Gieriger Zorn (Outside Looking In)

Gieriger Zorn (Outside Looking In)

by Michael Wood, Peter Friedrich

NOOK BookGerman-language Edition (eBook - German-language Edition)

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Overview

DCI Matilda Darke steht am Tatort eines Verbrechens von unglaublicher Brutalität: Ein Mann wurde bis zur Unkenntlichkeit verprügelt und erschossen, eine halb nackte Frau mit einem Bauchschuss sterbend zurückgelassen. Dabei begann Matildas Tag bereits mit einem Schock: In der Zeitung stieß sie auf einen Artikel, der sie persönlich für den missglückten Ausgang einer Kindesentführung verantwortlich macht. Ihre Vorgesetzten zeigen sich von dem öffentlichen Druck beeindruckt: Es müssen Erfolge her, ansonsten wird die Mordkommission geschlossen. Und so wird die Ergreifung des Parkplatzmörders zum Schicksalsspiel für Matilda und ihre Kollegen … »Ich habe mich gefreut Matilda Darke kennenzulernen. Sie ist ein starker Charakter mit wahrer Tiefe.« Robert Bryndza, Autor von Das Mädchen im Eis


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Product Details

ISBN-13: 9783959678032
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 01/01/2019
Series: DCI Matilda Darke (German Language) Series , #2
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 416
File size: 3 MB

About the Author

Michael Wood ist freiberuflicher Journalist und Lektor und lebt in Sheffield. Als Reporter hat er über viele Kriminalfälle in der Stadt berichtet und dadurch einen intensiven Einblick in die Ermittlungsarbeit der Polizei gewinnen können. Zudem rezensiert er Bücher für Crimesquad, eine Webseite, die sich der Kriminalliteratur verschrieben hat.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Die Abende von George und Mary Rainsford folgten seit über dreißig Jahren derselben Routine. Sobald die Melodie ertönte, die das Ende der Zehn-Uhr-Nachrichten verkündete, war es Zeit, zu Bett zu gehen. Mary begab sich sofort nach oben, während George noch den Kessel aufsetzte. Bis das Wasser kochte, machte er einen Rundgang durch das Erdgeschoss des Cottages. Er vergewisserte sich, dass Fenster und Türen verschlossen waren, die Kissen ordentlich auf dem Sofa lagen und er alle Geräte ausgeschaltet hatte. Dann sagte er den Guppys im Aquarium gute Nacht. Er brühte zwei Tassen Tee auf und ging hinauf. Doch nach heute Abend würde sich alles ändern. Ab morgen würde es keine lieb gewordenen Gewohnheiten mehr geben. Keine halbe Stunde lesen im Bett, bevor sie das Licht löschten, keinen Gutenachtkuss. Nur einen Abgrund, in dem ihr bisheriges Leben durch ein hohles Gefühl der Furcht ersetzt wurde.

Während George den Tee kochte, hatte er den Lauten von draußen gelauscht. Ein paar Schafe blökten auf einer Farm in der Nähe, ein Hund bellte, und irgendwo ertönte eine Autohupe. Es war beruhigend. Außerhalb ihres kleinen, gemütlichen Cottages ging alles seinen gewohnten Gang.

Vorsichtig stieg er mit einem Becher Tee in jeder Hand die Treppe hinauf.

»Hörst du das?«, fragte er, als er das Schlafzimmer betrat.

»Was denn?« Mary lag bereits im Bett und hatte ein zugeklapptes Colin-DexterTaschenbuch im Schoß liegen. Sie cremte sich gerade energisch die Hände ein.

Sie nahm ihren angestammten Becher entgegen und legte die Hände darum. »Meine Güte, George, du hast den Beutel heute aber kräftig ausgedrückt. Der ist ja stark genug für einen Ochsen.«

»Draußen hupt ein Auto.«

»Na ja, das kommt vor.«

»Es geht schon eine ganze Weile so.«

»Vielleicht ist es ein ungeduldiger Taxifahrer, der auf einen Fahrgast wartet. Du weiß ja, wie die sind.«

George stellte seinen Becher auf dem Nachttisch ab und trat ans Fenster. Er zog die dicken, schwarzen Vorhänge auseinander und steckte den Kopf durch den Spalt.

»Siehst du irgendetwas?«, fragte Mary nicht übermäßig interessiert.

»Nein. Diese neuen Solar-Straßenlampen taugen nicht viel.«

»Lass gut sein und komm ins Bett.«

»Das geht nicht. Ich kriege es nicht mehr aus dem Kopf.«

»Dann mach einfach Radio 4 an und lass es leise laufen.«

»Warte. Hör mal.« Er verstummte kurz, dann zog er den Kopf aus dem Spalt und sah seine Frau an. »Hörst du das?«

»Das Hupen? Ja. Weil du mich darauf aufmerksam gemacht hast.«

»Nein, hör genau hin! Es ist rhythmisch.«

»Es ist was?«

»Rhythmisch. Es folgt einem Muster. Das ist nicht einfach nur Gehupe. Da morst jemand.«

»Wie bitte?«

»Es ist Morsecode. Da! Es sind kurze und lange Signale. Pst, hör doch!«

Eine lange Minute verstrich in Schweigen, während sie sich beide auf den Klang der Autohupe in der Ferne konzentrierten.

»Ich höre bloß Gehupe.«

»Nein. Es ist ein SOS.«

»Was?«

»SOS im Morsecode. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Hör doch! Nach einer kurzen Pause fängt es wieder von vorne an. Da steckt jemand in Schwierigkeiten.«

George machte auf dem Absatz kehrt und ging zur Schlafzimmertür.

»George, wo willst du hin?«

»Nachsehen. Vielleicht ist jemand verletzt.«

»Dann ruf die Polizei.« Mary folgte ihm die Treppe hinunter und versuchte dabei unbeholfen in ihren Morgenmantel zu schlüpfen.

»Man ruft doch nicht gleich die Polizei, bloß weil ein Auto hupt.«

»Nimm doch die Nummer der Meldestelle. Die nimmt man doch, wenn es kein Notfall ist. Wie lautet sie noch gleich, 111?«

»101. Das ist zwecklos, da ist immer besetzt. Man kommt nie durch. Da kann ich genauso gut selbst nachschauen.«

Furcht schlich sich in Marys Stimme und spiegelte sich auf ihrem Gesicht. »George, geh nicht. Es ist stockdunkel. Du hast selbst gesagt, dass die Straßenlaternen nichts taugen. Man sieht ja die Hand kaum vor Augen.«

Er zog eine Schublade der Anrichte in der Diele auf, nahm eine Taschenlampe heraus und schaltete sie kurz ein, um zu überprüfen, ob sie funktionierte. Alles in Ordnung.

»Du weißt nicht, wer da draußen ist, George. Es könnte eine Falle sein.« Ihre Stimme klang jetzt eine Oktave höher. Sie hatte Angst.

»Ich kann das nicht einfach ignorieren, Mary.«

»Doch, kannst du. Es geht uns nichts an.«

»Weil alle so denken, geht unsere Gesellschaft kaputt. Die Menschen scheren sich nicht mehr darum, wie es anderen geht.«

»Du meinst, sie achten auf ihre Sicherheit.«

»Nein, sie sind gleichgültig. Wo sind meine Wanderstiefel?«

»Oh Gott, George. Bitte geh nicht.«

»Ich komme gleich wieder. Versprochen.«

»Dann zieh wenigstens deinen dicken Mantel an. Es ist kalt. Warte.« Sie rannte die Treppe hinauf und kam nach kurzer Zeit völlig außer Atem zurück. Sie war schon Jahre nicht mehr gerannt. »Nimm das Handy mit. Wenn du etwas siehst, das dir komisch vorkommt, ruf sofort die Polizei! Hast du mich verstanden, George Rainsford?«

»Laut und deutlich.«

Er schob den Türriegel zurück, hängte die Kette aus und schloss auf.

»Sperr hinter mir zu. Mach erst wieder auf, wenn ich zurückkomme.«

»Ich liebe dich, George, du alter Narr.«

»Ich bin gleich wieder da.«

Am Ende des Gartenwegs drehte George sich noch einmal um. Mary sah ihm durch einen Spalt zwischen den Wohnzimmervorhängen nach. Sie winkten sich kurz zu. Er hätte ihr die Ängste gerne erspart, aber er konnte nicht einfach weghören und einen Hilferuf ignorieren.

Im Freien klang das Hupen lauter, und George war mehr denn je davon überzeugt, dass es sich um die Morsezeichen für SOS handelte.

Er lauschte in alle Richtungen, um herauszufinden, woher das Geräusch kam. Er entschied sich dafür, links abzubiegen, überlegte es sich jedoch nach ein paar Schritten anders und ging in die entgegengesetzte Richtung.

Die Quiet Lane hatte keine Gehsteige. Es war eine steile, gewundene Straße, auf der man vorsichtig fahren musste, auch wenn die auf den Straßenschildern angegebene Geschwindigkeitsbeschränkung und die fehlenden Warnhinweise etwas anderes vermuten ließen.

George zog den Reißverschluss seines Mantels bis oben zu. Der Vollmond und eine Myriade an Sternen erhellten den wolkenlosen Himmel. Es war kalt. George sah den Hauch seines Atems, der mit wachsender Aufregung immer unregelmäßiger wurde. Mit jedem Schritt klang das Hupen lauter. Die Richtung stimmte.

Die Quiet Lane wurde an einer Kreuzung zur Wood Cliffe Cottage Lane. Die Querstraße, die Clough Lane, war sehr schmal, voller tiefer Schlaglöcher und aufgeworfenem Asphalt. Das Geräusch kam von dort.

Die von freien Feldern und kahlen Bäumen gesäumte Straße lag vollständig im Dunkeln. George zog die kleine Taschenlampe aus dem Mantel und schaltete sie ein. Er richtete den Strahl zu Boden und näherte sich am Straßenrand dem Unbekannten.

Das Hupen kam definitiv aus dieser Richtung. Er ging um eine Kurve und hob die Lampe. Ihr schwacher Schein fiel auf ein Auto, einen silbernen Wagen. Er erkannte das Modell sofort, es war ein Citroën Xsara. Sein Sohn fuhr einen in Weiß. Das war das Fahrzeug, dessen Hupe die Stille zerriss.

Er ging schneller und wollte schon einen Gruß rufen, als er wie erstarrt stehen blieb. Der Strahl der Taschenlampe war auf etwas neben der Straße gefallen. Zusammengesunken an einen Baum gelehnt saß ein Mann oder besser jemand, der nur noch entfernt an einen Mann erinnerte. Seine Gesichtszüge waren kaum noch erkennbar, so schrecklich war er zugerichtet. Die Nase war gebrochen, das linke Auge zugeschwollen und die rechte Gesichtshälfte derart von einer Kugel zerfetzt, dass nur noch eine blutige Masse übrig war.

George legte sich zitternd die Hand vor den Mund. Der metallische Geruch von Blut hing in der Luft. Er schmeckte ihn auf der Zunge.

Der Anblick, der sich ihm bot, war schockierend, und doch war George nicht in der Lage, den Blick davon loszureißen. Das war einmal ein Mensch gewesen, ein lebendes, fühlendes Wesen, das jemand unvorstellbar gequält und entstellt hatte.

Das laute Hupen riss George aus seiner Starre. Er richtete die Lampe auf das Auto. Die Beifahrerseite war blutverschmiert, das Fenster zersplittert. Langsam bewegte er sich um die Motorhaube herum. Die Fahrertür stand offen, George konnte aber niemanden auf dem Fahrersitz erkennen. Dennoch ertönte das SOS weiter.

»Großer Gott«, keuchte er.

Der zerschundene Körper einer Frau hing halb aus dem Wagen. Auf ihrem Gesicht und in ihren langen, wirren Haaren klebte halb getrocknetes Blut. Ihr Unterkörper war nackt und blutüberströmt. Sie presste eine Hand gegen ihren Bauch, und Blut quoll zwischen den Fingern hervor. Mit der anderen Hand schlug sie rhythmisch auf die Hupe. Die Frau war halb aus dem Auto gefallen und hielt sich in einem unnatürlichen Winkel irgendwie auf dem Sitz. Sie blickte hoch und sah George aus verschwollenen Augen an. Dann hörte sie auf zu hupen, rutschte aus dem Wagen und sank auf dem Boden zusammen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, bevor ihr Körper aufgab und sie das Bewusstsein verlor.

George klaubte das Telefon aus der Manteltasche und wählte den Notruf. Er nannte seinen Standort und versuchte zu erklären, was geschehen war, fand jedoch nicht die richtigen Worte. Danach rief er seine Frau an, um ihr Bescheid zu sagen, dass sie bald das Blaulicht der Polizei sehen würde, aber nicht in Panik geraten solle, da es ihm gut ging. Es war das erste Mal, dass er sie anlog.

CHAPTER 2

CARL MEAGAN: EIN JAHR DANACH

von Andrea Fullerton

Morgen jährt sich das Verschwinden des siebenjährigen Carl Meagan zum ersten Mal.

Vor genau zwölf Monaten wurde Carls Großmutter Annabel Meagan in der Luxuswohnung seiner Eltern in Dore, Sheffield, erschlagen, als sie auf ihren Enkel aufpasste. Kurz nach seiner Entführung ging eine Lösegeldforderung ein. Mehrere Fehlentscheidungen der South Yorkshire Police führten jedoch dazu, dass die Entführer den Kontakt zur Familie abbrachen. Seither gibt es keine neuen Informationen über Carls Verbleib.

Carls Eltern – Philip, 37, und Sally, 34 – gingen im letzten Jahr bei der verzweifelten Suche nach ihrem einzigen Kind durch die Hölle.

»Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Er könnte überall sein. Ich bin seine Mutter. Ich sollte jederzeit genau wissen, wo er ist, aber ich habe keine Ahnung. Ich habe versagt«, so Sally. »Ich habe ihn nie allein gelassen. Ich habe ihn nie aus den Augen gelassen. Er war mein Leben, und jetzt fühle ich mich nur noch leer.« Die Meagans glauben, dass sie im Vorfeld der Entführung mehrere Tage lang ausgespäht wurden. In der Tatnacht besuchten Philip und Sally eine Preisverleihung in Leeds, bei der der Geschäftsmann des Jahres der Grafschaft Yorkshire ausgezeichnet wurde. Sie wurden erst am folgenden Tag zurückerwartet, darum kümmerte sich Philips Mutter Annabel um Carl.

»Es gab keinen Grund zur Sorge. Wir wussten, dass er bei seiner Großmutter gut aufgehoben war. Sie war verrückt nach ihm, und er liebte sie abgöttisch. Wir machten uns überhaupt keine Sorgen um seine Sicherheit. Auch nicht um ihre. Als wir am Tag darauf zurückkamen, erwartete uns die Hölle auf Erden.«

Philip Meagan, der Besitzer der BioRestaurantkette »Nature's Dinner«, wirft der South Yorkshire Police Versagen vor. »Die Ermittlungen wurden von Anfang an völlig falsch geführt. Von Carls Verschwinden bis zur Lösegeldforderung vergingen zwei Tage. Diese achtundvierzig Stunden waren ein Albtraum, und wir erhielten nicht die geringste Unterstützung von der Polizei. Sie haben uns einfach alleingelassen.«

Die Untersuchungen wurden von Detective Chief Inspector Matilda Darke geleitet, die nach der gescheiterten Lösegeldübergabe von der Polizei suspendiert wurde. Inzwischen ist sie wieder im Dienst und leitet die Mordkommission.

»Die Lösegeldforderung belief sich auf eine Viertelmillion Pfund. Es war nicht leicht, aber es gelang uns, das Geld zusammenzubekommen. Aus irgendeinem Grund änderten die Kidnapper ständig den Ort der Übergabe. Ich glaube, die Medienaufmerksamkeit war ihnen zu viel. Schließlich entschieden sie sich für den Graves Park. DCI Darke organisierte alles. Sie koordinierte die Überwachung, wir waren bereit. Wir waren uns sicher, unseren Carl bald in die Arme schließen zu können. Eine Stunde später kam sie zu uns und teilte uns mit, die Übergabe sei gescheitert. Wir warteten und warteten, aber wir hörten nie wieder etwas von den Kidnappern.«

Wie sich herausstellte, hatten die Entführer DCI Darke angerufen, um zu erfahren, ob das Lösegeld deponiert worden sei. Sie befanden sich jedoch am falschen Eingang des Parks, wurden panisch und flüchteten. Man hat nie wieder etwas von den Kidnappern und Carl gehört.

»Es ist absolut unverständlich, wie man dieser Frau erlauben konnte, den Dienst wieder aufzunehmen. Man hätte sie nicht nur suspendieren, sondern entlassen sollen. Sie ist völlig ungeeignet für den Beruf«, ergänzte Philip.

DCI Darke stand gestern für einen Kommentar nicht zur Verfügung. Die Polizei von South Yorkshire teilte in einer kurzen Verlautbarung lediglich mit: »Es wurde alles versucht, um mit den Kidnappern in Verbindung zu bleiben und Carls sichere Rückkehr zu gewährleisten. Doch unvorhersehbare und unkontrollierbare Entwicklungen führten dazu, dass der Erfolg ausblieb. Der Fall Meagan ist allerdings weiterhin offen, und die Ermittlungen dauern an. Wir werden nicht aufhören, nach Carl zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.«

Philip Meagan wandte sich mit einer direkten Botschaft an die Entführer. »Wenn Sie Carl noch in Ihrer Gewalt haben, sorgen Sie bitte gut für ihn. Falls Sie Bedenken haben, ihn uns zurückzugeben, flehe ich Sie an, ihn an einem öffentlichen Ort abzusetzen. Rufen Sie uns anonym an, und wir holen ihn ab. Es wird nicht weiter gegen Sie vorgegangen werden. Wir wollen nur unseren Sohn zurück.«

Sally fügte hinzu: »Carl, falls du das hier liest, möchte ich, dass du weißt, dass Mummy und Daddy dich sehr lieb haben. Selbst wenn es noch so lange dauert, wir werden dich finden.«

Zum Jahrestag von Carls Verschwinden findet in der Kathedrale von Sheffield ein Gedenkgottesdienst statt. Die Spieler des Fußballvereins Sheffield United, den die Familie Meagan sponsert, tragen beim Wochenendspiel in der Bramall Lane spezielle Schriftzüge auf ihren Trikots.

Nachdem Matilda Darke den Artikel zum dritten Mal gelesen hatte, warf sie die Zeitung auf den Fußboden, ließ sich aufs Sofa fallen und stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie hatte am Vortag keineswegs »nicht für einen Kommentar zur Verfügung gestanden«. Die Reporterin hatte es nicht der Mühe wert gefunden, sie anzurufen. Für die Leserschaft musste es so aussehen, als entziehe sich Detective Chief Inspector Matilda Darke der Verantwortung für das Schicksal Carl Meagans und seiner Eltern, die um den Verlust ihres einzigen Kindes trauerten.

Sie schloss die Augen und holte tief Luft. In solchen Zeiten wünschte sie sich, sie hätte Alkohol im Haus. Aber nach einem Jahr, in dem sie schwer getrunken hatte, im Vollrausch umgekippt war und nur noch mit der Wodkaflasche in der Hand funktioniert hatte, hatte sie sich geschworen, keinen Tropfen mehr anzurühren.

Realistisch betrachtet war das eine vergebliche Hoffnung. Irgendwann würde Matilda wieder trinken, doch wenn sie bis dahin lernen konnte, nicht davon abhängig zu werden, war das schon ein Erfolg.

Adele Kean, Matildas engste Freundin, war zu ihrem Rettungsanker geworden. Sie hatte erkannt, dass Matilda auf dem besten Weg war, in den Alkoholismus abzugleiten, sie rechtzeitig am Kragen gepackt und zurückgerissen. Das Verschwinden von Carl Meagan war nur der Anfangspunkt eines ein Jahr andauernden Albtraums gewesen, der sich in eine selbstzerstörerische Lawine verwandelt hatte.

Sie schlug die Augen auf, und ihr Blick fiel auf das Hochzeitsfoto im Silberrahmen auf dem Kaminsims. Fünf Jahre zuvor, am glücklichsten Tag ihres Lebens, hatten sie und James Darke geheiratet. Drei Jahre später hatte man bei ihm einen inoperablen Gehirntumor diagnostiziert, und er war innerhalb von zwölf Monaten gestorben. Sein Tod war zufällig mit der gescheiterten Lösegeldübergabe für die Meagan-Kidnapper zusammengefallen, und Matilda war nicht ganz bei der Sache gewesen. Sie hätte den Lösegeldkoffer einem kompetenteren Detective überlassen und zum Trauern eine Weile Urlaub nehmen sollen, aber das hatte sie nicht fertiggebracht. Das Chaos, das sie zurückgelassen hatte, würde sie für den Rest ihres Daseins verfolgen. Sie musste mit den Konsequenzen ihrer Vorgehensweise leben.

Ihre Fehler im Fall Carl Meagan konnte sie nie wiedergutmachen.

Der Bilderrahmen war von getrockneten Tränen verschmiert, weil Matilda viele Nächte lang zusammengerollt damit im Bett gelegen hatte, während sie ihren lächelnden Ehemann an sich drückte und weinte. Zu sagen, sie habe ihn geliebt, klang billig. Sie hatte ihn nicht nur geliebt, sondern sehnte sich noch immer nach ihm, und manchmal nahm es ihr den Atem, wenn sie an ihn dachte. Ihr Körper, ihr Verstand und ihre Seele wünschten sich mehr, mit James zusammen zu sein, als sie das Leben selbst begehrte.

Es klopfte an der Tür. Ein nachdrückliches Klopfen zu so später Stunde konnte nur eins bedeuten.

(Continues…)


Excerpted from "Gieriger Zorn"
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