Baumhaus mit Faultier: Wie ich mir meinen Lebenstraum in Costa Rica erfüllte

Baumhaus mit Faultier: Wie ich mir meinen Lebenstraum in Costa Rica erfüllte

by Ina Knobloch

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Overview

 "Ich weiß nicht, ob es Tarzan, Jane oder Mogli war, wodurch ich als Kind mit dem Dschungel- und Baumhausfieber infiziert wurde. Ich war jedenfalls noch sehr jung. Ansonsten eher die Prinzessin auf der Erbse kletterte ich wie ein Affe an allen Turnstangen und –seilen hoch, bezwang Bäume wie eine Katze und vermisste schon als kleines Kind einen Urwald und ein Baumhaus." Die Biologin und Filmemacherin Dr. Ina Knobloch reiste durch die ganze Welt, um sich Inspirationen für ihr Baumhaus zu holen. In jahrelanger Forschung lernte sie die artenreichsten Lebensräume der Erde kennen. Und nach 30 Jahren erfüllt sie sich endlich ihren Lebenstraum: Ein eigenes Baumhaus in Costa Rica - auf einem Grundstück, auf dem sie 1987 selbst die Bäume gepflanzt hatte. Ina Knobloch will der Welt den Regenwald näher bringen und setzt sich gleichzeitig für seinen Schutz ein. Ein Weg voller Hürden und Rückschläge, aber auch einmaliger Begegnungen und großartiger Abenteuer.

Product Details

ISBN-13: 9783843717984
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 08/10/2018
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 320
File size: 21 MB
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About the Author

Dr. Ina Knobloch, geboren 1963 in Karlsruhe, ist promovierte Biologin, lebt als Filmproduzentin und freie Autorin in Frankfurt am Main und Costa Rica. 1989 gründete sie den Tropenschutzverein Tropicaverde und widmete sich dann ganz dem Naturschutz, dem Filmen und Schreiben. Mehr als 100 Dokumentationen und Fernsehbeiträge produzierte und moderierte sie u.a. für ARD, ZDF und arte in den letzten 30 Jahren. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Der Ruf des Dschungels

Mit schamlos lautem Geschepper und Gedröhne quälte sich der uralte Jeep meines Architekten Olivier den Dschungelhügel hinauf und übertönte brutal die harmonischen Urwaldgeräusche. Der Weg zu meinem Waldgrundstück, wo später einmal mein Baumhaus stehen sollte, führt über den sogenannten »Krokodilsrücken«: Lagarta. Genau genommen heißt Lagarta übersetzt »das Biest«, steht aber auch für Kaimane, Krokodile, Leguane und Echsen. Ob der Name für den urwaldbewachsenen Felsrücken an der costa-ricanischen Pazifikküste darauf zurückzuführen ist, dass er sich wie ein überdimensioniertes Krokodil in die Landschaft schmiegt, oder dass sich in den Mangrovensümpfen am Fuß der Felsspitze tatsächlich Kaimane tummeln, weiß niemand mehr genau. Vielleicht waren es auch die vielen riesigen Schwarzleguane, die hier überall in den Bäumen sitzen und wie Wackeldackel ihre Köpfe ständig auf und ab bewegen, die zu diesem Namen geführt haben. Auf jeden Fall ein Name für einen Platz am Ende der Welt, der für mich über Jahrzehnte zu einem Sehnsuchtsort geworden ist, zu einem magischen Ort, wo meine Baumhausträume und -pläne nach so vielen Jahren endlich konkret wurden. Der Hügel war zwar nicht mehr einsam, und der wenige Kilometer entfernte Ort Nosara, nach dem die Region benannt wurde, ist auch kein Geheimtipp mehr, aber die Magie, die ich schon bei meinem ersten Besuch gespürt habe, ist geblieben.

Es war Ende der Achtzigerjahre, als ich das erste Mal dorthin kam. Damals schien die Spitze des Hügels tatsächlich am Ende der Welt zu liegen. Einsam und nur von Dschungel umgeben, tauchte, nach gefühlt stundenlanger Fahrt durch dichten Urwald, das Haus meiner Freunde am verlassenen Ende der Schotterpiste auf: Lagarta – sie hatten es einfach nach dem magischen Hügel benannt. Obwohl das Haus irgendwann verkauft und ein kleines Hotel daraus wurde, änderte sich über Jahrzehnte nichts an meinem Gefühl: Lagarta blieb mein Sehnsuchtsort, mit dem ich noch heute viele wundervolle Erinnerungen verbinde, obwohl kein Stein mehr davon übrig ist. Doch davon ahnte ich noch nichts, als ich mein Dschungelbaumhaus vor wenigen Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft plante. Noch stand das alte LagartaGebäude, benannt nach dem Urwaldhügel, auf dem es thronte. Das Haus im Kolonialstil mit ausladender Terrasse fügte sich organisch in den Urwald und bot einen atemberaubenden Blick auf den Dschungel, die Flussmündung mit den Mangrovensümpfen und die sensationellen Sonnenuntergänge über dem Pazifik.

Als wir in dem rostigen Jeep geräuschvoll die Straße hinaufkrochen, war daher meine Vorfreude auf Lagarta mindestens so groß wie auf mein eigenes Dschungelgrundstück, wo bald mein Baumhaus stehen sollte. Wobei »Straße« noch immer nicht der richtige Ausdruck für die mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste war. Doch der mühsame, abenteuerliche Weg war für mich keine Zumutung, sondern der Zugang zu einer anderen, archaischen, erd- und naturverbundenen Welt, die die Zivilisation weit hinter sich lässt. Einzig unser dröhnendes Gefährt störte die Idylle der Wildnis. Kein Wunder, dass sich die Brüllaffen lautstark beschwerten. Trotz unseres enormen Motorengeräuschs konnte ich sie hören, die lauten, raubtierhaften Rufe der größten Affen, die die Neue Welt zu bieten hat – wobei die Kopf-Rumpf-Länge der Tiere keinen Meter misst. Dennoch sind sie die heimlichen Herrscher des Dschungels. Gewaltig und kilometerweit durchdringen ihre Rufe den Urwald und stehen dem Gebrüll von Löwen in nichts nach.

Und wie bei den Königen der afrikanischen Savanne sind es vor allem die Männchen, deren Rufe lautstark durch die Wildnis schallen. Damit verständigen sie sich innerhalb des Rudels und vertreiben konkurrierende Gruppen, Feinde oder Störenfriede. Je tiefer die Stimme der Affen, desto beeindruckender ist ihr Gebrüll. Forschende der Universität Cambridge haben jetzt herausgefunden, dass ausgerechnet die außergewöhnlich männlich klingenden Exemplare besonders kleine Hoden haben. Über die Gründe für diese seltsame Korrelation gibt es bislang nur verschiedene noch nicht bewiesene Theorien. Vielleicht, vermuten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, haben die Tiere mit weniger imposantem Brüllorgan es nicht nötig, ihre Männlichkeit lautstark unter Beweis zu stellen. Sozusagen: Der mit der »dicken Hose« braucht keine tiefe Stimme, oder: Der, der gut brüllt, hat auch ohne »dicke Hose« Autorität.

Aber so gefährlich das Gebrüll der Affen in manchen Ohren auch klingen mag – diese Primaten sind völlig harmlos. Für mich ist das charakteristische Urwaldgeräusch längst zu einem Lockruf des Dschungels geworden, wie ein Willkommensgruß, sobald ich aus dem Großstadtdschungel in meine Wildnis zurückkehre. Wenn ich morgens im Urwald aufwache oder wenn mich die Brüllaffen in der Dämmerung wecken, klingt ihr Gebrüll für mich wie Musik in den Ohren.

Doch jetzt, mitten am Tag, unter der sengenden tropischen Mittagshitze hörte es sich wie ein wütendes Wehklagen an, was es zweifelsohne auch war. Normalerweise dösen die Tiere um diese Zeit lieber im Blätterwerk und sind in den Wipfeln des Dschungels schwer zu entdecken. Morgens und abends dagegen ziehen sie in großen Familienclans durch das Dschungeldach, springen von Wipfel zu Wipfel auf der Suche nach den süßesten Früchten und den zartesten Blättern. Die Rudelführer rufen dann lautstark ihre Familie zusammen oder zetern, wenn ihnen eine andere Gruppe zu nahekommt. Aber um die Mittagszeit werden sie nur aktiv, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, und das schien jetzt der Fall zu sein.

Fast schämte ich mich für die zu laute Rostlaube meines Architekten, die den Affen ihren Mittagsschlaf raubte. Mit einer lässigen Handbewegung versuchte Olivier meine Bedenken, die er überhaupt nicht teilte, wegzuwischen: »Die Affen stören sich nicht an meiner röhrenden Schüssel, das wüsste ich.«

Meinem Gesichtsausdruck war wohl anzusehen, dass mir diese Erklärung kaum die Schuldgefühle gegenüber den Affen und den übrigen Dschungelbewohnern nahm. Dabei musste Olivier es wissen, er lebte jetzt schon über zwei Jahrzehnte in dem Urwalddorf Nosara, zu dem auch dieser Hügel gehört, und war oft mit der alten Schrottkiste unterwegs, auch hier oben. Längst ist Lagarta kein einsamer Hügel mehr mit einem einzelnen Haus im Urwald. Inzwischen stehen überall kleine und größere Häuser, meist gut versteckt im Dschungel, manche aber auch ganz offensichtlich und demonstrativ am Straßenrand. Einige davon hat Olivier entworfen und stets darauf geachtet, dass sie sich gut in die Natur integrieren und die Wanderrouten der Tiere nicht stören. Aber das Gebrüll der Affen hätte eindeutiger nicht sein können. Olivier sah mich ungläubig an: »Hörst und siehst du es denn nicht?«

»Was?«

»Den Bagger, den Presslufthammer?«

Kaum hatte es Olivier ausgesprochen, sah und hörte ich es auch ganz deutlich. Wir hatten Lagarta und damit auch mein Grundstück, auf dem ich endlich mein Baumhaus bauen wollte, fast erreicht. Der Lärm dröhnte jetzt fast schmerzhaft in meinen Ohren. Unaufhörlich schlug der Bagger in »mein« Zimmer ein: das Gästezimmer, in dem ich meine erste Nacht im Dschungel verbracht hatte. Die Zacken an der Schaufel fraßen sich wie die Zähne eines Ungeheuers in das Gemäuer, das mir über Jahrzehnte eine zweite Heimat gewesen war. Lagarta war schon seit vielen Jahren ein kleines Hotel, und mein einstiges Zimmer war zu einem Teil davon geworden. Das romantische Gebäude und all meine Erinnerungen daran waren überhaupt der Grund, weshalb ich unbedingt auf dem direkt benachbarten Urwaldgrundstück mein Baumhaus hatte bauen wollen.

Mit quietschenden Bremsen kam Oliviers Fahrzeug endlich zum Stehen. Jetzt war nur noch der dröhnende Lärm des Baggers und des Presslufthammers zu hören, gegen die das scheinbar immer wütender werdende Gebrüll der Affen kaum ankam. Fassungslos stand ich vor der Ruine meiner zweiten Heimat. Die Besitzer hatten mir zwar erzählt, dass sie wegen Renovierungsarbeiten geschlossen hätten und ich ausnahmsweise »mein« Zimmer nicht haben könne – aber damit hatte ich nicht gerechnet. Das waren keine Renovierungsarbeiten. Die Gästezimmer wurden in Schutt und Asche gelegt – und dabei sollte es nicht bleiben.

Noch bevor ich meine Empörung zum Ausdruck bringen konnte, kam die damalige Managerin angerannt, in der einen Hand eine Kachel und in der anderen einen geschnitzten Holzbalken: Reliquien aus »meinem« Zimmer, Erinnerungen an drei Jahrzehnte Lagarta. Es fiel mir schwer, die Tränen zurückzuhalten. Zum einen war ich sehr gerührt, dass sie daran gedacht hatte, mir Erinnerungsstücke aufzubewahren, aber vor allem der unerwartete Verlust meines lieb gewonnenen Heims überwältigte mich. Dabei war ich doch selbst gerade im Begriff, dieser zweiten Heimat untreu zu werden, indem ich mein eigenes Haus zwischen die Baumwipfel bauen wollte und künftig ohnehin nicht mehr in dem Gästezimmer gewohnt hätte.

Es war aber auch die Erinnerung, die mich in dem Moment übermannte, als ich die Reliquien in der Hand hielt – die Erinnerung an meine allerersten Stunden in Costa Rica, auf Lagarta und in »meinem« Bungalow. Es war im Herbst 1987 gewesen, als ich das erste Mal dem Ruf des Dschungels gefolgt war. Nie zuvor war ich in den Tropen gewesen und sehnte mich nach diesem Paradies, über das ich so viel gelesen hatte. Costa Rica war keine zufällige Wahl. Schicksalhaft trat damals Roland Lelin in mein Leben, ein alter Familienfreund, den ich und der mich schon ganz vergessen hatte –, bis ich ihn bei meinem Onkel wiedertraf.

Frühe Sehnsucht nach dem Dschungelabenteuer

Die schwüle Sommerhitze hing im Sommer 1986schwer über der Rhein-Main-Ebene und fühlte sich fast tropisch an, zumindest so, wie ich mir tropische Hitze vorstellte. Als ich mit meiner kleinen »Knutschkugel«, meinem leuchtend feuerroten, aber leider sehr rostigen Fiat 500, nach Dreieich zu meinem Onkel Walter tuckerte, war ich froh, wenigstens das Stoffdach nach hinten rollen zu können, sodass ein laues Lüftchen durch das kleine Auto wehte. Trotzdem standen mir Schweißperlen auf der Stirn, als ich bei meinem Onkel vor der Tür stand. Verschmitzt begrüßte er mich mit den Worten: »Fühl dich ganz wie in Costa Rica.«

Verwirrt sah ich ihn an und folgte ihm ins Esszimmer. Walter hatte mich zum Dinner eingeladen und einen alten Freund angekündigt, aber nicht verraten, wer das war. Als ich das Esszimmer betrat, traute ich meinen Augen kaum: Roland, der Auswanderer, den ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, der sich aber kaum verändert hatte, saß wie ein Guru im Yogasitz wild gestikulierend auf dem Tisch und schilderte in hellsten Tönen die Aussicht von seiner Terrasse im Dschungel von Costa Rica auf den Sonnenuntergang. Er bemerkte gar nicht, dass ich mich leise dazugesellt hatte, um seinen Abenteuern zu lauschen. Er schwärmte gerade von dem einzigartigen Blick auf die Mangroven, die Sümpfe und das Meer, unberührt und wild, als er plötzlich zur illegalen Abholzung abschweifte: Raubbau im geschützten Mangrovenwald, den er zunächst nicht hatte stoppen können. Zum einen hatte er die Behörden nicht anrufen können, da sein Telefon noch nicht installiert war, und zum anderen mahlen die Mühlen der Behörden dort auch heute noch sehr langsam. Selbst wenn er zur Umweltbehörde durchgedrungen wäre, hätte es einige Zeit gedauert, bis die Polizei im entlegenen Mangrovenwald von Nosara angerückt wäre, um die Holzfäller im Schutzgebiet zu stoppen.

Nicht nur Roland war verzweifelt, auch die Einheimischen seien es gewesen, denn die Holzfäller waren bewaffnet und ließen sich nicht einfach vertreiben. Dass ich später auch noch solchen Verbrechern begegnen würde, hatte ich damals gewiss nicht gedacht, als ich Rolands Räuberpistolen aus dem Dschungel lauschte.

»Also, was habe ich gemacht?«, grinste Roland in die Runde, bevor er fortfuhr: »Ich habe jedem, den ich getroffen habe, erzählt, dass denen jemand nachts Zucker in den Tank schütten müsste ... Ihr glaubt nicht, wie schnell die Motoren stillstanden. Wer den Zucker in den Tank gefüllt hat, habe ich nie rausbekommen und will es auch gar nicht wissen – hat auf jeden Fall super geklappt. Aber wer hinter den Holzfällern steckt, weiß ich: der Jeckel!«

»Etwa der Jeckel?«, fragte mein Onkel erstaunt zurück. Roland nickte vielsagend. Ich hatte keine Ahnung, von wem sie sprachen, erfuhr aber kurz darauf, dass es sich um einen Anlagebetrüger handelte, der deswegen in Deutschland schon im Gefängnis gesessen hatte und jetzt für seine dubiosen Costa-Rica-Geschäfte Investoren suchte.

Immer wieder nutzen Betrüger das grüne und gute Image von Costa Rica aus und werben damit Anleger an, die sie mit einem Schneeballsystem um ihr Geld prellen. Auch jetzt sitzt gerade wieder so ein Bauernfänger aus Frankfurt im Gefängnis, der mit seiner Firma und angeblichen Baumplantagen in Costa Rica ein Vermögen veruntreut hat, was für die vielen ehrlichen ökologischen Projekte in Costa Rica ebenfalls einen großen Imageschaden bedeutet.

Die Achtzigerjahre waren ein Wendepunkt in der Geschichte von Costa Rica, weg von der traditionellen Landwirtschaft, hin zu ökologischem Anbau, weg vom Raubbau der Regenwälder, hin zu Schutzgebieten und Aufforstung. Fast ein Viertel der gesamten Landesfläche waren bereits damals unter den strengen Schutz eines Nationalparks gestellt worden.

Die Urwaldflächen dort sind zwar nicht vergleichbar mit dem Amazonas, da Costa Rica insgesamt kaum größer ist als die Schweiz. Trotzdem wird ein enormer Beitrag zum Klima- und Artenschutz geleistet. – In ganz Deutschland gab es damals gerade einmal vier Nationalparks, ganz am Rande der damaligen Bundesrepublik. In der Ausdehnung erstreckten sie sich noch nicht einmal über ein Prozent der gesamtdeutschen Landesfläche. – Maßgeblich beteiligt an dieser Wende in den Achtzigern war der damalige Präsident Óscar Arias Sánchez, der sich erfolgreich für den Frieden in Lateinamerika starkmachte und dafür den Friedensnobelpreis erhielt, genau in dem Jahr, als ich dieses gelobte Land zum ersten Mal betreten sollte: 1987. Ich hatte es Roland fest versprochen.

Kartoffeln an der Leine

Mein Studium der Biologie hatte ich wenige Monate zuvor erfolgreich abgeschlossen und wollte es mit einer Promotion krönen. Sehr bewusst hatte ich dafür eine inhaltsreiche tropische Pflanze als Forschungsobjekt gewählt: die Yamswurz, und zwar nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere: Dioscorea bulbifera, deren Knollen nicht in der Erde, sondern an den Blattachseln der Ranken wachsen und tatsächlich ein bisschen aussehen wie Kartoffeln an einer Wäscheleine. In ihren Knollen und Blättern produziert die Pflanze sogenannte Diosgenine, dem Progesteron ähnliche Hormone, die schon die Urvölker zur Verhütung nutzten und die später zur Entwicklung der Antibabypille führten. Für die Herstellung der menschlichen Hormonpräparate wurden die Pflanzenhormone aus der Yamswurz nur minimal chemisch verändert.

Die tropische Pflanze schürte meine Sehnsucht nach den feuchtheißen Tropen, dem Dschungeldach und einem großen Abenteuer, nach einem Haus in den Wipfeln des Urwaldes, zwischen all den Wundern der Natur. Mit großem Elan stürzte ich mich in die Vorbereitungen, verschlang Bücher über tropische Pflanzen und verbrachte jede freie Minute in den Gewächshäusern des Frankfurter Palmengartens.

Schon als Kind war ich Dauergast in diesen Tropenhäusern und fasziniert vom Dschungel gewesen und hatte davon geträumt, im richtigen Dschungel einmal große Abenteuer zu erleben. In den Tropicarien des Frankfurter Palmengartens hatte ich wahrscheinlich mehr Zeit verbracht als auf Spielplätzen. Der Duft des Dschungels, den ich in den Gewächshäusern inhalierte, hatte stets eine unglaubliche Sehnsucht in mir entfacht.

Da der Palmengarten in direkter Nachbarschaft zu meiner Universität lag, konnte ich selbst in der Mittagspause den Atem des Dschungels einsaugen und die unglaubliche Artenvielfalt studieren. Bevor ich einen Fuß auf echte tropische Erde gesetzt hatte, war ich Expertin für Tropenökologie und führte als Werksstudentin die verschiedensten Gruppen durch diese Gewächshäuser: Volkshochschulgruppen, Schulklassen, Kegelklubs und viele andere Interessenverbände, aber ganz besonders geprägt haben mich die Führungen von Blinden.

Bevor ich die erste Blindengruppe durch die Gewächshäuser navigierte, war ich ziemlich panisch. Alle meine Erklärungen des komplizierten Zusammenlebens von Pflanzen und Tieren im Regenwald hatten sich im Wesentlichen auf Formen und Farben bezogen. Auch meine Erklärungen über Inhaltsstoffe, Gifte und Heilmittel bezogen sich stets auf eine visuell erfassbare Pflanze. Ich überlegte fieberhaft, wie ich den Dschungel blind begreifbar machen konnte und stakste mit geschlossenen Augen durch die Gewächshäuser. Natürlich: Es waren die Düfte des Dschungels, die Blinde viel besser wahrnehmen als sehende Menschen. Zum ersten Mal ordnete ich den wunderbaren, lieblichen Duft der Frangipani, Plumeria alba, zu, das fruchtige Odeur der Mango, Mangifera indica, den frischen Geruch den Kaffeeblüten, Coffea arabica, und vieles mehr. Ich inhalierte nicht mehr nur das Gesamtbouquet des Tropenwaldes, sondern versuchte, jede einzelne Pflanze »zu erschnüffeln«.

(Continues…)


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Table of Contents

Vorwort,
1. Kapitel: Der Ruf des Dschungels,
2. Kapitel: Mondholz,
3. Kapitel: Das Flugzeugbaumhaus,
4. Kapitel: Frühstück mit Faultier,
5. Kapitel: Sehnsucht Dschungeldach,
6. Kapitel: Zwischen Himmel und Erde,
7. Kapitel: Der Traum wird wahr,
Epilog,
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