDO
Format: NOOK Book
Pages: 220
File size: 592 KB
Age Range: 8 - 18 Years

About the Author

Brigitte Birnbaum Geboren 1938 in Elbing/Westpr., 1945 Flucht über Berlin nach Mecklenburg, Abitur, Ausbildung als Apothekenhelferin, Studium am Institut für Literatur in Leipzig (Diplom), Antiquarbuchhändlerin. Seit 1968 freischaffende Schriftstellerin in Schwerin. Seit 1969 Mitglied im Schriftstellerverband der DDR, seit 1974 Mitglied im Bezirksvorstand, seit 1978 Mitglied im Vorstand des DSV. Nach seiner Auflösung Mitglied des VS/IG Medien, 2001 ausgetreten. Sie lebte von 1960 bis 2003 in Schwerin, seit 2003 in Hamburg. Auszeichnungen: 1977: Fritz-Reuter-Preis des Bezirkes Schwerin 1985: Kunstpreis der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft Bibliographie: Bert, der Einzelgänger, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1962 Reise in den August, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1967 Leute von Karvenbruch (Mitautorin am Szenarium), DFF 1968 Tigertod, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1969 Pawlucha, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1970 Nur ein Spaß, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1971 Der Hund mit dem Zeugnis, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1971 Wer ist Fräulein Papendiek?, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1972 Tintarolo. Ein Buch für Kinder über Käthe Kollwitz, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1975, Tallinn 1980, Berlin-West 1981 Winter ohne Vater, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1977 Ab morgen werd ich Künstler, Kinderbuch über Heinrich Zille, Berlin 1978, Tallinn 1987, Berlin-West 1986 Alexander in Zarskoje, Kinderbuch über Alexander Puschkin, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1980 Löwen an der Ufertreppe, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1981 Das Siebentagebuch, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1985 Kathusch, Jugendbuch über Käthe Kollwitz, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1986 Fragen Sie doch Melanie!, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1987 Von einem, der auszog, neue Eltern zu suchen, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1989 Der Maler aus der Ostbahnstraße, Jugendbuch über Hans und Lea Grundig, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1990 Das Schloss an der Nebel, Erzählung, Landesverlags- und Druckgesellschaft mbH Mecklenburg & Co. KG, Schwerin 1991 Spaziergänge durch Güstrow, Ein Stadtführer, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 1992 Welche Stadt hat schon 7 Seen? in: Kleine Bettlektüre für liebenswürdige Schweriner, Scherz Verlag, Berlin/München/Wien 1993 Wider die kleinen Mörder, Kiro-Verlag, Schwedt 1994 Fontane in Mecklenburg, Demmler Verlag, Schwerin 1994 Ernst Barlach. Annäherungen, Demmler Verlag, Schwerin 1996 Noch lange kein Sommer, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 1998

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Zu spät kam Christian nicht zur Schule. Allerdings fürchtet er jetzt, dass er nicht pünktlich sein wird. Die Hortnerin ließ ihn erst um fünfzehn Uhr weg. Vati hat um sechzehn Uhr Feierabend. In fünfzig Minuten also. Christian erinnert sich nicht mehr genau, wie lange er zu fahren hat. Nur, dass er umsteigen muss, weiß er. Er steht in der Straßenbahn, in eine Ecke gedrückt, seine Büchermappe zwischen den Füßen, schwitzt und bangt, bis zum Schichtschluss Vatis Betrieb nicht zu erreichen. Er genießt nicht die Fahrt wie sonst. Aufgeregt zählt er die Stationen. An der Freilichtbühne gelingt es ihm nur mit Mühe, sich aus der vollen Bahn herauszukämpfen und in den Bus hineinzuquetschen.
Der IKARUS rollt über eine breite Betonstraße, schaukelt hinaus in winterlich ausgebleichte Wiesenlandschaft, und als er hält, steht er vor Vatis Betrieb. Christian wird hinausgeschoben. Seit dem Sommer ist er nicht mehr hier gewesen. Er verharrt, staunt. Mann, Mann, haben die was geschafft in den letzten Monaten, denkt er. Vor einem Jahr weideten hier noch Kühe.
Stolz, als hätte er die neuen Werkhallen und die silbernen Kühltürme eigenhändig erbaut, schreitet er zum Pförtnerhaus und stellt sich daneben, weil hier alle vorbei müssen. Die Leute, die den Betrieb verlassen, haben es eiliger als jene, die eben mit Christian ankamen und hineingehen. Besonders die Frauen.
Christian reckt sich auf die Zehenspitzen, dreht suchend den Kopf hin und her. Wo bleibt Vati? Zu übersehen ist Vati mit seinen 1,85 Metern nicht.
Christian wippt von einem Bein aufs andere. Sollte Vati die Schicht gewechselt haben? Herr Montag müsste es wissen. Doch Herr Montag ist schon an Christian vorbei. Vergeblich suchen Christians Augen unter den Frauen das hübsche Fräulein Müller. Die würde mir helfen, Vati zu finden, denkt er. Die war im Sommer so nett zu mir.
Benzindunst verbreitend, knattert vom betriebseigenen Parkplatz eine Kolonne Motorräder heran. Vor dem Pförtnerhaus stoppen sie ab. Ausweise werden vorgezeigt. Einer der Männer lenkt seine Maschine dicht an den Kantstein des Gehweges und ruft Christian zu: "Eh! Steig auf!"
An den zotteligen, unter dem knallroten Sturzhelm hervorquellenden Haaren erkennt er Fiete Katelbogen, einen von Vatis Kollegen.
"Na, steig auf!" wiederholt der junge Mann sein Angebot.
"Wo bleibt Vati?" Unsicher kommt Christian näher und blickt ihn erwartungsvoll an.
Katelbogen schnippt seine Schutzbrille hoch, lässt sie gegen den Helm federn, wo sie hängenbleibt. "Du wartest auf Ingenieur Nemerow? Dacht ich mir."
Christian nickt. Fiete Katelbogen stellt den Motor ab, setzt beide Füße auf die Erde. "Es lohnt sich nicht zu warten."
"Ich muss Vati aber was fragen", beteuert Christian. "Ich muss ihn sprechen. Dringend."
"Wenn ich dir sage, es lohnt sich nicht. Steig auf! Wir drehen 'ne Runde, und dann fahr ich dich nach Hause."
"'ne Dreihundertfünfziger, nicht?", fragt Christian und klopft gegen den Tank.
"Spitze einhundertdreißig", prahlt Fiete.
"Ich muss Vati sprechen", sagt Christian und verzieht die Lippen zu einem krampfhaften Lächeln.
"Aber nicht heute." Katelbogen springt ab, bockt die Maschine auf.
"Sitzung?", fragt Christian schüchtern.
"So was Ähnliches."

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