Winterzauber an der Alster

Winterzauber an der Alster

by Esther Grace

NOOK BookAuflage (eBook - Auflage)

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Overview

Als Ben eines Morgens in ihrer Bürotür steht, denkt Anna, es könnte nicht schlimmer kommen. Ausgerechnet der Mann, der ihre Unizeit zur Hölle machte, soll der Partner bei ihrer wichtigsten Werbekampagne werden? Nicht mit Anna. Sie beschließt: Es ist Zeit ihre verletzte Seele und ihr verwundetes Herz zu rächen. Da kommt es ihr gerade recht, dass Ben sich auf der Datingseite Norddate herumtreibt. Doch der Mann, den Anna mit einem falschen Profil hinters Licht führen möchte, zeigt sich von einer liebevollen, verletzlichen Seite. Kann Ben sich so geändert haben? Anna zweifelt und schlittert auf der gefrorenen Hamburger Alster einem romantischen Wintermärchen entgegen, das sie so manches Mal aufs Glatteis führt.

Product Details

ISBN-13: 9783733710927
Publisher: books2read
Publication date: 11/15/2017
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 240
File size: 4 MB

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Oliver – Neuanfang

Oliver saß auf dem Wohnzimmerteppich, eingekeilt zwischen Kisten, Kartons und halbleeren Schränken. Der stürmische Herbstwind fegte unnachgiebig Regen gegen die Scheiben der Balkontür. Es war einer dieser Novembertage, die man am besten in der Nähe einer Heizung in Gesellschaft einer dampfenden Tasse Tee verbrachte.

Von gemütlichen Stunden auf dem Sofa konnte Oliver jedoch allenfalls träumen. Seit einer Woche grub er sich durch Berge aus Papieren, Kleidung, CDs und Zeitschriften, die sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens angesammelt hatten, und teilte alles in zwei Kategorien ein – nützlich und ab in den Müll. In einer alten Pappschachtel fand er Souvenirs an vergangene Urlaube und einen Stapel alter Fotos.

Er stellte die Schachtel vor sich auf den Boden und blätterte in den Aufnahmen, bis ein Bild seine Aufmerksamkeit erweckte. Es zeigte einen kleinen Jungen mit blondem Haar, der versuchte, die Kerzen auf einer zweistöckigen Torte auszublasen. Pauls zweiter Geburtstag. Oliver lachte leise, als er sich daran erinnerte, wie sehr sein Sohn der Ankunft der Gäste entgegengefiebert hatte. An dem Tag war es Oliver vorgekommen, als wäre eine Horde Affen in ihre Wohnung eingefallen – niedlich anzusehen, aber erschreckend laut und kaum zu bändigen. Bis sie am Nachmittag von ihren Eltern abgeholt worden waren, hatte die Bande alles darangesetzt, Olivers vier Wände in ein heilloses Chaos zu stürzen.

Er fischte weitere Fotos aus dem Karton. Aufnahmen von seinen Eltern, ein Schnappschuss vom Eiffel-Turm und ein Bild, das ihn und seinen Bruder im Teenageralter im Schwimmbad zeigte, braun gebrannt von der warmen Sommersonne.

Dann fiel der Lichtkegel der Wohnzimmerlampe auf das Foto, das am Boden der Pappschachtel lag. Oliver betrachtete die gleichmäßigen Züge der jungen Frau darauf, und sein Lächeln erlosch. Miriam trug ein hellblaues Kleid. Sie hatte ihr rötliches Haar zu einem Zopf gebunden und ihre Sonnenbrille in die Stirn geschoben. Ihre Zehen gruben sich in den Sand des Ostseestrands, an dem sie damals ihren Urlaub verbracht hatten.

Neben ihr stand Oliver in T-Shirt und Shorts und hatte locker einen Arm um ihre Taille gelegt. Hinter ihnen erhoben sich dunkelblaue, schäumende Ostseewellen. Beinahe konnte er das Salz schmecken und die Sonnenmilch auf Miriams Haut riechen. Sie schmiegte sich lächelnd an seine Brust.

Oliver holte aus, und das Bild segelte wie eine Frisbeescheibe auf den Haufen der Dinge, mit denen er sich in Zukunft nicht mehr belasten wollte. Der Müllsack, den er für diesen Berg brauchen würde, musste verdammt groß sein. Einen Neuanfang startete man jedoch am besten mit leichtem Gepäck.

Sein Magen meldete sich mit lautem Knurren. Ob Paul ebenfalls hungrig war? Oliver drehte sich zur Wohnzimmertür um. Hinter ihr befand sich die Essdiele, von der die Küche und der Flur abgingen. Das Zimmer seines Sohns lag am Ende des Flurs, neben der Wohnungstür.

Es war verdächtig ruhig. Oliver seufzte. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war weiteres Chaos. Er stand auf und kämpfte sich zwischen Umzugskartons, Tüten und Taschen hindurch in den Nebenraum, in dem ein ähnliches Durcheinander herrschte. Der große Tisch, an dem er und Paul heute Morgen gefrühstückt hatten, war vollständig hinter einem Stapel aus Kartons verschwunden, der fast bis zur Decke reichte.

Oliver durchquerte den Flur. An den Wänden hingen gerahmte Bilder von Gebäuden, die er während seiner letzten Reisen fotografiert hatte. Pauls Tür war dagegen mit Zeichnungen und Basteleien aus dem Kindergarten tapeziert. Für sie mussten sie in der neuen Wohnung einen besonderen Platz finden.

Die Tür zu Pauls Zimmer war angelehnt. Oliver runzelte die Stirn. Vorhin hatte sie offen gestanden. Wollte Paul etwa mit ihm verstecken spielen?

Aus dem Inneren des Raumes erklang das Rascheln von Papier. Oliver schob die Tür auf und fand seinen Sohn bäuchlings auf dem Boden liegend. Mit konzentrierter Miene beugte der Kleine sich über einen Mal-Block und zeichnete mit langen Strichen. Oliver lehnte sich gegen den Türrahmen und sah seinem Sohn eine Weile zu, wie er selbstvergessen Farbe um Farbe auftrug. Die Lampe auf dem Nachttisch hüllte den Raum in warmes Licht. Ein friedlicher Moment im Auge des Sturms, der im Wohnzimmer und ihrem Leben zurzeit tobte. Es gab Tage, da wünschte Oliver sich, noch einmal Kind zu sein.

Er räusperte sich und Paul ließ seinen Stift sinken. "He, Papa, guck mal, ich habe einen Hund gemalt."

Er hielt seinem Vater das Blatt entgegen.

Oliver kniff die Augen zusammen und bemühte sich angestrengt, aus den unregelmäßigen Kreisen und Strichen eine Figur zu erkennen. "Schön, aber wieso gerade einen Hund?" Sie kannten niemanden, der einen besaß.

"Lilis Eltern haben einen gekauft. Der ist so süß. Kann ich auch einen haben, wenn wir umgezogen sind?"

Sein Sohn sah flehend zu ihm auf, und Olivers Magen zog sich zusammen. Der Ortswechsel war für Paul nicht leicht. Zuerst hatte seine Mutter ihn verlassen, und jetzt musste er sich auch noch von seinen Freunden verabschieden, aber ein Hund? Ein Haustier machte Arbeit und verschlang Zeit, Oliver bezweifelte, dass er dem Tier momentan gerecht werden könnte. "Vielleicht, wir werden sehen."

Augenblicklich verdunkelte sich die Miene seines Sohnes. Da saß er, ein kleiner trübsinniger Fünfjähriger, der mit nach vorne geschobener Unterlippe vor sich hin schmollte. Der Anblick wirkte nicht besonders erbaulich. Oliver würde einen Trick anwenden müssen, um ihn wieder aufzuheitern. "Hast du Hunger Paul? Ich könnte Pfannkuchen machen."

Paul liebte Pfannkuchen, und auch dieses Mal verfehlte das Angebot seine Wirkung nicht. Er warf seine Arme in die Luft, und ein lautes "Ja!" schallte Oliver entgegen.

Zufrieden lächelte Oliver. "Gut, ich rufe dich, wenn sie fertig sind."

Er ging in die Küche und bereitete das Essen zu. Danach kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Er räumte Paul einen Platz auf der Couch frei und legte Teller und Besteck auf dem kleinen Wohnzimmertisch bereit.

Gerade als er den Teller voller Pfannkuchen hereinbrachte, klingelte sein Handy.

"Paul, die Pfannkuchen sind warm, fang schon mal ohne mich an", rief Oliver Richtung Kinderzimmer und tauchte zwischen den Kartons ab, um nach dem Handy zu suchen. Es musste bei der Sortieraktion irgendwo liegengeblieben sein. Wo steckte das verdammte Ding?

Er folgte dem penetranten Klingelton zum Schreibtisch, auf dem neben seinem Notebook leere Plastikflaschen, Bücher und Papiere lagen. Endlich entdeckte Oliver das Telefon auf dem Bücherberg und streckte die Hand danach aus. Der Teller auf der Spitze des Bergs geriet ins Kippen, noch bevor Oliver das Handy greifen konnte, und das Telefon rauschte zusammen mit den gestapelten Papieren und Büchern in die Tiefe, um auf Olivers nackten Füßen zu landen.

"Scheiße!" Er zog das Handy aus dem Chaos hervor, hielt es sich ans Ohr und fuhr zu Paul herum, der bereits am Tisch saß und eine vollbeladene Gabel zum Mund führte. "Das hast du nicht gehört."

"Was habe ich nicht gehört?" Bens Stimme quäkte Oliver aus dem Hörer entgegen, und er verdrehte die Augen. "Nicht du – Paul."

Aus dem Augenwinkel beobachtete Oliver, wie sich sein Sohn tief über den Teller beugte und gierig noch mehr von dem Pfannkuchen auf die Gabel lud. Ein zufriedenes Grinsen umspielte Olivers Lippen.

Er wandte sich abermals Ben zu. "Was willst du? Hier ist gerade viel los."

Das entsprach nur bedingt der Wahrheit, aber sein Bruder neigte zu endlosen Telefonaten, und ein Gespräch mit ihm konnte sich locker über Stunden hinziehen.

Auf der anderen Seite der Leitung atmete Ben tief ein, und Oliver wappnete sich für das Schlimmste. "Ich weiß du bist mit dem Umzug beschäftigt, aber es ist dringend großer Bruder, deshalb komme ich nicht umhin, deinen Rat einzuholen."

"Rede nicht so geschwollen ..." Oliver sah zu Paul und flüsterte ihm zu: "Onkel Ben hat ein Problem, das Papa lösen soll. Ich denke, es wird ein wenig dauern. Wenn du fertig bist, lass den Teller stehen und geh spielen, Großer, okay?" Zu Olivers Erleichterung nickte Paul, rutschte von der Couch und verließ das Zimmer ohne große Diskussionen.

"Grüß meinen Neffen von mir", sagte Ben an Olivers Ohr.

"Ja, das werde ich", murmelte Oliver. "Worum geht es denn?" Er zog seinen Stuhl unter dem Schreibtisch hervor, setzte sich schwungvoll und stieß dabei mit dem Knie gegen die Tischkante. Der Ruck durchzog die alte Holzplatte, und auf dem vormals schwarzen Notebook-Bildschirm erschien die Abbildung einer Internetseite. Norddate – die Seite für Singles im Norden stand Blau auf Weiß in der rechten oberen Ecke. Neben dem Schriftzug prangte ein rotes Herz.

Oliver warf dem Bild einen flüchtigen Blick zu, drehte sich vom Tisch weg und legte ein Bein über das andere. Ben berichtete unterdessen von seinem Job in einer Hamburger Werbeagentur. In der Stadt, in die Oliver und Paul ihm bald folgen würden. Ben hatte die Stelle erst vor einem Monat angetreten und glaubte anfangs, angesichts der guten Bezahlung und des ausgezeichneten Rufs seines Arbeitgebers, das große Los gezogen zu haben. Schnell waren jedoch die ersten Wolken am Horizont aufgetaucht. Eine von ihnen wirkte besonders bedrohlich, und sie hörte auf den Namen ...

"Anna!" Ben stieß ihren Namen aus wie ein Schimpfwort. "Wer auch sonst?"

Oliver, der kurz weggedöst war, schreckte auf. Ben beglückte ihn in letzter Zeit so häufig mit Geschichten über seine ungeliebte Kollegin, dass es ihn wunderte, dass sie ihn noch nicht bis in seine Träume verfolgte. Dabei quälten ihn derzeit wirklich andere Sorgen.

Erschöpft rieb er sich das Gesicht. Wenn er seinen Bruder nicht bremste, würde er es später bereuen, aber wie sagte seine Ex immer? Er war zu nett für diese Welt. "Was hat sie jetzt wieder getan?"

Sein Bruder holte erneut tief Luft, und Oliver wusste, er hatte verloren. Sehnsüchtig schielte er in Richtung des Couchtischs, auf dem der Teller mit den restlichen Pfannkuchen stand. Er konnte sie riechen, den warmen Teig, durchsetzt mit einem Hauch geschmolzener Butter, und sein Magen knurrte wütend.

Ben kannte jedoch kein Erbarmen. "Ich hoffe, du sitzt, denn das ist eine längere Geschichte ..."

CHAPTER 2

Anna – Glück und Ärgernisse

In einem Pulk aus Mitreisenden verließ Anna die U1 und stieg die Treppe zur zweiten Ebene der Bahnstation hinauf. Bäckereien und Zeitungsläden reihten sich in der unterirdischen Stationshalle aneinander. Anna folgte einem älteren Herrn auf die Rolltreppe zur Straße. Je höher sie stiegen, desto mehr gingen das Rattern der Fahrkartenautomaten und die Unterhaltungen der Menschen im Rauschen des Verkehrs unter.

Kalter Wind blies Anna entgegen, und Schneeregen trieb über den feucht glänzenden Asphalt des Jungfernstiegs. Die Tropfen fielen so dicht, dass sie den Turm des Rathauses hinter dem Schleier aus Nässe nur erahnen konnte.

Sie zog die Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht. Neben ihr spannte eine Frau ihren Schirm auf, ein roter Klecks im trüben Licht der Straßenlaternen, dann setzte sie ihren Weg in Richtung Gänsemarkt fort.

Anna lief parallel zur Alster. In ihrem Rücken befand sich die Europapassage, links von ihr die Alsterarkaden und ein Apple Store, rechter Hand dümpelten weiße Barkassen auf dem schwarzen Wasser. Sie passierte mehrere halb aufgebaute Holzbuden, über denen sich Konstruktionen aus Metall spannten. Die Szenerie entlockte Anna ein Stirnrunzeln. War es schon wieder so weit? Das Jahr war wie im Flug vergangen, die Weihnachtstage standen vor der Tür, und bald würde sich diese trostlose Baustelle in einen Weihnachtsmarkt verwandeln. Sie konnte es bereits vor sich sehen. Einheimische und Touristen, eingepackt in dicke Winterkleidung, die zwischen den Ständen flanierten, umweht von einer Duftmischung aus Schmalzkuchen und Glühwein. Aus den Boxen erklangen Weihnachtslieder, und das Riesenrad mit seinen blinkenden Lichtern schwang sich wie jedes Jahr in die Lüfte. Strahlende Kinderaugen, die Alster bedeckt mit einem Spiegel aus Eis und Schnee.

Anna blinzelte, und das romantische Bild verblasste. Kälte kroch unter ihren Mantel. Jetzt ein heißer Kakao. Zum Glück musste sie nicht mehr weit laufen. Ihr Ziel, der Alsterpavillon, ein halbkreisförmiges Gebäude mit Flachdach, befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wasser. Sie lief die breite Treppe zum Eingang hinauf, richtete ihr Haar und betrat den Eingangsbereich des Restaurants durch eine Glastür. Ein Schwall Wärme umfing sie, und aus versteckten Lautsprechern schallte Popmusik. Die lange Bar, die Spiegelsäulen, rotbraunen Tische und Ledersessel versprühten einen gewissen Siebzigerjahre-Charme.

Das gemütliche Ambiente hob Annas Laune noch mehr, wobei dieser besondere Tag sowieso nur durch zwei Dinge hätte verdorben werden können: durch die Nachricht vom Ausbruch einer Zombieapokalypse oder durch seinplötzliches Auftauchen. Beides erschien ihr in etwa gleich unwahrscheinlich. Ein Laden wie dieser, in dem ein Glas Wasser unter zehn Euro kostete, befand sich gewiss unter seinem Niveau.

Anna stieg die Treppe zum oberen Restaurantbereich hinauf. Als sie auf die große Fensterfront zusteuerte, trat ihr ein junger Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose in den Weg. "Kann ich Ihnen helfen?"

"Ich bin verabredet."

"Hier sind wir!" Hinter dem Kellner winkte eine zierliche Frau mit dunklen, schulterlangen Haaren. Sie trug ein geblümtes Kleid, das ihre schmale Figur unterstrich, ihre Pumps klackerten über das Parkett, während sie auf Anna zueilte. Der junge Mann entfernte sich mit einem Nicken.

"Franzi, hallo!", sagte Anna.

Ihre Freundin breitete die Arme aus. "Hallo, schön, dass du da bist."

Anna erwiderte die Umarmung. "Wo sitzt ihr?"

Franzi wies zu den hohen Fenstern auf der anderen Seite des Restaurants. "Dort hinten. Komm mit!"

An ihrem Tisch wartete bereits Lina, die Anna grinsend entgegensah.

"Hey, da bist du ja! Ich dachte schon, du verpasst deine eigene Party." Ihre Schwester prostete Anna mit ihrem Cocktailglas zu. Auf dessen Rand steckte eine halbe Ananasscheibe. Hinter Lina spiegelten sich die Lichter der Hotels, Kaufhäuser und Kirchen im tintenschwarzen Wasser der Binnenalster.

"Die Bahn hatte Verspätung." Anna ließ sich auf dem Stuhl neben Franzi nieder und winkte den Kellner heran. "Einen Kakao bitte."

Nachdem der junge Mann gegangen war, rümpfte Lina ihre Nase. "Kakao? Ich dachte, wir wollen feiern!"

"Ich muss mich erst mal aufwärmen", antwortete Anna, was ihrer Schwester ein Schulterzucken entlockte. Lina nahm einen Schluck aus ihrem Glas und fuhr sich anschließend durch ihr glattes blondes Haar, dessen Anblick Anna stets mit Neid erfüllte, genauso wie Linas schmale Taille. Sie hatten zwar dieselbe Mutter, aber ihre Väter hätten unterschiedlicher nicht sein können, was deutlich zutage trat, wenn man sie und Lina nebeneinanderstellte.

Der Mops und das Model, so hatten alle Anna und ihre jüngere Schwester in ihrer Schulzeit genannt. Eine Zeit, an die Anna ungern zurückdachte, was ihr Magen sogleich mit einem leisen Grummeln bestätigte. Um sich abzulenken, griff sie nach dem Kakao, den der Kellner gerade vor ihr abgestellt hatte. Das heiße Getränk spülte alle schlechten Gefühle fort, und sie schloss genießerisch die Augen.

"Es gibt also etwas zu feiern, hast du gesagt", nahm Franzi das Gespräch wieder auf. "Rück endlich raus damit. Sonst platze ich gleich."

Lina lachte, und auch Annas Mundwinkel hoben sich. "Du würdest uns fehlen. Also gut, ich mache es kurz, ich bin befördert worden."

Die Erinnerung an diesen Moment ließ ihr Herz gleich schneller schlagen, und erneut hörte sie ihren Chef die magischen Worte sagen.

"Er hat gesagt, du darfst die nächste AtomicShoes – Kampagne leiten? Wirklich?", fragte Lina.

"Darauf hast du so lange hingearbeitet", ergänzte Franzi, und Anna nickte mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Lina sprang auf, lief um den Tisch herum und flog in ihre Arme. Franzi rief erneut nach dem Kellner. Kurz darauf kehrte er mit einem Tablett und drei Gläsern Prosecco zurück.

Anna, Lina und Franzi stießen an. "Alles Gute für die neue Star-Werbefrau von Mayen Media."

Obwohl ihr Linas Worte schmeichelten, winkte Anna ab. "Jetzt übertreib mal nicht ..."

"Das hat mit Übertreibung nichts zu tun. Du bist großartig, lass dir nie etwas anderes einreden."

"Da muss ich Lina zustimmen." Franzi nahm einen Schluck aus ihrem Glas. "Ich gratuliere dir."

"Was sagt eigentlich der Idiot zu deiner Beförderung? Das muss ihn ja tierisch wurmen." Lina sah Anna erwartungsvoll an. Sie verschluckte sich an ihrem Getränk und rang keuchend nach Atem.

"Lass den aus dem Spiel. Anna hat bestimmt keine Lust, sich auch noch nach Feierabend mit ihm zu beschäftigen und schon gar nicht heute."

(Continues…)



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