Schandtat: Ein Felidae-Roman

Schandtat: Ein Felidae-Roman

by Akif Pirinçci

NOOK Book(eBook)

$10.99
Available on Compatible NOOK Devices and the free NOOK Apps.
LendMe® See Details
Want a NOOK ? Explore Now

Overview

Schandtat: Ein Felidae-Roman by Akif Pirinçci

Mord kennt kein Vergessen – Francis' größter Fall

Satt und faul liegt Kater Francis mit seiner geliebten Sancta vor dem Kamin und trauert seinem Reißzahn nach, den er beim Kampf mit einer fetten Ratte verlor. Doch Francis junior, der kleine Klugscheißer, drängelt und will endlich wissen, wie sein Vater zum Meisterdetektiv wurde. Den ungelösten Mord an seiner Familie hat Francis nie verwunden, nun steht ihm mit Junior endlich ein Helfer in eigener Sache zur Seite ...


Product Details

ISBN-13: 9783894804176
Publisher: Diana Verlag
Publication date: 04/17/2008
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 336
File size: 312 KB

Read an Excerpt

Die Geschichten, die guten Geschichten, die aufregenden und die, die das Herz berühren, jene, die es wirklich lohnt anzuhören - wo kommen sie her? Wie könnte es anders sein: natürlich aus der Vergangenheit! Es sind die alten Geschichten, aus einer Zeit, als alles neu war und man selbst noch jung. Denn die Jugend ist ein ambivalentes Geschenk, von dem der Beschenkte nicht weiß, daß es ihm überhaupt zuteil wurde, geschweige denn daß es zu guten Geschichten taugt. Die Jugend - man weiß sie erst viel, viel später zu schätzen. Doch dann ist es zu spät. Und zurück bleiben nur die alten Geschichten.
"Wie wurdest du so, wie du jetzt bist, Paps?" wollte Junior wissen.
"Du meinst, uralt?"
Ich befühlte mit der Zunge den fabrikneuen, linken Reißzahn aus Kunststoff, den mir der Zahnarzt erst am vorigen Tage unter Vollnarkose eingesetzt hatte. Der echte war mir während eines Kampfes mit einer fetten Ratte im Garten einfach so abgefallen. Ich hatte gestutzt, das Hauen und Stechen kurz unterbrochen und blöd auf das gute Stück geglotzt, das nun blutbefleckt im Nacken des Widersachers wie eine Nadel im Kissen steckte. Die Ratte hatte ebenfalls blöd geglotzt, konnte es sich jedoch in ihrer Ratteneinfalt nicht verkneifen, ein Hohnlachen auf ihr spitznasiges Rattengesicht zu zaubern. Mir war nichts anderes übriggeblieben, als in meiner Trauer über das verlustiggegangene Teil ihre Gurgel einfach mit einer Kralle aufzuschlitzen. Danach lachte sie nicht mehr. Vielleicht war ich also doch nicht so alt, wie ich glaubte.
Es war der dritte Advent, und draußen ums Haus blies ein eisiger Wind, in den sich allmählich die ersten Schneeflocken mischten. Doch wir hier drinnen hatten es nicht nur warm und behaglich, sondern wir hatten viel mehr als das, nämlich uns! "Wir hier drinnen", das waren mein neunmalschlauer Sohn Junior, der die anstrengende Angewohnheit besaß, alles genau wissen zu wollen, meine geliebte Sancta, ein Mitbringsel aus Rom, die mich auf meine alten Tage auf den rechten Pfad der Monogamie zurückgebracht hatte, mein bester Freund Blaubart, dessen Alter wie bei dieser einen ägyptischen Mumie wohl nur noch ein Computer-Kernspintomograph zu diagnostizieren vermag, und meine Wenigkeit. Wir alle lagen zu später Stunde Flanke an Flanke auf dem Schaffell vor dem Kamin. Der Flammenschein der brennenden Holzscheite, die einzige Lichtquelle im Raum, tauchte unsere Samthaar-Gesichter in ein rötliches Zwielicht.
Nun ja, natürlich befand sich noch einer im Wohnzimmer, oder besser gesagt, er nahm es ein. In einem von uns gelegentlich als Kratzbaum benutzten, zerfurchten alten Ledersessel hinter unseren Rücken schnarchte Gustav immerhin leise vor sich hin. Sein Elefantenschädel bedeckte fast die gesamte Kopfstütze, seine hundertundfünfzig Kilo ließen die Konstruktion unter ihnen ächzen, wenn er sich in seinem Dämmerzustand bewegte. Von was er wohl träumte? Doch vermutlich träumte er gar nicht, sondern genoß es einfach, daß er es auf seine alten Tage doch noch zu etwas gebracht hatte. Er war ein inzwischen weltweit anerkannter Archäologe, dessen Schriften über versunkene Reiche ihm von den angesehensten Institutionen förmlich aus den Händen gerissen wurden. Und was hatten diese Hände all die Jahre nicht alles anstellen müssen, um uns beide über die Runden zu bringen: "Kurzromane" für Frauen jenseits der Menopause schreiben ("Gisela - geschändet und um die Rente betrogen!"), Telefonate während einsamer Nachtwachen in Call-Centern entgegennehmen ("... wenn Sie uns statt einem drei Särge der Güteklasse C abnehmen, bekommen Sie einen vorgravierten Grabstein mit der Inschrift Hier liegen meine Gebeine/Ich wünschte, es wären deine gratis ..."), oder ganz emsig die Computertastatur bedienen und gegen ein Entgelt von fünf Euro medizinische Ratschläge absondern (". ich verstehe, Sie haben also Diabetes, Bluthochdruck, Panikattacken und Fußpilz - haben Sie es schon mit Aspirin versucht?").
Diese entbehrungsreichen Zeiten lagen aber schon weit hinter uns, und Gustav und ich genossen das saturierte Dasein eines Akademikerpaares mit den üblichen Wonnen. Renovierter Altbau mit honigfarbenen Holzdielen, klassische Musik am Abend im Kerzenschein, wobei er sich geistlos an seinem Mozart erfreute, wogegen ich mich mehr an Benjamin Britten orientierte, er wie immer an seiner Flasche Chablis nuckelnd und ich mich wie gewöhnlich an meinem Evian aus dem Wassernapf berauschend. Aber es wurde auch hart gearbeitet in dieser Wohnung. Gustav hockte die meiste Zeit, und wie mir vorkam immer verbissener, über den Zeugnissen aus der alten Welt und versuchte daraus Erkenntnisse für unsere neue zu destillieren.
Dies bedeutete natürlich keineswegs, daß ein Mensch mit dem Erscheinen eines Zeppelins und der Alltagstauglichkeit einer mathematischen Formel vermittels bescheidenen Wohlstands automatisch zu einem souveränen Wesen mutiert wäre. Mitnichten! Immer noch brachte es mein bemitleidenswerter Dosenöffner fertig, auf der Jagd nach einer debilen Mücke die Fliegenklatsche so ungeschickt zu schwingen, daß er sich bei der Aktion mindestens einen Knochen brach. Immer noch ähnelte seine Meinung über die Weibchen seiner Spezies der eines Lords aus der viktorianischen Epoche, was mangels Entsprechungen in der Realität zwangsläufig seine Dauer-Unbeweibtheit zementierte. Und immer noch kochte er in solchen Mengen, als erwarteten wir stets eine vierzehnköpfige Großfamilie aus der Ukraine zu Besuch. Sein Leibesumfang und die Bodenbalken der Wohnung strebten unabwendbar einer Katastrophe entgegen - und ich als geflissentlicher Resteverwerter in ästhetischer Hinsicht nicht minder.
Nichtsdestotrotz war und blieb er mein Gustav: ein exzellenter Lakai (ohne sich dessen bewußt zu sein), ein getreuer Streichelroboter, für dessen Aktivierung ich nicht mehr als zwei Mimiken der Niedlichkeit vorzutäuschen brauchte, und ein ewiges Studienobjekt der Narreteien des menschlichen Seins. Ich möchte hierbei nicht unterschlagen, daß er inzwischen auch die Anwesenheit meines
"Anhangs" in der Wohnung akzeptierte. Soweit zu den Komplimenten. Er nervte mich trotzdem ungeheuer. Aber wie der Dichter schon sagt: Erst kommt das Fressen und dann ...
Nicht nur Gustav, auch ich arbeitete oft bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Thema Vögel: Wir gelten als hervorragende Jäger dieser Spezies. Zeugt es da nicht von Weisheit, ja schierer Erleuchtung, daß ich auf meine alten Tage zum Ornithologen geworden war? Im Frühling, wenn diese ihren Schiß aus luftiger Höhe ausklinkenden Kreaturen die Bäume zu bevölkern pflegten, war normalerweise meine große Zeit gewesen.

Customer Reviews

Most Helpful Customer Reviews

See All Customer Reviews