Erben

Erben

by Martina Bilke, Sonia Lauinger

NOOK Book1. Aufl. (eBook - 1. Aufl.)

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Product Details

ISBN-13: 9783942637343
Publisher: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Publication date: 08/30/2013
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 232
File size: 2 MB

About the Author

Nach Oberfranken, Freiburg, Mainz, Wien und Caracas bekennende Karlsruherin mit immerwährendem Hang zum Schreiben tragikomischer Texte.

Read an Excerpt

Der Leipziger Südfriedhof ersoff in Schnee. Die Flocken fielen, fielen wie von weit und der Himmel lastete und drückte und senkte sich über die Parklandschaft. Schneefahnen wehten herab im Wind, trostlose arme Seelen. Sie breiteten sich über Gräber und Wege, wickelten sich um Bäume, die mit schwarzen Ästen in den Himmel stachen, legten Decken über Straßen und Wege, rollten Teppiche aus in die Ewigkeit. Ein dunkler Fleck von Menschen sammelte sich im beziehungslosen Weiß. Einzeln waren sie aus dem kleinen Blumenladen herausgetreten, wo sie, Mann um Mann, Frau um Frau, jeder ein Sträußchen von drei mit etwas Tannengrün zusammengebundenen Rosen gekauft hatten als letzten Gruß an die ganz unerwartet dahingegangene Erbtante Leni. Der eine hatte sich für ein zartes Gelb, der andere für ein dunkles Rot entschieden. Ein Dritter hatte sich nicht entschließen können und war bei einem Farbton zwischen Lachs und Rosa hängen geblieben. Wieder ein anderer wollte dem Anlass so gerecht werden wie der Winterhimmel und hatte Weiß gewählt. Hier war der Ort, wo man in die Ewigkeit investierte. So standen sie beisammen mit ihren Sträußchen, Figuren in einem Spiel, dessen Ausgang ungewiss war. Vor ihnen erstreckte sich die unermessliche Allee, die zu der weit entfernten Aussegnungshalle führte, hinter dem stetigen Flockenfall erahnte man ihre Umrisse. Fanni Wünsche, das Patenkind der Verstorbenen, und ihre Cousine Doris Rothermund trafen gegen halb ein Uhr ein, chauffiert von ihrem Vetter Klaus, der einem anderen Zweig der Sippe entstammte und sie auch schon in die Innenstadt begleitet hatte. Sie kamen vom Amtsgericht, wo ihnen als Stellvertreterinnen ihrer beider Familien an eben diesem Vormittag Leni Bertolds Testament eröffnet worden war. Als die drei aus dem Wagen stiegen, gab es die familienübliche Begrüßung, Küsschen hier, Küsschen da, Küsschen dort. Die Gesellschaft bildete Grüppchen, die nacheinander den langen Weg zur Trauerfeier antraten, endlos dehnte sich die weiße Straße. Ebenso weit zog sich die Schar der trauernden Verwandtschaft auseinander, wie Fanni bemerkte, als sie sich einmal umdrehte. Fannis Schwester Mona und ihre Cousine Doris blieben immer wieder stehen, zwischen sich die greise Mutter und Tante Hertha Rothermund. Von beiden Seiten her versuchten sie ihr vermutlich gerade beizubringen, in welch unerwarteter Erbengemeinschaft sie sich nun befand. Denn entgegen allen Erwartungen war ihr als der nächsten Anverwandten Lenis und folglich Hauptleidtragenden nur ein Drittel des Erbes zugefallen. Das Gesamterbe musste sie sich mit dem Lebensgefährten und darüber hinaus noch mit einem Jugendfreund Lenis teilen, die der Verstorbenen während der DDR-Zeit in Leipzig zur Seite gestanden hatten, also fast ihr ganzes Leben lang. Die weitläufige Westverwandtschaft hingegen hatte den Kontakt zu ihr mit Briefen, Karten und Päckchen gehalten und an den Weihnachtsfeiertagen eine Kerze ins Fenster gestellt. Fanni führte mit Beate den Zug an, der in der weißen Ewigkeitswatte nicht vorwärtszukommen schien. Sie waren unschwer als Schwestern zu erkennen. Beide waren etwa gleich groß und hatten ehemals braune krause Locken, die jetzt von grauen Strähnen durchzogen waren, vor allem bei Beate überwog schon das Weiß. Fanni zog sich im Gehen die Kapuze ihres Mantels über den Kopf und drängte voran. Sie fror und wollte nach ihrer glücklosen Odyssee durch das Labyrinth des Amtsgerichts endlich irgendwo ankommen, und sei es am Grabe.

Table of Contents

Impressum Das Buch - Die Autorin - Der Maler 1. Kapitel 2. Kapitel 3. Kapitel 4. Kapitel 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel 13. Kapitel 14. Kapitel 15. Kapitel 16. Kapitel 17. Kapitel 18. Kapitel 19. Kapitel 20. Kapitel 21. Kapitel DANKE Weitere Bücher erschienen bei Der Kleine Buch Verlag

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